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Die Welt · 1898-04-29 · 17 (29.4.1898) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
17 (29.4.1898)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1898-04-29
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17 Seite 5 kamen, als Vorposten ihrer Familie, um für sie das Terrain zu ebnen. Die fühlen am Sonnabend erst recht den ganzen Jammer ihres Daseins. Die Volksküche ist dann geschlossen. Durchreisende, junge Leute, die nie ein Heini gekannt baben, selten ältere Leute, suchen das „9! achtquartie rhgus" auf. Eines, mit besonderen Räumen für jüdische Männer und Frauen, beftndet sich in der Nähe der Volksküche. Aeußerlich unterscheiden sich diese Säle mit den aneinandergereihten Pritschen, die selbst des Strohsackes entbehren, von den übrigen dadurch, dass ihre Wände weder Kreuze noch Heiligenbilder-Schmuck tragen. Das ist wegen der Gebete, die hier des Morgens von Manchen verrichtet werden. Auch der Ausseher ist ein Jude. Erkennt alle Leute genau, die Herkommen, und er berichtete mir, dass die meisten hier ihren ständigen Wohnsitz haben. Sie haben keine Familie, sie sind losgelöst von der Gesellschaft, und hier ist ihre letzte Station, bevor sie sinken. Für vier Kopeken, die sie jede Nacht erlegen, bekommen sie neben dem Nachtlager auch ein Nachtmahl, ein Glas Milch oder Thee und ein halbes Brot. Des Morgens, nach einer auf harten Brettern zugebrachten stacht, werden sie mit knurrendem Magen auf die Gesellschaft losgelassen . . . Aber wie Wenige bedienen sich dieser relativen Wohlthaten der Volksküchen, Nachtquartiere u. dgl.? Wie viele gehen in ihren Höhlen, ohne Luft, ohne Nahrung, im strengsten Winter ohne Heizung zugrunde? Ganze Gassen im Nalevki-Viertel bewohnen sie. Als ich ihre Verhältnisse im Theaterstücke der Frau von Zapolska dramatisiert sah, da hatte ich sie für übertrieben gehalten. Mit mir gewiss auch viele andere. Aber dieses jüdische „Souterrainstück", wie es ein polnischer Theaterrecensent nannte, worin alles so grau in grau gemalt ist, gibt doch trotz seines Realismus nur ein schwaches und künstliches Bild des schweren, verzweisiungsvollen Ringens um die dünne Brotkruste, von der Zangwill in den „Kindern des Ghettos" sagt, dass nur der Kamps um dieselben die Menschen von den Thieren unterscheidet. Acht, zehn oder zwölf Menschen, Gesunde, Kranke und Wöchnerinnen, Erwachsene und Kinder, in einem Lämmer, dessen großen Theil der Ofenherd einnimmt, zwei oder drei Betten übereinander, um den Luftraum voll auszunützen, und bei all' dem die ganze Woche nichts warmes in den Mund - das ist die Lebensregel. Eine kleine Welt des Elends, gleichsam eine Welt für sich, in der sich alle Abstufungen des Proletariats zusammenfinden, treffen wir in der Franciszkanskagaffe. Es ist ein Haus, aber wohl ein in ganz Europa einzig dastehendes Haus, wenn es auch den Warschauern selbst noch wenig bekannt ist. Man nennt es „Trefne Jatki". Das bedeutet wörtlich: „Tresefleisch-Verkausshallen", da sich dieselben im Hofe dieses Hauses befinden. Aeußerlich macht das aus mehreren Flügeln bestehende, dreistöckige, rothbetünchte Haus den Eindruck einer großstädtischen Zinskaserne. Aber betrachten wir es näher. Außer den Stockwerken gibt es noch Kellerräume. Auch diese werden bewohnt. Im ganzen Hause gibt es nur einzelne Zimmer, die in lange Corridore münden. Man glaubt in einem Kloster oder in einem Hotel zu sein. Für das erstere spricht die seltsame Grabesruhe, die hier herrscht. Wer zu Haus ist, sitzt bei der Arbeit: die Meisten aber sind den ganzen Tag fort, um einen Verdienst zu erhaschen. Das ganze Gebäude, ein wahres Labyrinth, zählt 172 Zimmer, das erkennt man an den angebrachten Orientierungstaseln. Und darinnen wohnen l."><><» Menschen, Juden: im Durchschnitt entfallen somit aus ein Zimmer s*7 Menschen. Allein die Einwohnerzahl ist verschieden vertheilt. Im ersten und zweiten Stock, wo der Monatszins 9 7» und 9 Rubel beträgt, wohnen die besser situierten, die kleinen Handwerker, die Mädchen, die zu Hause Cravatten arbeiten oder schneidern, und davon ihre Eltern ernähren. Sie haben keine oder höchstens einen Aftermiether. Im obersten Stockwerke und im Keller sind die „Luftmenschen" gezwungen, ihre „Winkel" zu vermicthen, denn sie erhalten von der Partei dafür I Rubel .70 Kopeken. Selbst verdienen sie nicht einmal soviel, um den ganzen. <'» Rubel betragenden Monatszins zu bestreiten. Ein altes Ehepaar, das im Keller wohnt, hat für das Zimmer und den e-tand im Hose, wo sie Käse verkaufen, s Rubel monatlich zu bezahlen. Ihr täglicher Verdienst beträgt aber nur 20—2-7 Kopeken! Darum halten sie bei sich eine alte Witwe und eine junge Frau mit drei Kindern, deren Mann fort musste, weil er als Taglöhner in Warschau keine Beschäftigung fand. Drei Betten, ein wackliger Tisch, zwei gebrochene Sessel, einige Kisten und ein Koffer bilden die ganze Einrichtung. Der aus Brettern trocknende Käse verbreitet einen Modergeruch, der die feuchte, dumpfe Atmosphäre nur noch unerlräglicher macht. Das junge Weib sitzt aus dem Tisch und klaubt Erbsen. Sie ist flink und bringt über den Tag acht Töpfe zusammen. Damit verdient sie 92 Kopeken. Die alte Witwe sitzt neben dem kalten Ofen, den Kops nachlässig aus die Rechte gestützt, und seufzt. Draußen auf dein Hof sitzen die alten Leute den ganzen Tag bei den paar Käsen, um nur den Zins aufzubringen. Vom Leben etwas wissen sie Alle! „Man lebt nicht, nur man klebt" — sagte die Greisin, als sie gerade hineinkam, um frische Ware zu holen — „man isst nichts, man kocht nichts. Man ist wenigstens froh, wenn man wo den Kopf niederzulegen hat. Was brauchen alte Leute? Tachrichim*) haben wir schon." So reiht sich dann Zimmer an Zimmer. Hier wachsen neue Generationen aus, hier wird der Kern der Nation großgezogen, das Volk. Das ist das „neue Ghetto" im wahrsten <-inne des Wortes. Denn es ist nicht etwa ein culturelles, gesellschaftliches, sondern ein wirkliches, sichtbares Ghetto, wie in den alten, verflossenen Tagen. Aber damals wohnten Reich und Arm nebeneinander, sie haben sich gekannt und verstanden, das Gold sonnte sich in den Strahlen der Wissenschaft — heute hat sich sein Aussehen und sein Charakter geändert; es gibt nur ein Ghetto des Massenelends und des Pauperismus. Einst hat der Jude, wenn ihn sein Herz zur Wohlthätigkeit drängte, vorerst seine Brüder bedacht: heute baut der jüdische Banquier Wawelberg in der Stadt, die zum Hohn der Menschheit „Tresne Jatki" in ihrer Mitte hat, für 900.000 Rubel billige Arbeiterwohnungen für — Christen. Auch eine jüdische Solidarität! Allein es gibt in Warschau auch Muster jüdischen Selbstbewusstseins und Gemeinsinns. Die Genossenschaft zum Importe palästinensischer Weinproducte, „Karmel", und die hebräische Verlagsgesellschast „Achiasas" sind dank der Unterstützung eines großen Theiles der Bevölkerung in der Lage, ihre T Helligkeit stets zu erweitern; hier erscheint unter der vorzüglichen Leitung des polyglotten S o k o l o w ein hebräisches Tagblatt „H a z e s i r a h", und der im Jahre ls'>9 gegründete Verein jüdischer Handelsgehilsen zählt 971 Mitglieder, verfügt über ein Vermögen von 92.000 Rubel, und konnte für das letzte Jahr ein Budget von 17.100 Rubel ausstellen. An Stelle der seichten Unterhaltungsabende, die mit dem Erscheinen nichtjüdischer „Capacitäleri" ihren Höhepunkt erreichten, tritt hie und da der j ü d i s ch e Salon, in dem gebildete Männer über die Judenfrage ernst und auch wissenschaftlich debattieren und referieren: der Heuer zum ersten Male abgehaltene Ball der jüdischen Lehrer, dem Viele ein Fiasco vorhersagten, hatte einen glänzenden Erfolg in Bezug auf den Besuch und aus das Erträgnis. Vielleicht wird diese größte Judengemeinde Europas als Muster der jüdischen Zusammengehörigkeit mit allen ihren schönsten Seiten noch einst den westeuropäischen Juden voranleuchten? Sie hätten es wirklich nöthig. *') Leichenkleider aus weißer Leinwand, die sich fromme Juden schon bei Lebzeiten vorbereiten.

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