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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
Der Antigoyismus in Zion
Date
1898-05-06
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 j*$war Nr. 18 Morgen werden wir den hundertsten Jahrestag des I. Baseler Congresses feiern. Ten Manen unserer Vorfahren, der Regeneratoren unseres Volkes werden wir voll Ehrfurcht den Zoll unseres Enthusiasmus für die Freiheit und Gleichheit aller Menschen entrichten. Ueber unseren Verhandlungen fühle ich die Geister Nordau's, Herzl's, Birnbaum's und der vielen anderen schweben. Und es ist nur ein natürliches Zeichen meines Respectes vor unserem hochgeschätzten Präsidenten, wenn Jcf) diesen Namen auch den feines Ahnen beifüge, dessen Ruhm säst den der Ruhmvollsten seines Jahrhunderte» übertrifst, da er den widerstrebendstcn und entjudetesten Thcil des Judenthnms der Welt, die französischen Juden, zu feurigen, enthusiastischen Zionisten umgestaltete. In diesem Geiste, von dem, wie ich überzeugt bin, der ganze Gerichtshof erfüllt ist, beantrage ich in Rücksicht auf die zweifellose Schuld Biermouds das Strafmaximum: „die Herausgabe einer Geschichte der antisemitischen Verleumdungen im Laufe der Jahrhunderte und, um dies auszuführen, seine Internierung in die Zwangsbibliothek". Wenn er seine Strafe abgebüßt hat, außerdem noch zehn Jahre „Signatur". Die Philosophie der Strafe bei den Inden. Die Strafe, welche der Generaladvocat beantragte, ist sehr streng. Bekanntlich gibt es in Palästina keine Gefängniffe, und alle Vergehen müssen in einem gesetzlich normierten Maße im Zustande der Freiheit gut gemacht werden. Da man die Unwissenheit des Delinquenten nicht durch Ehrlosigkeit strafen will, so ist seine Strafe die erzwungene Beschäftigung mit den Wissenschaften. Man verurtheilt ihn also dazu, sich zu bilden und ein Meisterwerk zu schaffen, dessen Erträgnis während des Verlaufes von zehn Jahren zwischen dem Verurtheilten und dem Verleumdeten getheilt werden muss. Die „Zwangsbibliothek" liegt in der Provinz. Es ist ein weitläusiges Gebäude in einem ungeheueren Parke, das rings von Mauern umgeben ist. Das ganz freiheitliche Regime richtet sich, was Nahrung und Bequemlichkeit betrifft, nach dem Werte der geleisteten Arbeit. Alle Verurtheilten find geheilt und reuig von dort zurückgekommen, einige svgar sehr weise. Die „Signatur" bedeutet eine Verschärfung der Strafe. Nach Verbüßung seiner Strafe kann der Freigelassene nichts publicieren ohne seiner Unterschrift hinzuzufügen: „Verleumder des Herrn So und So." Das verhilft nicht nur seinem Opfer zu einer moralischen Rehabilitierung, sondern macht auch alles verdächtig, was er selbst schreibt. Er muss also zehnmal die Wahrheit betheuern, ehe er Glauben findet. Diese lang andauernde Vorsichtsmaßregel ist eine sehr heilsame Dreffur. Plaidoy er und Urth cil. Nach dem Anträge des Generalprocurators nahm Herr Starrkopf das Wort. Nach dem palästinensischen Gesetzbuche darf kein Plaidoyer länger als 15 Minuten dauern. Deshalb ist die Advocatursprnfung eine sehr schwierige, aber deshalb werden auch nirgends von den Bertheidigern so wenig unnütze Phrasen gemacht und so wenig Gemeinplätze vorgebracht als in Palästina. In seinem Paidoyer weist Starrkvpf darauf hin, dass sein Client in einem bedauerlichen Jrrthum gewesen sei. Als mildernd komme sein Fanatismus und sein Atavismus in Betracht. Viermond kenne seine wenig illustre Abstammung ganz und gar nicht. Sonst hätte er niemals geschrieben. Was die Christen jetzt durch ihn erleiden, sei nur die Folge davon, dass die französischen Christen zn ihrer Zeit nicht seinen Großvater Dreimond unschädlich gemacht haben. In Anbetracht besten, dass Biermond eigentlich noch unter Dreimond's Mistethaten leide, bittet er um die Gewährung mildernder Umstände und um das Strafminimum. Der Präsident zu Biermond: Nach Ihnen, was für Strafe würden Sie verdienen? Biermond: Das beantragte Strafmaximum ist zu groß als Strafe für mein Vergehen und zu groß für meine geistigen Fähigkeiten. Um alle antisemitischen Verleumdungen im Laufe der Jahrhunderte zu beschreiben, bedarf es dreier Schriftstellergenerationen und noch niehr. Ich wäre also sozusagen zu lebenslänglicher Arbeit verurtheilt. Die härteste Strafe hat mich ohnedies schon betroffen. Es brennt mir auf der Seele, dass ich von einem Antisemiten abstammen soll. Bon diesem Schlage werde ich mich nie mehr erholen. Im übrigen glaube ich, dass die Geschichte des Antisemitismus am schweizerischen Congo eine genügende Strafe wäre. Schließlich bringt der Präsident Biermond dazu, dass er selbst die Strafe annimmt. Der Gerichtshof zieht sich hieraus zur Berathung zurück und verkündet dann unter den üblichen Formalitäten das Urtheil. Viermond erhält als Strafe die Aufgabe, eine Geschichte der antisemitischen Verleumdungen des XIX. Jahrhunderts zu schreiben, wobei die Arbeit aus zehn Jahre „Zwangsbibliothek" veranschlagt ist. Zur Erleichterung seiner Arbeit werden ihm seine eigenen Familienschristen zur Verfügung gestellt. Außerdem erhält der Berurtheilte fünf Jahre „Signatur." Biermond erbleichte bei der Verkündigung des Urtheiles, fasste sich aber wieder auf Zureden seines Bertheidigers. Der Eindruck des Urtheils in Jerusalem. Nachdem die Verhandlung zu Ende war, strömte das Publicum hinaus. Auf dem Nordauplatz herrschte Ruhe. Die Nacht brach an. Auf den Boulevards war reges Leben. Mit großer Genugthuung wird das Urtheil besprochen. Die Leute beglückwünschen sich alle. Das ist das Ende des Antigoyismus... Allmählich ändert das Gespräch seinen Charakter. Tie Häuser sind illuminiert. Morgen ist ja das Fest des hundertjährigen Gedenktages des ersten Baseler Cougreffes. Es wird ein großer Aufzug stattfinden, bei dem man alle Congresstheilnelmer des letzten Jahrhunderts darstellen wird. Die Nachkommen der Zionisten werden ans prächtig geschmückten Tribünen placiert sein. Man verspricht sich eine herrliche Feierlichkeit im Pantheon, wo die kurze Feier der großen Männer durch ein Vocal- und Jnstrumentalconcert von 3000 Leviten abgeschlossen werden wird. In drei Tagen ist der hundertste Gedenktag des Schlusses des ersten Baseler Congresses — die Eröffnung der internationalen Ausstellung in Jerusalem. Zion sieht wieder die schönen Tage der biblischen Zeiten. Zabnlon ben Bahar. Für die R'.*"' * der Copie: Sein A h n e: acques Bahar. Mendelr Lohengrin. Die Geschichte eines Musikanten. Von H. Hork-Steiner. (Schluss.) „Wie heißt das Buch?" „Das Judenthum in der Musik." „Ich danke Ihnen." Er wollte gehen, drehte sich aber wieder zurück. „Und kriegt ma das wo zu borgen oder zu kaufen?" „Es ist im 5. Band der gesammelten Schriften vor Wagner erschienen." „So, so, im 5. Band in Wagner's Schriften, so, so." Damit gieng er. Chaim Freund's Sohn schien seiner Zweck erreicht zu haben. Mendele gieng zwar noch imme: träumerisch umher, er mied seine Orchestercollegen, hie uni da aber drängte er sich wieder unter die Leute, er witzelte er sang zeitweilig eine alte Melodie vor sich hin, er wa dann sogar lustiger als früher. Die Stimmung Mendele's war für die Gemeinde un diefe Zeit nicht ohne Wichtigkeit, denn am Lag Beoimer am 33. Tag der Oimerzählung, sollte eine Hochzeit statt finden. Oimer, das sind die 49 Tage, die vom Passah abend bis zum Schewuausfeste vergehen, dem Tage de Offenbarung, der Uebergabe der zehn Gebote an Mose- In dieser Epoche darf nur an einem Tage, an dieser 33. Tage der Zählung geheiratet werden. Und dieser Ta vergeht selten in einer Judengemeinde, ohne durch ein

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