Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 19 (13.5.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-05-13
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite i Nr. iS starke Vorliebe für Len Antisemitismus. Mit der Zeit wird setz Nachweisen. Den Einfluss des Berufes auf die Gedankensich der Judenhass in den Lehrbüchern der Massenpsychologie welt, die Vergleiche, Bilder u. s. w. Der Mann, der sich im Capitel „Gemüthlichkeit" das wohlbegründete Bürgerrecht intensiv mit Cravaten beschäftigt, der, wie man sagt, den Kopf erwerben. Es wird beim Taxieren der Gemüthlichkcit der voll Cravaten hat, muss naturgemäß sehr leicht auf die Tvdes- Grad des Judenhasses ein untrüglicher Maßstab sein. Je mehr art der „hänfenen Cravate" verfallen. Aehnliche Associations- Gemüthlichkeit, desto mehr Judenhass und umgekehrt. gesetze mögen auch bei der ersten der vorgeschlagenen Todes Mit einem ähnlichen Mangel sind die Lehrbücher der Volkswirtschaft ausgestattet. Sie wenden dem Thema „Jud" eine viel zu geringe Aufmerksamkeit zu. Die Gesinnungsgenossen des Abgeordneten Bielohlawek, der in die Gebrechen jeder Büchertheorie tief eingeweiht ist, haben den genannten Mangel auch bald erkannt und sie beschlossen, ihn in der Praxis gut zu machen. Wie ernst sie ihre Aufgabe genommen, bewies die Kornzolldebatte vom 6. Mai. Mit dem Thema „Jud" wurden wahre Orgien gefeiert. Wo sich eine Lücke zeigte, wurde sie mit einer Handvoll Juden verstopft. Woher stammen die niedrigen Getreidepreise? — Der Jud hat's gemacht. Warum ist das Brot theuer? — Der Jud hat's gemacht. Wer will das Getreide verbilligen? — Der Jud. Wie kann man die Getreidepreise erniedrigen? — Indem man 3000 Juden aufhängt. Mit „Jud" kann man die compliciertesten Probleme lösen, kann man die größten Schwierigkeiten überwinden. Mit „Jud" kann man alles aufbauen, alles zerstören, „Jud" ist eine Wunderkrast. Und wie viel Juden laufen herum und haben gar keine Ahnung von den universellen Fähigkeiten, die sie in sich bergen. Wir haben da wieder ein Stiick Misiion der Zerstreuung, wovon die Weisen unseres Volkes so schön singen und sagen. Ein besonders instructives Beispiel von der Wunderkraft des „Jud", die der Urquell alles Bestehenden ist, hat in derselben Debatte der Abgeordnete Bielohlawek angeführt. Er wies nämlich nach, dass alle Bücher, was immer sie auch enthalten, Judenstämmlinge seien. Man müsse allen Büchern aus dem Wege gehen, — „die schreibt ein Jud vom andern ab". Der zweite folgenschwere Satz, den der gelehrte Bielol,lawek in derselben ereignisreichen Debatte dem Abgeordneten Verkauf zurief, lautet: „Lesen kann jeder, das ist keine Kunst. Erzählen Sie einmal, was Sie s e l b st wissen, nicht was Sie gelesen haben". Wenn man diesen Gedankensplitter näher betrachtet, so stößt man auf die frappierendsten Dinge. Es ist wieder eine tiefe Lebensweisheit in aphoristisch-knapper Form. In dem Satze hat Bielohlawek knudgethan, dass zwischen „Selbst - wissen" und „Gelesenhaben" ein klaffender Gegensatz besteht. Es gibt demnach zwei. Sorten von Lebewesen, solche, die etwas „selbst wissen" Kub die, die etwas „gelesen haben" : die letzteren sind ganz unmaßgeblich, da sie ihre geistige Kost aus Quellen beziehen, die bekanntlich sammt und sonders von Juden herstammen: zur ersteren Sorte, deren Hauptrepräsentant Bielohlawek ist, gehören alle Gattungen von Lebewesen, die keine Bücher lesen. Wir wollen diese anregende Gegenüberstellung, die uns zu tief in die Naturgeschichte hineinführen würde, nicht weiter verfolgen, und wollen nur auf eine zweite Wahrheit Hinweisen, die sich aus dem Bielohlawek'schen Gedankensplitter unmittelbar ergibt, nämlich, dass, alle Leute das, was sie gelesen haben, nicht selbst wissen. Es lässt sich viel über diese Wahrheit nach grübeln, aber das stimmt melancholisch. — Die Wertlosigkeit alles Irdischen. Alles ist wertlos, der Verfasser, die Bücher, das Lesen. Ach, es ist ein Glück, dass es wenigstens noch Leute gibt, die „selbst wissen". Aufgestachelt durch den Bielohlawek'schen Esprit, sah sich dann auch noch Gregorig veranlasst, in die Debatte einzugreifen. Seine Rede gipfelte in zwei Wünschen. Erstens: Man solle alle Juden zu Kunstdünger vermahlen; Zweitens: Man solle 3( 00 Börsenjuden aufhängen. Wenn wir die beiden Todesarten, die Gregorig vorschlägt, betrachten, so können wir in dem Gedankengange des Redners ein altes psychologisches Gearteu wirksam gewesen sein. Es ist also keine appetitliche Aufgabe, sich mit der Gedankenwelt Gregorigs und seiner Gesinnungsgenoffen zu beschäftigen. Nicht appetitlich und nicht unterhaltend, trotz des Abgrundes von Thorheit, der sich hinter einem jedem ihrer Worte aufthut. Ein Gefühl der Bitterkeit überkommt einen. Bon solchen Gesellen muss sich der Jude besudeln lasten. Der wrstostliche Krieg. Von O. Erter. Ein Riese und ein Zwerg zücken die Waffen gegeneinander. Der Riese ist im Gefühle seiner Ueberlegenheir znfahrend und brutal, der Zwerg ist stolz und zaghaft. Der Zwerg denkt an die Vergangenheit, in der auch er ein Riese war, und steift sich auf die Behauptung eines Besitzes, dem er seit Jahrhunderten ein harter, eigennütziger, habgieriger Herr gewesen ist; der Riese fragt nicht viel nach Besitztiteln und verschlissenen Ueberlieferungen, er ist jung, reich, entschlossen, und hat ein natürliches Verlangen, die Stärke seiner großen, plumpen Gliedmaßen zu erproben. Sie kämpfen über Welttheile und Oceane hinweg. Der ungeheure Schauplatz sind die beiden gewaltigen Meere, welche Europa von Amerika und Amerika von Asien trennen. Um aneinander zu kommen, müssen die ungleichen Kämpfer unermessliche Wasserstrecken mit ihren Schlachtschiffen und Panzerkreuzern durchfurchen, und da jeder von ihnen den anderen in der weiten, nassen Oede zu überraschen trachtet, wo er am wenigsten des Gegners gewärrig ist, so ergibt sich ein langwieriges Manövrieren kreuz und quer, ein Vorwärts- und Rückwärtsdampsen, wie wenn Zwei mit langen Stangen im Nebel herumfahren. Draußen bei einer Inselgruppe im Stillen Ocean gelingt es dem Riesen, dem Zwerge einen unsanften Rippenstoß zu versetzen, dafür aber muss er vor der Insel im Atlantischen Ocean, um welche der Streit begann, unthätig aus der Lauer liegen, bis auf hoher See das große Schlagen erfolgt sein wird. Dies ist der bisherige Verlauf des Krieges zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Weder militärisch noch politisch ist diesem Kriege bisher eine besonders interessante Seite abzugewinnen; dafür aber hat er durch seinen colossalen geographischen Horizont etwas Phantastisches, und mehr noch bietet er dem Geschichtsphilosophen einen höchst nachdenklichen Stoff. Der Zwerg wird unterliegen, weil er ein Zwerg, der Riese wird siegen, weil er ein Riese ist; das Beispiel von David und Goliath ist auf die Beiden nicht anwendbar, weil diesmal Goliath, auch wenn ihm ein Stein an den Schädel fliegt, sich immer wieder erheben wird, David aber, ausgezehrt, von inneren Fiebern geschwächt, durch alle Sünden verkommen ist und durch einen einzigen wuchtigen Prankenschlag des Gegners zerschmettert werden muss. Dem Zwerge thut auch, wie das . schon so in der Well zu gehen pflegt, niemand etwas zuliebe, er ist ganz auf sich allein angewiesen, und wenn ihm die westindischen, vielleicht auch die ostasiatischen Colonien, die er zu behaupten nicht mehr stark genug ist, abgeknöpft sind, so wird er obendrein noch sehr froh darüber sein müssen, dass ihm nicht etwa daheim im europäischen Neste verzehrendes Feuer ausbricht. Wenn aber der Ausgang eines Krieges im voraus zweifellos ist, so ist der Krieg