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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Article
[Kommentar]
Date
1898-05-06
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr 18. JfcOWde Seite 13 noch zuletzt in Briefen in begeistertsten Worten aus. Auch im letzten Briefe, den ich von ihr empfieng — er ist vom II. März — spricht sie von der Judenfraae. Wie tief beschämend ist dieses Verhalten der Tochter einer Christin und eines getauften Juden für jene im Judentum noch erzogenen Gesinnungsgenossen, die ihre Abstammung um jeden Preis verleugnen und verwischen möchten! Wie der Antisemitismus in Deutschland von einem Franzosen betrachtet und erklärt wird, lehrt uns der Artikel von Henri Lavigne, „Der Antisemitismus in Deutschland", den die Leipziger „Gesellschaft" veröffentlicht. Vom 'Antisemitismus sagt er im Allgemeinen: „Der Hass gegen die Juden ist in Europa unzweifelhaft Jahrhunderte alt. 'Aber der Antisemitismus, der Eonslict zwischen Arier und Semiten, gehört unserer Zeit an. Es ist ein Uebel, welches erst seit der Emanciparion ausgetreten ist und für das Deutschland eine neue Bezeichnung erfand. In Europa verbreitete er sich von Ost nach West: er erreichte Frankreich, nachdem er Oesterreich und Deutschland durchschritten hatte" Dann characterisiert er das Verhältnis der antisemitischen Bewe¬ FeuU Der RntiHvyisurus in Zion. Von Jacques Bahar. Brief des Specialcorrespondenten der „Algier Colonial Times." (Schluss '). Die Antragftellnng. Nun hat der Generaladvvcat Gabriel van Kessel das Wort. (Er stammt von holländischen Inden ab). Meine Herren, sagte dieser Beamte, nach dem Gesetze darf meine Antragstellung die Zeit von fünf Minuten nicht überschreiten. Sie wird diese Grenze nicht einmal erreichen, so klar ist die Sache. Was mich betrifft, so bin ich sehr glücklich, dass der Mann, der seit Jahren von Zweideutigkeiten lebt, endlich durch einen Kalauer über die alltägliche Zweideutigkeit des Wortes „Staatsbauten" zu Falle kommt. Man fragt sich, wieso in unserem Lande, der Zufluchtstätte der Wissenschaft, der Logik und des concreten, gerechten Urtheils, ein literarisches, historisches und polemisches Verfahren wie das Viermonds, einen Kreis finden konnte, der imstande war, diesen Mittelmäßigsten der Schriftsteller groß zu machen. Der wie man zugestehen muss, ganz bedeutende Ruf, den er hat, ist nur dem unserem Volke von Natur aus innewohnenden Hang zuzuschreiben, es niemals zuzulassen, dass ein Jrrlhnm Glauben stnde, und einer Lüge wegen hundert Widerlegungen hervorzurufen. Es ist das unstillbare Verlangen nach Controle durch das Volk selbst, welches es bei solchen Gelegenheiten immer die Sache bis ans den Grnnd verfolgen lässt. Daher kommt der buchhändlerische Erfolg dieser Werke. Tie Spekulation falscher Gelehrter und Sophisten bedeutet keine wirkliche Gefahr bei einer Nation, die so skeptisch ist, dass sie selbst am Worte Gottes und der Propheten gezweifelt hat, und welcher am Tage eines Wahlscrutiniums Krystallurnen zur Verfügung gestellt werden müssen, innerhalb welcher sie den Weg verfolgen will, den ihre Stimmzettel nehmen, wenn sie in die Urne geworfen worden sind. Aber dcese Geschichtsschreiber der Phantasie, diese Sociologen einer für immer verachtungsvoll abgethanen Epoche werden gefährlich, wenn sie die Ehre von Privatleuten oder gar Leuten, die im öffentlichen Leben stehen, anzugreifen sich unterfangen. Cin zweiter Zwischenfall. Der Präsident: Keine Ueberrreibung! Die Männer des öffentlichen Lebens haben nicht mehr Ehre als die anderen. Der Generaladvvcat: Gewiss! Gewiss! Aber in der Art; es handelt sich um mehr als die Mannesehre, selbst als die Ehre der Marine. . . Der Präsident: Die Ehre der Marine? Was ist denn das wieder für eine Erfindung? Ich kann eine derartige Ausdrucksweise hier nicht zulafsen. Die Marine, die Armee, die Behörden haben in Palästina keine Specialehre. Sie haben einfach einen Auftrag, und die Beauftragten haben Pflichten *) Vide Nr. 14, 15 und 17 der „Welt". II. Jahrgang. gungen in verschiedenen Ländern zu einander: „Der französische Antisemitismus unterscheidet sich wesentlich vom deutschen und nähert sich mehr dem österreichischen. Um den Dr. Lueger und den Prinzen L i e ch t e n st e i n schart sich eine Demagogie, die ziemlich genau der boulanaistischen Bande gleicht, die heute das Gros der antisemitischen Partei Frankreichs bildet". Sonst urtheilt er über die Genesis des Antisemitismus ganz oberflächlich. „Der Liberalismus ist nicht deutscher Herkunft. Der Jude, welcher der Revolution seine Befreiung verdankt, wurde in Deutschland der Träger der Ideen, die liberale Presse ist fast ganz in den Händen der Juden". Und nun erkläre sich der Hass gegen diesen Liberalismus aus dem Judenhass. „Es scheint, als stünden jüdische und germanische Weltanschauungen in unversöhnlichem Gegensatz zu einander, als bilde dieser Gegensatz den innersten Kern des Streites zwischen Judenthum und Christenthum. Man wird einwenden, die christliche Weltanschauung sei ja aus der semitischen hervorgegangen,das Christenthumseinur ein sortgesetzes Judenthum. In der Thar erklären Dühring und Nietzsche — vollkommen logisch — beiden den Krieg". l k t 0 tt. wie eben alle Welt. Eine Armee hat nur einen Ehrenvorrang, den vor der von ihr geschlagenen Armee. Und das bringt sie nur zustande durch das Land und die Kräfte aller, welche es zusammenfasst. Seien sie überzeugt, dass die Ehre einer Gefammtheit nur begreiflich ist als Gegensatz zur Unehre einer anderen. Und das haben die Begründer unserer Station wohl verstanden, als sie dem, der die Einrichtung eines Ehrenzeichens vorschlug, antworteten: „Einverstanden! Unter der Bedingung aber nur, dass auch ein Zeichen für die Niedertracht gestiftet werde." Möge es Gottes Wille sein, dass bei uns niemals von der Ehre der Marine, der Armee oder der Behörden gesprochen werde. Das ist die beste Gewähr dafür, dass unser Land diese Ehre auswärts genießt, denn für unser Land allein besteht das Recht und die Nothwendigkeit, eine besondere Ehre zu genießen. Ich habe geglaubt, auf diesem Punkte etwas länger verweilen zu sollen, denn jede Gelegenheit scheint mir dazu gut, um das Gewissen einer Station zu stärken. Mein werter Herr Generaladvocat, Ihre Theorie ist gefährlich. Der Generaladvvcat: Ich habe gedacht, die Gefahr einer solchen Metapher für unser Land nicht fürchten zu müssen, wenn sie auch hinsichtlich des philosophischen Gesichtspunktes falsch ist, unter dem sie unser verehrter Präsident betrachtet. Wir, ein Volk, dem die Gleichheit — ohne irgend welche Einschränkung — in Fleisch und Blut übergangen ist, wir, die voll Leidenschaft für die Wissenschaften und die Erziehung der Jugend sind, wir sind gewiss weit davon entfernt, irgendwelche Sympathie für eine Säbelherrschaft zu empfinden. Aber gerade die Verletzung der persönlichen Ehre müsste uns zu dieser schmählichen Vorherrschaft des Säbels führen. Gewiss ist es nicht unsere Sache, und wird man es nicht von uns erwarten, dass wir die Panegyriker der christlichen Civilisation sein sollen, unter der unsere Vorfahren so grausam zu leiden hatten. Die Vorwürfe aber, die Viermond gegen diese Civilisation erhebt, sind nicht nur aus die Christen zu beziehen, welche wir in unserer Mitte wohnen lassen, sondern auch auf ferne Länder und besonders auf heute bereits verschwundene Völker, welche in der Finsternis des mittelalterlichen Aberglaubens des XIX. Jahrhunderts lebten. Die christlichen Fremden Palästinas sind eine der Perlen Judäas. Die besten Bürger der Welt strömen uns zu. Sie nehmen unsere Sitten an, ihr Cult nähert sich dem unseren, ihre Geistlichen sind gekleidet wie unsere Leviten. Sie weinen mit uns an unseren Trauertagen und freuen sich an unserem Jubel. Wenn sie unsere Vorurtheile und unsere oft nicht vernünftig begründeten Aversionen nicht theilen, umso besser! Das bRveist nur, dass wir aus dem richtigen Wege sind, wenn sie uns folgen. Sie bilden die Avantgarde unserer Freiheiten. So lange der Fremde in einem Lande beschirmt werden wird, so lange wird der Eingeborene dort unantastbar fein. Das ist ein allgemein giftiges Gesetz. Unsere Station, die durch den Ausbruch des Fanatismus anderer wieder zusammengefügt wurde, darf sich ihrerseits nicht der Gefahr aussetzen, durch Unduldsamkeit zugrunde zu gehen!

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