Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Article
- Aus dem Leben jüdischer Proletarier in Kiew
- Date
- 1898-04-29
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 17 Seite 9 mörderifchen Lebensweise in der Saison wöchentlich fünf Rubel, sonst noch weniger. Das elfjährige Mädchen verdient in der Cigarettenfabrik monatlich 3 Rubel; mit dem Verdienste des Vaters macht es in der Saison 23 Rubel monatlich und davon lebt die ganze Familie!'. Fleisch ist selbstverständlich ein Luxus, der nur Samstag zu sehen ist, und die Fleischpreise sind in Russland niedrig; die gewöhnliche Kost besteht aus Zwiebeln, Schwarzbrot und Erdäpfeln, manchmal kommt dazu ein Häring. Ein bitteres Gefühl beschleicht einen beim Anblicke des Vaters, fügt der Berichterstatter hinzu, und vollauf wird man niedergeschlagen, wenn man an die halbnackten, hungrigen Kinder denkt: ihre Zukrmft ist Hunger, Noth, und Unbildung. Gesellschaft für jüdischeBolkskunde inHanrburg. In der constituierenden Versammlung, die im „Hotel zu den drei Ringen" stattfand, hielt vor einiger Zeit der Prediger an der neuen Dammthorsynagoge, Herr Rabbiner Dr. G r ü n w a l d, einen Bortrag über das Thema: „Was leistet die jüdische Volkskunde?" Schon in dieser Fragestellung liegt die Absicht augedeutet, dem praktisch denkenden Laien die praktischen Vorrheile vorzuführen, welche die Ergebnisse der jüdischen Volkskunde bieten. Die Volkskunde besitzt das brauchbarste Material zum Verständnis des Geistes- und Gemüthslebens eines Stammes. Und wenn sie hierbei das geistige Gut zum Gegenstände ihrer Forschung wählt, welches in den Märchen und Sagen, in den Liedern und Bräuchen noch im Volke lebendig ist, so genügt der Hinweis aus ihre wissenschaftlichen Ergebnisse zur Rechtferligung dieser Wahl. Was aber die Volkskunde, abgesehen von ihrem Werte als Hilfswissenschaft für die Culturgeschichte re. an practischen Erzeugnissen zu Tage fördern kann, lehrt ein Blick auf ihre bisherige Geschichte. Welche praktischen Ziele hat sich nun die jüdische Volkskunde gesteckt? Selbst Der, welcher Israel nur als eine religiöse Gemeinschaft will gelten lassen, wird zugebcn, dass, wenn auch nicht ein Volksthnm, so doch die Volksthümlichkeit eine Hauptstütze seines Bestandes ist und sein muss; denn ohne Volksthümlichkeit kann sich keine Religion behaupten! Dadurch hat sie zugleich die Volksthümlichkeit, die eine Hauptstütze seines Bestandes ist und sein muss, denn ohne Volksthümlichkeit kann sich keine Religion behaupten. Die Gesellschaft zählt bereits etwa 300 Mitglieder in den verschiedenen Ländern und Städten in jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen. Tie Sammlungen für ein Museum, welches im Anschluss au den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag vorgeführt wurden, erfreuen sich gleichfalls eines stetigen Zuwachses, wobei zu bemerken ist, dass die Verwaltung des Hamburger Mnseunls für Kunst und Gewerbe mit dankenswerter Freundlichkeit ihre Sammlung für die Zwecke der Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. — Mit der Wahl des Vorstandes schloss die Versammlung. Ten Vorsitz übernahm Herr Rabbiner Dr. G r ü n w a l d. Neue Entdeckungen aus Babylonien. Von dem großartigen Werke H. V. Hilprecht's ..Tlio liabylonian Expedition of tho University of Pennsylvania1’, ift soeben, nach dem früher die ersten beiden Bände l'die ältesten babylonischen Inschriften) erschienen waren, der 9. Band ansgegeben worden. Derselbe enthält über 100 Kaufurkundcu aus der Regierung des Perserkönigs Artaxerxes I., des Zeitgenossen des biblischen Esra, welche durch die vielen jüdischen und persischen Eigennamen, die sie in den Zeugenlisten enthalten, von epochemachender Bedeutung für die hebräische und iranische Namenkunde sind. Da begegnen uns Namen wie Mirra-dnti (Mithridates), Tiri-date, Sata-barzana, Aspadasta, Arra-barri :c. und besonders viele auf den ersten Blick als jüdische erkennbare, wie Pili-java, Achi-java, Gada^-java, Pada-java (vgl. Achi-jahn oder Achijah, Gedal-jahu oder Gedalja, Peda-jah), Jahn-natan (vgl. Iehonathan, Jo-nathan), aber auch edomitische (Kos-dan, Kos-jahab), syrische (Addu-natan, Addu-ram, worin Addu — Hadad, dem bekannten Namen des syrischen Gottes) und arabische. Was aber abgesehen von der Bedeutung fiir die Namensformen und die thatsächliche Aussprache der Zeit Esra s, von besonderer Wichtigkeit sein dürfte, ist der Umstand, dass uns hier Personen begegnen, deren Väter oder Söhne echt babylonische Namen tragen, während sie selbst jüdische oder persische führen. woraus man also sieht, wieweit damals in der persischen Provinz Babylonien bereits die Amalgamierung mit fremden Elementen vorgeschritten war. Sowohl Inden wie Perser waren dort schon so heimisch geworden, dass sie als halb babylonisiert uns in ihren Familien entgegentreten, wovon eben gerade die gemischte Namengebung das beste Zeugnis ablcgt. Neue Synagoge in Prag. Die Prager israelitische Cultnsgemeiude beabsichtigt anstatt der im Assanieruugsgebict in der Josephsgasse gelegenen „Neuschul", welche soeben in Demolierung begriffen ist, auf der oberen "Neustadt mit bedeutendem Aufwande eine große Synagoge zu bauen. Ter Baitplatz der Neuschul wurde der Cultnsgemeiude von der Stadigcmeinde Prag mir 20.00« > Gulden abgekanft. Die Demolierung nimmt die Gemeinde in eigener Regie vor. Eine Landeskonferenz orthodoxer Rabbiner fand am 19. und 20. April in Budapest statt. Dem ältesten jüdischen Friedhöfe Ungarns ist mau dieser Tage auf die Sour gekommen. Er ist in Ofen in den Jahren 127« bis 12«0 angelegt worden und wurde mehrere Jahrhunderte lattg benützt. Schon vor einiger Z,eit wurde in Ofen bei Fundameutierungsarbeiteu Grabsteintrümmer mit hebräischen Inschriften aus dem 13. und 14. Jahrhundert gefunden, aber man glaubte allgemein, dass dieselben von anderswoher verschleppt worden wären. Jetzt ist aber in der "Attilagasse in Ofen in eitler Tiefe von vier Nieter unter dem Niveau der Straße ein Grabstein zutage getreten, der aufrecht und wohl erhalten auf dem Grab stand, das er einst be,zeichnete. Der 76 Cm. Hohe und 2« Cm. breite Stein, der in seinem oberen Theile etwas verwittert ist, weil er den atmosphärischen Einflüssen mehr ausgcsctzt war, zeigt auf seinem unteren Theile eine noch tadellos lesbare hebräische Inschrift. Auch das Grab ist noch deutlich erkennbar. Dieser interessante Fund setzt es nun außer Ztveifel, dass in der That unter der Attilagasse der Stadt Ofen sich der älteste Friedhof Ungarns befunden hat. Für die Erhaltung der bemerkenswerten Funde ist gesorgt. Sie sind dem Natiouatinnfenm einverleibt worden. Cin fchlcsischcs Blutmärchcn. Tic königliche Staatsanwaltschaft in Gleiwitz erhielt am 7. d. eine mit d'. N. Unterzeichnete anonnme Tenuncialion, in welcher Canlor und Schächter Translateur aus Langendorf O S. in verblümter Weise mit dem "Ammenmärchen des Ritualmordes in Verbindung gebracht wird. Es seien, so hciüt cs in der Tenuncialion, von einigen "Arbeitern bei der Renovierung des Wohnhauses des Oienannten beim Ausheben von Erde, menschliche Knochen amgefunden worden, man nähme einen Morv und Vergrabung des Leichnams an Ort und Stelle an, und der Jude babe sofort nach Kenntuisnayme eine weitere "Aushebung untersagt. "Aus Grund dieser "Anzeige fand seitens des "Amtsgerichtes Toü am tu. d. M. in rfangendorf ein ^oeattermin statt, zu welchem die bei dem Vau beschäftigten "Arbeiter geladen waren, und der >u folgenden Resultaten führte: Tie von den "Arbeitern aufgefundenen kleinen Knochen nückc werden nach dem ärztlichen Gutachten als nicht von einem Vien scheu herrührend bezeichnet, anders geartete Knochenstücke, wie die vorgelegten, sind nacb "Aussage der "Arbeiter überhaupt nicht vorgesunden worden. Herr Translateur har von der Auf ündung der Knochen überhaupt leine Kenntnis geyabt, mithin bade er auch ein Verbot der weiteren "Aushebung nicht er tasten. Tharsächlich sind auch die "Arbeiten nicht unterbrochen, sondern fortgesetzt worden. Seitens der köuigl. Staatsanwaltschaft wird jetzt nach dein feigen anonnmen Denuncianten eifrig gefahndet. Ein dentschnationalantisenritisches Dagblatt soll für Böhmen gegründet werden. Der Beschluss wurde am 24. April in Teplitz gefasst, wo eiue vom deutschvolklicheu Neuner-Ausschuss eiubernsene Volksversammlung die Verderblichkeit der „corrupren Iudeupresse" endgiltig constatierre. Das antisemitische Organ soll ein Zweigunternehmen der „Ostd. Rundschau" seiit. Missbrauch der Kanzel. Ein Lehrer einer ungarischen israelitischen Volksschule soll angeblich in einem ungarischen Blatte, über den Rabbiner derselben Stadt Missliebiges geschrieben haben. Am letzten Osterfeiertage apostrophierte nun der Rabbiner diesen Lehrer, ohne Namen zu nennen, in schärfster Weise. Ter Lehrkörper wendete sich deshalb an den Schnlstuhl, derselbe möge den Rabbiner dazu austvrdern, den "Namen des Apostrophierten zu nennen, während der Lehrer, den mau