Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Article
- Budapest
- Date
- 1898-05-06
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 18 Seite 11 Budapest. (Orig.-Eorr.) In der Debatte über die Ergänzung der Gehälter von Seelsorgern der recipierten nichtkatholischen Eonfessionen, welche noch manche unangenehme Ausführungen für unsere ungarischen Brüder mit sich bringen wird, sagte der Abgeordnete Julius Säghy unter anderem : „So lange die Judenschaft confessionell nicht organisiert ist, so lange sie blos ein Gemeindeleben führt, kann sie der Staats- Hilfe nicht theilhaftig werden. Während die anderen Eonfessionen zahlreiche Culturanstalten und Schulen aufrechterhalten, haben die Juden keine Mittelschulen und nützen praktisch die Eultur anderer Eonfessionen aus. Einer Nichtorganisierten Eonfession reicht kein einziger europäischer Staat Unterstützung. Die Juden sollten in ihrem eigenen Interesse dagegen protestieren, dass man sie in diese Vorlage einbeziehe". Dann räth er den ungarischen Juden resp. der Regierung, die Einwandernng der galizifchen und schlesischen Juden hintanzuhalten. Wir zweifeln nicht, dass namentlich dieser letzte Vorschlag bei manchen Magyaren mosaischer Eonfession viel Anklang finden wird. Wie das gemacht werden und was mit den armen Menschen geschehen soll, denen man auf diese Weise eine weitere Leidensstation errichten will, darüber spricht sich Herr Säghy nicht aus. Dem einen oder anderen unserer hunnischen Juden dürfte aber endlich doch der Gedanke aufdämmern, dass für diese Massen von Unglücklichen eine Stätte geschaffen werden muss, sollen sie nicht im Elend verkommen und für die anderen Juden eine beständige Gefahr bedeuten. Vielleicht wird ihnen der letztere Grund besonders einleuchten, wenn sie geneigt sein sollten, sich über den ersten hinwegzusetzen. Deutschland. Berlin. Der „Berliner Börsencourier" meldet: Eharalteristisch für die Beurtbeilung der gegenwärtigen Stimmung in Russland gegen die dortigen Juden, über die in der letzten Zeit mehrfach einander widersprechende Nachrichten gemeldet worden sind, ist ein Bescheid, welchen der Generalprocurator des heiligen Synods Pobedonoszew in diesen Tagen drei Vertretern der Jewish Eolonisation Association, die seit einiger Zeit bemüht ist, ihre Mittel zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der ruffischen Juden zu verwenden, in einer Audienz erthcilt hat. Der Generalprocurator sagte etwa Folgendes: „Niemand glaubt, dass die Juden schlecht sind. Im Gegenlheil, sie sind eine sehr fähige Nation. Wie der jüdische Schüler fleißig und strebsam, der russische dagegen träge und gleichgiltig ist. so zeigt sich auch im großen Leben der Jude fähig, energisch und nüchtern, der Russe langsam und trunksüchtig. Gerade aber wegen ihrer guters' -schäften fürchten wir die Juden. Wir von unserem ruöitu;eu Standpunkt können eine Entwickelung der russischen Juden nicht dulden und müssen gegen eine solche Maßregeln treffen. Wir geben der Jewish Eolonisation Association die Erlaubnis, die Juden Russlands nach anderen Ländern zu bringen, aber nicht die wirtschaftliche Lage der Juden in Russland selbst zu heben". Frankreich. Paris*). (Orig.-Corr.) Die „I ew is h Co lonis ation Association" hat in den letzten Tagen ihre Jahresversammlung ahgehalten. Diesmal in B r ü s s e l. Ten Vorsitz führte Mr. Narcisse Leven, dem die Mitglieder des Verlvaltungsrathes, darunter Großrabbiner Zadoc-Kahn, S. R e i n a ch, Claude M o t e f i o r e u. A. zur Seite standen. Ter sinancielle Bericht wurde streng vertraulich behandelt, und nur der Bericht über die Thätigkeit ist für die Oeffeutlichkeit bestimmt. Dieselbe erstreckte sich 1. auf Argentinien, 2. Palästina, 3. Cypern, 4. Nordamerika, 5. Russland. In Argentinien handelt es sich nur darum, die vorhandenen Colonien aufrechtzuerhalten, nachdem die Eolonisation einmal geschehen ist. Jntereffant wäre es nur zu erfahren, was für Geldopfer dies erfordert. Es gibt dort 22 Colonien, mit einem Flächenraum von 39.827 Hectaren und 7015 Einwohnern. Ueber die Thätigkeit der Gesellschaft in P a l ä st i n a und Cypern heißt es im Bericht: Palästina. Die Thätigeit unserer Gesellschaft in Palästina ist von derjenigen wesentlich verschieden, welche sie in der Republik Argentinien ausübt. In Consequenz der vorher gefassten Beschlüsse hat der Berwaltungsrath entschieden, dort nur denjenigen Eolonisten Hilfe zu leisten, welche im Lande bereits ansäffig sind und augenscheinlich Aussicht auf Erfolg haben; sie gewährte ihnen Vorschüße gegen hypothekarischeSicherheit. In Judäa hat sich unsere Gesellschaft in diesem Jahre für die Eolonisten von Wad el-Ehanin, Rechowod und Gedera interessiert. Wad el-Chanin liegt an der Gabelung der beiden Straßen, welche von Jaffa nach Hebron und Gaza führen. Unsere Gesellschaft hatte sich seit Ende des Jahres 1896 für das Schicksal dieser Eolonie interessiert und neun Familien ein Darlehen bewilligt. *) Wegen Raummangel verspätet. um ihre Schulden zu bezahlen, ihre Installation zu vervollständigen rc. Diese Summe ist im Lause des letzten Jahres nutzbar gemacht worden. Da die Weingärten der neun Familien zu ihrer Ernährung nicht ausreichten, wurden neue Weinberge gekauft. Ferner ist ein gemeinsamer Garten angelegt, ein Theil desselben zum Gemüsebau bestimmt, der andere Theil mit Apfelsinenbäumen bepflanzt worden. Die neun Familien haben die Geräthe und das Vieh, deren sie bedürfen, erhalten; ihre Häuser wurden ausgebeßert und vergrößert. Außerdem hat der Verwaltungsrath ähnliche Hilfe sechs anderen Familien der Eolonie bewilligt. Zur Leitung dieser landwirtschaftlichen Arbeiten und zur Sicherung ihres guten Fortganges ist ein ehemaliger Schüler von Mikweh-Jsrael in Wad el-Ehanin angestellt worden. Die Eolonie Rechowoth, eine halbe Stunde von Wad el-Ehanin entfernt, wurde von unabhängigen Eolonisten und von einer Warschauer Gesellschaft (ilenuchah wenachlaii) gegründet. Diese größte Eolonie in Judäa umfasst etwa 1000 Hectar, welche ungefähr zur Hälfte der genannten Gesellschaft gehören. Die Hauptcultur ist, wie in fast allen jüdischen Eolonien Judäa's, ver Weinbau. Unsere Gesellschaft hat den unabhängigen Eolonisten und Mitgliedern der Gesellschaft Menuchah wen ach Iah hypothekarische Darlehen gewährt und zwar an zweiundzwanzig von den unabhängigen Eolonisten, um ihnen zu ermöglichen, ihre Weinstöcke zu pfropfen, neue anzulegen, Großvieh zu kaufen, Häuser zu verbessern oder auszubauen. Die Mitglieder der Gesellschaft „Menuchah wena<-hlah" werden durch das ihnen bewilligte Darlehen in den Stand gesetzt, sogar den Antheil, den sie der Gesellschaft schulden, zurückzuerstatten. Die Eolonie Gedera (Katra) liegt zwei Stunden von Wad el-Ehanin und umfasst ungefähr fünfzehn Familien. Sie wurde von dem Eornite der „Chowewe Zion" zu Odessa gegründet. und die Eolonisten sind junge Leute, welche von den russischen Universitäten ausgewiesen wurden. Sie haben vornehmlich Weinberge angelegt. Auf einem kleinen Theile der Flache bauen sie auch Gerste und Weizen. Unsere Gesellschaft hat ihnen ein Darlehen bewilligt, um ein Wasserreservoir mit Pumpwerk und eine Mühle einzurichten. In Samaria hat sich unsere Gesellschaft für die Eolonie E h e d e r e interessiert. Dieselbe liegt in der fruchtbaren Saron- Ebene, hat einen Umfang von circa 2700 Hectar und gehört drei russischen Gesellschaften (Kowno, Riga und Wilna) und einigen Privatpersonen. Die meisten der Eigenthümer sind Russen, welche sich noch nicht in Palästina niedergelassen haben. Das größte Hindernis in der Entwickelung dieser Eolonie ist ihr ungesundes Klima. Sie hat nämlich große Sümpfe, welche gefährliche Miasmen erzeugen. Nachdem wir die Sicherheit erworben hatten, dass durch deren Austrocknung der Gesundheitszustand der Eolonie sich verbessern wird, hat unsere Gesellschaft Hypotheken-Darlehen an fünfunddreißig Familien gewährt, um sie in den Stand zu setzen, Häuser und Ställe zu bauen, oder diejenigen zu vergrößern, die sie bereits besitzen, Großvieh, Futter, Aussaat, Ackergeräthe zu Die Eolonie Mi sch mar Hajarden liegt in Galiläa und umfasst circa 200 Hectar. Schon im Jahre 1896 intereffierte sich unsere Gesellschaft für diese Eolonie und gewährte dreizehn Eolonisten-Familien, welche sich dort angesiedelr haben, Vorschüsse. Während des Rechnungsjahres 1897 hat unsere Gesellschaft einen neuen Vorschuss bewilligt, um zwölf fernere Familien in der Eolonie anzusiedeln. Wie man sieht, hat sich die Thätigkeit unserer Gesellschaft in Palästina stark entwickelt. Sie hat dem Director von Mikweh- Jsrael, Herrn 9! i e g o, dessen Mitwirkung ihr sehr vortheilhaft ist, einen Vertreter, Herr H a y m, zugesellt, welcher die Verwendung der bewilligten Geldmittel zu überwachen und uns über die "Ausführung der Arbeiten auf dem Laufenden zu erhalten hat. Cypern. Die Gesellschaft hat dem Verein „Ahawas-Zion", welcher vierzig russische Familien umfasst, Hilfe gewährt. Dieser Verein hat Terrains aus der Insel Eypern erworben. Der Verwaltungsrath hat Herrn Walther S. Eohn beauftragt, an Ort und Stelle die Angelegenheit zu prüfen. Derselbe hat seine Mission mit großer Hingebung erledigt, und nach Kenntnisnahme von seinem schriftlichen Bericht und von seinen praktischen Vorschlägen hat der Verwaltungsrath der Gesellschaft „Ahawas Zion" ein Darlehen gewährt, welches sie in die Lage setzen wird, ihr Eigenthum, die Farm „Margo", in Besitz zu nehmen und mit der Arbeit zu beginnen. In Nordamerika wurden die Colonien „Alliance", „Karmel" in R o s e n h a y n und W o o d b i n e, sowie mehrere Hanowerkerschulen unterstützt. Der Wirksamkeit der Gesellschaft in Russland stehen sehr große Hinderniffe seitens der Regierung im Wege, die nattirlich der Berwaltungsrath nicht eingestehen wollte. Er hat bisher nur die Handwerkerschnlen in einigen Städten unterstützt. Zum Schluffe wird noch bemerkt, dass behufs Gründung einer Ackerbauschule in Galizien mit der Baron Hirsch'schen Stiftung in Wien Verhandlungen eingeleitet wurden.