Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Article
- Die antisemitischen Wenzelssöhne
- Date
- 1898-05-06
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 1V Nr. 18 Dieselbe^ wurde kurz vor Mitternacht wegen aufreizender Reden gegen die Juden seitens des bekannten Antisemiten Jaromir HuZek durch den landesfürstlichen Commissär Herrn Polizeicommifsär Novotny aufgelöst. Jüdische Kanfleute in Riga. Die aus Moskau vertriebenen jüdischen Kaufleute wendeten sich zum Theil nach dem Weichselgebiete, zum Tüeil nach den Ostseeprovinzen. Die Zahl der Kaufmannsscheine erster und zweiter Gilde, die vom Neujahr bis zum 1. März 1898 in Riga gelöst worden sind, betrug 11000, und aus dieser Zahl wurden 8000 von Juden erworben. Die Arrnut unter den Juden in Odessa. Bei der jährlich stattfindenden Bertheilung von Mazzes haben sich Heuer nicht weniger als 60.000 arme Juden gemeldet. Die Commission, welche den Ankauf und die Bertheilung besorgte, hatte zu diesem Zwecke nur 20.000 Rubel zur Verfügung gehabt und konnte nur auf die Aermsten der Armen Rücksicht nehmen. Die erschreckende Zahl der jüdischen Armen und die Gleichgiltigkeit der bemittelten Schichten der zweitgrößten Judengemeinde Russlands sprechen ans diesen traurigen Daten genug deutlich. Agitation gegen die Hausierer. Nach Wiener Muster hat auch der Gemeinderath von W i e n e r N e u st a dt den Beschluss gefasst, beim Handelsministerium um Erlafinng eines Hausierverbotes einzuschreiten. Die „Saison" des Antisemitismus. DerAntisemitisnius geht zurück. Das steht unleugbar fest. Wer's nicht glauben will, dem kann eben nicht geholfen werden. Jeder Tag lehrt es. In einer Sommerfrische in der Umgebung Wiens konnte man noch im Vorjahre Wohnungsaffichen mit dem Vormerke „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten" oder „der Eintritt ist nur Ariern gestattet" lesen. Heuer sind sie verschwunden. Durch Schaden wird man klug und der gewitzigte Gemeindeansschuss beschloss, gegen den Antisemitismus demonstrativ Stellung zu nehmen. Der Gemeindearzt, ein bewährter Judenfrefier, wurde entlassen und ein anderer angestellt. Ter Conseqnenz halber musste nian ihn fragen, ob er.Antiseniit sei. Der gute Mann, der seine Pappenheimer kannte, erwiderte schnell gefasst: „Im Sommer nicht." Er erhielt die Stelle. Die Mistische Ktwrgmg. Spenden für zionistische Zwecke find an Herrn Dr. O. Ko kesch, Hofnnd Gerichts-Advocaten in Wien, l., Singer straßc 25, zu senden. Brunn. Die in der vorigen Nummer angekündigte Agitations- Versammlung zionistischer Handelsangestellter in Brünn, fand Samstag den 23. v. M. unter dem Vorsitze des Herrn B. Tintner statt. An das von Herrn R. Stricker erstattete Referat schloss sich eine lebhafte Discuyion, in welcher erschöpfend bewiesen wurde, dass das Programm der Zionisten socialreformerische Bestrebungen als wesentlich in sich begreife. Die Versammlung war auch von Gegnern stark besucht, und konnte man unter den zahlreichen Beitrittserklärungen erfreulicherweise auch solche von socialdemokratischen Handelsangestellten constatieren. Die Versammlung hat folgende Resolution beschlossen: „Die Versammlung begrüßt die Gründung eines Vereines zionistischer Handelsangestellter als ein erfreuliches Zeichen des erwachenden jüdischen Stammesbewusstseins unter den Brunner Handelsangestellren. Sie erwartet von dem neuen Vereine strenge Einhaltung und radicale Vertretung des Baseler Programmes und gibt dem Wunsche Ansdruck, dass die wirtschaftlichen Interessen der Handelsangestellten jederzeit volle Berücksichtigung finden." Paris. Am 1. Mai fand im Conststorialsaal der großen Synagoge in Paris, die Generalversammlung des Vereines „Iischonb E r e z Israel" statt, unter Versitz des Herrn Großrabbiners Zadoc Kahn. In seinem Bericht verfehlte der Schriftführer Herr P r a g u e nicht, beiläufig auf den nationalen Zionismus loszuziehen, was von der Versammlung mit unverhohlener Kälte ausgenommen wurde. Aber wie groß wurde das Erstaunen Aller, als sich plötzlich Herr Zadoc Kahn in seiner Ansprache, energisch S die Ansichten des Schriftführers aussprach und offen bee, dass er ganz gut die zionistische Bewegung verstünde und ihm diese entschieden sympatisch sei Man begreift, mit welchem donnernden Applaus diese Worte empfangen wurden. Diese kurzen, aber mit einer an dem Redner ungewohnten Gluth und mit Bestimmtheit abgegebenen Erklärungen, find für den französischen Zionismus als recht bedeutungsvoll anzusehen; denn kann man von Herrn Zadoc Kahn nicht verlangen, dass er als Beamter den Zionismus osticiell propagiert, so hat man nunmehr die Versicherung, dass er sich keiner Bekämpfung oder Verleumdung des Zionismus gegenüber indifferent verhalten wird. 1 8. London. Ueber die geplante zionistische Föderation ist folgendes Communique erlassen worden: Das Wochenmeeting des zur 'Ausarbeitung des Föderationstatuts eingesetzten Eomites hat beim Obmann Mr. Bentwich stattgefunden. Das im demokratischen Sinne aufgebaute Statut kam auch im Princip zustande. Danach soll die Executivgewalt in den Händen eines vom Eentral-EomiNgewählten Executiv-Eomites liegen, während das Central-Eomiliaus Delegierten der affiliierten Vereine proportionell zur Anzahl ihrer Mitglieder bestehen soll. Gleichzeitig wurde beschloffen, alljährlich im Monate Juni eine Jahres-Conferenz abzuhalten, bei der von jedem Vereine eine größere Anzahl von Delegierten anwesend wären. Die nächsten Comite-Sitzungen werden financiellcn Fragen gewidmet sein und es steht zu erwarten, dass in einigen Wochen das Gesammtergebnis den einzelnen Vereinen mitgetheilt werden wird. Seit einigen Wochen wird unter den Bethausvereinen, Geselligkeits-Verbindungen und Trades Unions eine Agitation eingeleitet, um sie dem Zionismus näher zu bringen. Es haben bereits mehrere Verhandlungen stattgefunden, denen die Vertreter der Gesellschaften beiwohnten. Dieselben erklärten sich bereit, Gelder für zionistische Zwecke zu sammeln. Liverpool. Die Sonntag den 2i. April abgehaltene zionistische Versammlung war sehr zahlreich besucht. Es wurde beschlossen, die Schekelsammlung energisch zu betreiben, um beim nächsten Eongress in Basel vertreten sein zu können. Sckurjany in Bessarabien. Durch die Predigten des Wanderpredigers (Magid) Ewserow entstand in dieser Stadt ein zionistischer Zirkel, zu dessen Obmann Dr. B. gewählt wurde. Es wird fleißig für den Schekelfond und die bereits bestehenden Eolonien gesammelt. „Woschod." San Antonio. (Texas). Bei den am 3. April stattgefundenen Beamtenwahlen wurde Herr Dr. S. Burg, der angesehene Arzt nnd bekannte Zionist in San Antonio, zum Präsidenten, Herr Friedmann zum Vicepräsidenten erwählt. Herr Dr. Burg, der sich um den Zionismus in Texas große Verdienste erworben hat, wird der Bewegung auch weiter pcherlich zu den größten Fortschritten verhelfen. Der Zionsverein von San Antonio, Chewra M'w aseres Zion, dessen Ehrenpräsidium Rev. S a d o w s ky übernommen hat, gehört zu den rührigsten Amerikas. Seine Versammlungen, die jede zweite Woche stattfinden, haben immer ein großes Publicum. Zur Deponierung des Schekels und der Banksubscriptioncn wurde als Zahlstelle die Office Dr. Burg's und das Comptoir des Herrn Friedmann bestimmt. P. CorrchlmdeilM. Oefterreich-Ungarrr. Wien. Die „W iener israelitische Allianz" wird am 8. Mai d. I. ^ihre ordentliche Generalversammlung abhalten. Sie hat ihren Mitgliedern ihren Jahresbericht zugehen lassen, aus dem vor allem zu ersehen ist, wie viel der Verein in dem beschränkten Rahmen seiner Wirksamkeit geleistet hat und wie viel ihm noch zu leisten übrig bleibt. Wenn es eine Widerlegung des so häufig gehörten antisemitischen Anwurfes von der weltumfassenden Thätigkeit und dem alle Regierungen bezwingenden Einfluss der Alliance gibt, so ist es dieser Bericht. Wir wissen, dass dies nicht allein die Schuld von Personen ist, sondern auch aus Rechnung der Teilnahmslosigkeit zu setzen ist, welche der Alliance von den Juden entgegengebrachl wird. Ob mit Unrecht, dass müsste allerdings erst bewiesen werden. M- Wien. (Orig.-Corr.) In der letzten Versammlung des „Politischen Volksvereines", die am 30. April stattfand, hatte Reichsrathsabgeordneter Dr. Straucher endlich Gelegenheit, über die Wiener Juden zu sprechen. Er referierte über „die politische Lage". In sehr scharfer Weise kritisierte Dr. Straucher die Hausjuden des Polenclnbs. Er erzählte, wie er für keine seiner Interpellationen in galizisch-jüdischen Angelegenheiten von diesen „Glaubensgenossen" auch nur Eine Unlerschrift bekommen konnte und er wies auf die antisemitische Strömung im Polcnclub hin, dessen Mitglieder diese Herren trotzdem weiter bleiben. Dann schenkte er seine liebevolle Aufmerksamkeit der jüdischen „Aristokratie" und „Plutokratie" von Wien, deren traurige und feige Rolle gegenüber der antisemitischen Bewegung er eingehend beleuchtete. Zum Schluffe trat Dr. Straucher für eine Gesammtorganisation der österreichischen Judenschaft ein. Diese Ausführungen fanden bei der zahlreichen Versammlung großen Beifall. 1-