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Die Welt · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Date
1898-05-06
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Im „American Hebrew" lässt sich Herr Claude G. Montefiore gegen den Zionismus vernehmen. Der Aufsatz ist sehr bemerkenswerth: durch die Person des Verfassers, durch die Eleganz der Form und den unversöhnlich klaren Inhalt. Aus diesen Gründen wollen wir uns mit dem Widersacher eingehender beschäftigen, als es sonst geschieht, wenn man uns die bereits bekannten, oft und oft widerlegten Argumente gegen die jüdische Volksbewegung vorhält. Wir können heute, nach bald drei Jahren dieses Streites wohl annehmen, dass die allgemeine Discussion über die Bedeutung des Zionismus erschöpft ist. Hüben und drüben haben sich die verschiedensten Nuancen der Auffassung zur Geltung gebracht. Die Parteien haben gleichsam ihre endgiltigen Positionen bezogen. Es wird sich für die heute noch Unschlüssigen oder mangelhaft Unterrichteten nur darum handeln können, welchem der beiden Lager sie sich anschließen wollen. So erscheint uns Mr. Claude G. Montefiore als eine Art Generalredner der Gegenseite, der noch einmal mit unübertrefflicher Deutlichkeit und in wahrhaft großem Style Alles zusammensasst, was man gegen unsere Bestrebungen Vorbringen kann. Er ist correct genug, von vorneherein anzugeben, dass er ein entschiedener Gegner des Zionismus ist, den er den Lesern des „American Hebrew" erklären will. Er möchte Niemanden überrumpeln, er verdreht nicht scheinheilig die Augen, er entstellt auch nicht den Thatbestand. Cr sagt: so und so verhält sich die Sache objectiv, dies und das denke ich darüber subjectiv, ich Claude Montefiore. Hut ab vor einem solchen Feind! Aber nach dem Gruß muss es uns verstattet sein, ihm auf den Leib zu rücken. Oh, Mr. Claude Montefiore ist ein vorzüglicher iepresentÄlive man für unsere Gegner. Er ist frei, stolz, gebildet und, so weit man es durch äußere Gaben des Schicksals sein kann, ein Glücklicher dieser Erde. Er lebt in einem Lande, welches derzeit noch die selige Insel im großen Meere des Judenhasses ist. Er ist,' was man freilich bei Nennung seines wälschen Namens nicht gleich erkennt, ein vollkommener Engländer. Er stammt aus einer Familie, die nachweisbar schon längere Zeit in Britannien seßhaft ist und da zu Vermögen und Ansehen gefugte. Ich kenne seinen Lebensweg nicht genauer, aber er mir in jener Unterredung erschien, die er selbst im „American Hebrew" erwähnt, muss er die Entwicklung eines wohlgerathenen Engländers aus begütertem Hause durchgemacht haben. Er zählt heute etliche vierzig Jahre, seine Jugend fiel also schon in die bessere Zeit, in der Benjamin Disraeli seine spröden, schroffen Landsleute für die sociale Gleichberechtigung der Juden erwärmt — oder soll man sagen: erweicht? — halte. Die jungen Herren von Claude Montefiores Generation hatten der Disraelischen Romantik recht viel zu verdanken. Wenn sie in Eton oder Harrow mit den Söhnen englischer Adeliger sich auf das Cricketmatch vorbereiteten, wenn sie in Oxford oder Cambridge ruderten und studierten, so merkten sie wohl kaum mehr, dass sie im Elend waren. Unwillkürlich drängt sich Einem die Erinnerung an diese hübschen englischen Kampfspiele und ihren erziehlichen Sinn aus, wenn man die neue Generation betrachtet, die von Claude Montefiore so vorzüglich repräsentiert wird. Diese starken Wettkämpfe stellen sich uns dar als Nachbildung und Ersatz jener Lebenskämpfe, in denen sich die Energie der Minderbemittelten zu entwickeln pflegt. Kamps und Wette ist ja das ganze Leben, und da eine Verarmung an Energie gerade in den höheren Gesellschaftsclassen drohte, wenn die männliche Jugend nicht kämpfte und körperlich wetteiferte, so hat die englische Erziehung in großartiger Politik solche Spiele eingerichtet. Den jungen Juden in England barg freilich die Schule daneben auch noch Bitternisse und Kümmernisse genug. Benjamin Disraeli hat die Gemüthsleiden der „fremden" Knaben überzeugend geschildert, und die Wirkung ist nicht ausgeblieben. Die Generation Claude Montefiores war wohl besser daran. Wie artig und ergötzlich ist es nun, zu denken, dass die nachwachsendpn israelitischen Jünglinge ihrem wahren Volksthum fremder wurden, weil sie weniger moralische Schmerzen litten. Dank der ergreifenden oratio pro domo eines jüdischen Dichters. Siehe, da ist ein Fall, wo die Solidarität der Juden auch ihre guten Seiten für die Angelsachsen mosaischen Glaubens und italienischen Namens hatte. Sie profilierten von der Aushebung des Vorurtheils, die Einer der Ihrigen durchgesetzt hatte. Beim Cricket in Eton oder Harrow, beim Rudern von Oxford oder Cambridge trugen sie die gleichen Farben wie ihre Collegen. Der gelbe Fleck war verschwunden. Und diese Generation, welche bereits in heiterem Wohlsein ausgewachsen ist, die den Lebenskampf nur noch aus dem Gleichnis der Spiele kennt, sieht sich plötzlich einer Bewegung exasperierter Menschen gegenüber. Juden sind es, also Angehörige des Volkes, aus dem Benjamin

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