Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Article
- Schwimmende Krankenhäuser für Fischer [Nachricht]
- Date
- 1898-04-29
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr 17 lichen Handgriffen beizustehen und auch die Schwerkranken an Bord zu nehmen haben. Zur Aufsuchung Andrees, der per Luftballon eine Reise nach dem Nordpol unternahm, reist dieser Tage von Stockholm eine Hilfsexpedition nach Ostsibirien ab, wozu die Kosten von privater Seite aufgebracht worden sind. Die neuentdeckte Kraft des Electroid. Ein Elektrotechniker in Lemberg, Namens Rychnowski, will nach langwierigen, mühevollen Untersuchungen eine neue Kraft, das Electroid, entdeckt haben, die experimentell zu jeder Zeit erzeugt und demonstriert werden kann. Irgendwelche Publication über das von Rychnowski entdeckte „Electroid" ist bis jetzt noch nicht erschienen, und das Wesen dieser neuentdeckten Kraft ist vorläufig für Jeden, selbst für den Entdecker ein Geheimnis. Alle Bethätigungen dieser Kraft sollen ihre Stofflichkeit beweisen, und Rychnowski sieht in derselben ein Fluidum. Da sie durch Elektrolyse erhalten wird und überhaupt mit der Elektricität am engsten verwand: (aber durchaus nicht identisch) ist, so nannte sie Rychnowski „Electroid" oder „elektrisches Fluidum". Elektricität und Ehemikalien seien aber nur die Hilfsmittel zur Gewinnung des Electroids, dessen Wirkungen geradezu überraschend sein sollen. Der Apparat, in welchem durch Elektrolyse das Electroid erzeugt wird, ist größtentheils verdeckt. Die überraschenden Wirkungen werden folgendermaßen geschildert: Das Fluidum entweiche vollkommen frei nach außen und lasse sich, auch fernwirkend, aus beliebige Objecte hinüberleiten. Das elektrische Fluidum bewirke Lichterscheinungen; bringe man diesem Lichte eine Geißler'sche Röhre nahe, so leuchte dieselbe in fluorescierendem Lichte auf. Das Electroid bringe ferner photochemische Wirkungen hervor und bewirke, dass verschiedene um ihre Achse leicht bewegliche Gegenstände, wie Glaskugeln am Gestell, ein größerer Globus und auch Bernstein zu rotieren beginnen, wenn man durch einen Kautschukschlauch das Electroid auf sie richtet. Richtet man den Ausfluss der Strömung auf eine Unterlage Sand, so werde er wie ein Springbrunnen in die Luft geschleudert; bestrahle man Wasser in einem Trichter von oben, so sehe man in demselben einen Wirbel entstehen, und es werde das Wasser nach unten gedrängt. Erfolge die Bestrahlung von unten, so steige das Wasser langsam an den Wänden des Glases empor, bis es überläuft. Electroid wirke sehr conservierend auf Substanzen, indem es die fäulniserregenden Bacterien tödte. Rindfleisch, einer längeren Bestrahlung ausgesetzt, trockne nach und nach ein und werde geruchlos. Metalle und Glas werden durch Electroid elektrisch geladen. Der Ausfluss des Fluidums wird von einem kühlen Luftzug begleitet. Bedeckt man den Apparat mit einem Vorhang, so bauscht sich derselbe auf und die Hand, welche ihn berührt, fühlt einen Widerstand; bei der Ausströmung entsteht ein leises, säuselndes Geräusch, und es wird auch ein scharfer, erfrischender Ozongeruch fühlbar. Die Magnetnadel wird durch Annäherung einer geladenen Glasbirne ab gelenkt. Ucbcr die Umwandlung von Kohle in Diamant hat Gu. Majorann neuerdings Versuche angestellt. Mit Hilfe geeigneter Apparate ist es ihm gelungen, durch Truck und Hitze allein Kohle in künstliche Diamanten zu verwandeln, die alle Eigenschaften der echten Diamanten besitzen. Ueber Erzeugung von Hefe mittels Elektricität wurden jüngst interessante Versuche angestellt. Ter Strom wurde zur Sterilisation der Maische sowie der Hefe, und zur Förderung des Gährungsprocesses durch Sauerstoffzüsuhr benützt. Zwei Drittel der im ganzen Weltpostvereinsgebiete umlaufenden Briefe und Postkarten sind nach einer im letzten Weltpostcongress zu Washington vorgelegten Statistik, in englischer Sprache abgefasst. Englisch sprechen 125, russisch m>, deutsch 75, französisch 55, spanisch 45, italienisch 33, portugiesisch 12 Millionen Menschen. Inzucht. Aus dem internationalen Congress für Hygiene und Demographie trat der Director des königl. statistischen Bureaus in Berlin, Geheimrath Blenck, der Ansicht, dass das Heiraten zwischen nahen Verwandten zur Degeneration führen, auf's Entschiedenste entgegen, und stützt seine Ansicht mit Beispielen aus der Geschichte, z. B. aus der Geschichte der Pharaonen. Auch heute gebe es noch genug Gegenbeweise gegen den vielverfochtenen Satz von der Gefährlichkeit der Heirat unter Verwandten. In den vielen kleinen Fischerdörfern, die zum Theil vollkommen abgelegen sind, wird das Heiraten unter Blutsverwandten als etwas ganz Selbstverständliches betrachtet und auch bei diesen Fischern lassen sich keinerlei nachtheilige Folgen wahrnehmen. Heiraten unter nahen Verwandten, so erklärt Geheimrath Blenck, haben nur dann Erkrankungen der Nachkommen zur Folge, wenn eines der beiden Eltern oder gar beide krank sind. Ä» Wellchrmik. Europäische Colonialpolitik. In der „Zeitmrg des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen" veröffentlicht der bekannte volkswirtschaftliche Schriftsteller PaulD e h n eine Abhandlung über die Handelspolitik Deutschlands, welche folgende Stelle enthält: „Mögen die näher betheiligten Mächte fortfahren, um die Vorherrschaft im Mittelmeer zu ringen, deutscherseits ist daraus Bedacht zu nehmen, dass ein gewiffes Gleichgewicht erhalten bleibt, dass keine Macht Handelsmonopole oder sonstige Rechte sich anmaßt, dass das Mittelmeer nicht ein englisches oder ftanzösisches oder ein ruffisches Meer wird, sondern ein europäisches bleibt, dass die unselbständigen oder zurückgebliebenen Länder im Süden und Osten des Mittelmeeres nicht von kräftigeren Reichen aufgesaugt werden, sondern sich möglichst unabhängig, namentlich in wirtschaftlicher Hinsicht, zu neuer Blüthe entwickeln können". Nicht minder interessant für uns Zionisten ist eine andere Mittheilung desselben Blattes, in Betreff des Berhältniffes Englands zu Arabien, welche auch die vielbesprochene Bahnverbindung behandelt. In London hat sich eine Gesellschaft mft einem Capital von 60.000 Pftmd Sterling gebildet, „the Railway to India Pioneer Company“, um den Bau einer Eisenbahn von Aegypten durch Arabien nach dem persischen Golf einzuleiten. Dazu wird der „Allg. Ztg." geschrieben: „In den Jntereffentenkreisen wird unumwunden ausgesprochen, dass England den persischen Golf und die Ostküste der arabischen Halbinsel als ausschließlich englische Jntereffensphäre und Domäne betrachtet. Die Erwartung, dass ganz Arabien wie Aegypten unter englischen Einfluss kommen werde, gewinnt unter den Engländern immer mehr Anhänger. Es spielen bei diesem Wunsch nicht nur wirtschaftliche, sondern auch rein politische Verhältniffe mit. Durch den Gewinn der arabischen W e st k ü st e mit Mekka für die Engländer, würde der Sultan, da er nicht seiner Abstammung nach, sondern nur als Beherrscher der heiligen Plätze des Islam seine Würde als Haupt der gläubigen Sunniten innehat, nicht mehr auf die unter der Herrschaft der Engländer stehenden mohamedanischen Stämme einen Einfluss wie bisher ausüben können. Diese politischen Verhältniffe kommen sowohl für die Wahl der Eise nbahnroute nach Indien als auch für die Zeit ihrer Ausführung in Frage." .7. I,. Ans dem Leben jüdischer Proletarier in Kiew. In einer Correspondenz aus Kiew bringt der „Woschod" erschreckende Daten über die materielle Lage der jüdischen Arbeiter in Kiew, die das Recht haben, sich in einer Vorstadt „der Mutter der russischen Städte", wie Kiew bei den Russen heißt, auszuhalten. Die Häuser in den engen Gässchen dieser Vorstadt „Podol" genannt, starren von Schutz und -sind eigentlich halbverfallene Hütten, da die Eigenthümer wegen der niedrigen Miethzinse es vorziehen, die Häuser dem allmählichen Ruin zu überlassen, anstatt sie zu renovieren. Und in diesen entsetzlichen Spelunken wohnen hunderte von jüdischen Arbeitern, die in Aceord für die Stadtgeschäfte arbeiteten. Die meisten sind Schneider: die Concurrenz der Geschäfte untereinander, die bittere Noth der Accordarbeiter, Mangel jeder Organisation, um die eigenen Jntereffen wirksamer vertreten zu können, alle diese Umstände bringen es mit sich, dass sogar tüchtige Arbeiter bei einer ununterbrochenen täglichen Arbeit von 15 bis 16 Stunden kaum fünf Rubel per Woche verdienen und von diesem Betrage lebt manchmal eine mehrköpfige Familie. Der Berichterstatter schildert seinen Besuch bei einer solchen Familie: die Wohnung bestand aus zwei winzigen feuchten Stuben und in diesem Raume lebten der Vater, die Mutter und sechs minderjährige Kinder, die verwitwete ältere Tochter und ihre drei minderjährigen Kinder, im ganzen zwölf Personen. Es mangelte an den nothwendigsten Möbeln, das Lager bestand aus einem zerbrochenen Bettgestelle, ohne Decke und Leinttich ... Modergeruch, Feuchtigkett, was nur an antihygienischen Verhältnissen sich vorstellen lässt, alles ist in diesen Räumen anzutreffen. Und wie steht es mit dem Verdienste der Familie? Der Vater muss in der Saison vom frühen Morgen bis spät in die Nacht über der Arbeit sitzen und verdient bei dieser