Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Article
- Missbrauch der Kanzel [Nachricht]
- Date
- 1898-04-29
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315760--05631-3359289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 JWWdtr Nr. 17 hier allgemein für den Apostrophierten hält, die Disciplinarnntersuchung gegen sich verlangte. Um die Sache klarzustellen, begab sich dieser Tage der Präsident des Schnlstuhles, Dr. Ludwig Munels, mit eurem Mitgliede des Schulstuhles zu dem Rabbiner, der nach der von Hunderten Personen augehörten Predigt die Erklärung abgab, dass er weder die Schule, noch einen Lehrer gemeint und genannt habe. Der Schulstuhl erklärte demzufolge das Disciplinarversahren als gegenstandslos. Die vereitelte Metamorphose. Der in Floridsdorf ansässige Kaufmann Isaak Nodicka, war mit seinem Bornamen nicht zufrieden. Darum kam er bei der Statthalterei um die Aenderung seines Bornamens Isaak in den modernen Namen Ignatz ein und berief sich darauf, dass er von Jugend an stets mit dem Bornamen Ignatz genannt wurde, und dass der Matrikelführer „aus Versehen" in dem Geburtsscheine den deutschen Namen Ignatz neben dem Namen Isaak weggelassen habe. Tie Statthalterei sowie in letzter Instanz das Ministerium, wies das Gesuch mit der Motivierung ab, dass eine Blenderung des Bornamens gesetzlich unzulässig sei und zur Richtigstellung der Matrikel kein Anlass vorliege. Auch der Berwaltungsgerichtshof erkannte auf Abweisung der Beschwerde, da eine Aenderung des Vornamens gesetzlich unzulässig sei. Es wäre, heißt es in den Gründen ferner, die Frage zu erörtern, ob die Eintragung des Namens Isaak correct sei, da nach dem im Jahre 1789 erflossenen Judenpatente die Juden nur deutsche Vornamen zu führen haben. Der Name Isaak sei jedoch nach dem Gesetze als deutscher Borname anzusehen. Was die Berliner jüdische Gemeinde leistet. Dem Borstande wird ein Dispofitionsfond in der Höhe von 60.000 Mark für drei Jahre zur Verfügung gestellt. Beim Titel Jugendgvttesdienst und gottesdienstliche Veranstaltungen an den hohen Feiertagen wird von Seiten verschiedener Repräsentanten die Revision der bisherigen Agende befürwortet, da dieselbe in manchen Stücken zu wenig den jüdischen Anschauungen entspreche. Vom Borstandstische aus wird erklärt, dass man kein Bedenken habe, später in eine Berathung über diese Frage einzutreten, jetzt müsse man aber in Consequenz früherer Beschlüsse das Nöthige bewilligen. Der Etat der Schulen erfordert circa eine halbe Million Mark. Für die beiden neuen Religionsschulen, von denen die eine nach dem Nordosten kommt, die andere wahrscheinlich nach dem Norden, werden 7500 Mk. für das erste Jahr, 10.000 Mk. für die beiden folgenden Jahre bewilligt. Die Remuneration der Religionslehrer wird von 125 Mk. jährlich auf 135 Mk. pro erth eilte Stunde erhöht. Sodann wurden 600 Mk. Prämieugelder bewilligt für Zöglinge der Religiousschulen, von denen 400 Mk. auf die Anstalten der Gemeinde, 200 Mk. auf Privatanstalten entfallen sollen. Der Etat der Talmud-Thora-Anstalt und der Präparandenclasse werden der geheimen Sitzung überwiesen. Für den Religionsunterricht an beit höheren Lehranstalten wird der Zuschuss auf 3500 Mk. festgesetzt. Ter Etat der Armen-Coiumission wird auf 73.000 Mk. nornriert, der Fonds zur Unterstützung durchreisender Armer von 9200 auf 11.000 Mk. erhöht. Zur Beköstigung jüdischer Gefangener am Passahfeste wurden pro. Jahr 1200 Mk. festgesetzt. Die Sunime ist bedeutend niedriger wie in früheren Jahren bemessen, weil durch das bekannte Rescript des Ministers die rituelle Verpflegung während des übrigen Jahres zur Unmöglichkeit geworden. Auf eine diesbezügliche Anfrage wird vom Borstandstische aus erklärt, dass mau bei den Behörden alle Schritte gethan, um jene Verfügung rückgängig zu machen, jedoch keinen Erfolg erzielt habe. Der Etat der Centralstelle für Wohlthängkeits-Anstalten erfährt eine Erhöhung von 4000 auf 5000 Mk., der Posten für verschämte Arme wird mit 8000 Mk. ausgestattet. Die Fürsorge- Commission mit 3500 Mk. pro Jahr. Der Etat der Waisen- Commissiou steigert sich von 35.000 Mk. aus 44.000 Mk. Der Zuschuss für das Krankenhaus wird mit 51.050 Alk. normiert, das Hospital erhält einen Zuschuss von 26.100 Mk. Für die Altersversorgung für das erste Jahr 7550 Mk., für die folgenden Jahre je 6000 Mk. Für Privatsynagogni und Religionsschulen werden 45.000 Mk., dem Vereine für Arbeitsnachweis 2000 Mk. bewilligt. Daun wird beschlossen, eine Gemeindebibliothek zu errichten. In den Debatten zeigte sich eine viel lebhaftere Antheilnahme der Mitglieder als in den Vorjahren. Was mag dazu die Veranlassung gegeben haben? Nach dem „B. Bbt." & Max Nordau in Berlin. (Telegraphischer Bericht.) Aus Berlin wird uns unterm 27. telegraphiert: „Im Victoriasaale hielt Max Nord au vor 1500 Zuhörern einen anderthalbstündigen Vortrag über die Gegner des Zionismus. Der Vortrag wurde mit colossalem Enthusiasmus ausgenommen. Nordau theilt die Gegner in mehrere Gruppen. Die Einen wollen in der umgebenden Bevölkerung aufgehen, die Anderen nennen unsere Bewegung toll, unausführbar, gefährlich, unnöthig. Ohne den Zionismus gehen jedoch die Intelligenten in Westeuropa dem Judenthume verloren, während sie in Osteuropa durch Verfolgung entnervt und vernichtet werden. Der Zionismus ist für den Bestand des Judenthums unumgänglich nothwendig. Die Selbstsucht eines Fünftels der Juden ruft den anderen vier Fünfteln Verhungernder zu: „Stört nicht unsere Verdauung!" Das deutsche Geistesleben ist und bleibt nach wie vor unser Eigen. Auch in Zion werden wir daran sestbalten. Tausende warten nur darauf ihre Lenden zu gurten. Der Zionismus ist eine Geldfrage. Sobald das Geld in Bewegung gesetzt werden kann, ist die Möglichkeit der Realisierung täglich gegeben. Das Ziel wird und muss erreicht werden, wenn die Juden wollen. Nordau schloss mit den Worten: „Das Judenthum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein!" Darauf erhob sich ein ungeheurer Beifallssturm. An der Discusfion betheiligten sich Klausner, S p l e w k o w s k y als Gegner, die Doctoren B r o d p, L o e w e, Warschauer, Holzmann und Bambus für. Eine ungeheure Mehrheit erklärte sich für den Zionismus. Nach Mitternacht erst schloss die Versammlung unter' endlosen Hochrufen auf den Zionismus und Nordau. Viele neue Mitglieder trat n der „Zionisten-Vereiniguug" bei. & Die Mmstische Seivegmig. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. Ko k c s ch, Hof- «nd Gerichts-A-vocatcn in Wien, 1., Dingerftratze 25, z« senden. Wojnilorv. Da von antizionistischer Seite in böswilliger Absicht das Gerücht verbreitet wurde, dass die orthodoxe Judenschaft Galiziens sich dem Zionismus feindlich gegenüberitellen wolle und ganz besonderä der berühmte Rabbiner F. Schreierin Bohorodczany gegen unsere Bewegung auftreten wolle, wandte ich mich brieflich an den genannten Rabbiner, mit der Bitte um Aufklärung. Ich erhielt folgende Antwort: Herrn Moses R e i s, Wojnilow. Lassen Sie sich von dem Gerüchte nicht abfHrecken, dass ich mich von der heiligen Idee des Zionismus zuruckgezogen hätte. Es ist dies eine freche Lüge unverschämtester Art, die der Absicht entspringt, die Zionssreunde zu entmuthigen. Diese Leute, die unr jeden Preis das Werk der nationalen Erlösung auf dem heiligen Boden stören möchten, sind in meinen Augen, wie jene Enthäer, die das Erlösungswerk unseres Volkes im babylonischen Exil hintanhalten wollten. Glauben Sie nicht dem falschen Gerüchte, welches das Ansehen derjenigen herabwiirdigen soll, die das jüdische Volk von seinem Leid befreien und im Lande der Väter ansiedeln wollen. Diesen wollen wir uns enge anschlieüen und wir werden cs mit Gottes Hilfe erleben, die Erlösung Zwns mir eiaencn Auaen ,;n ickmuen.