Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-04-29 · 17 (29.4.1898) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
17 (29.4.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-04-29
Page
2 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315760--05572-3359281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jxv&mr »tX. 17 Mt Woche. Wien, 28. April 1898. Spanien rafft seine Kräfte zu einem Berzweiflungskampfe zusammen. Ein kränkelnder Leib spannt gewaltsam bt*. Sehnen und stemmt sich und wehrt sich gegen das Verhängnis, das ihn Schritt um Schritt gegen die Grube drängen will. Es ist ein unheimlicher Kampf. Das Verhängnis, das sich da gegen den kranken Leib erhebt, ist seine eigene Vergangenheit, ein Gespenst tritt plötzlich hervor ans dem Dunkel früherer Jahrhunderte, schaudernd erkennt der Enkel die eigenen Züge im Antlitz des Ahnen, schaudernd sieht er die Spuren der Sünde an dem verfallenen Leibe des Alten. O, der Enkel kennt diese Spuren, er trägt sie an den eigenen Gliedern, schon von der Wiege an, und jetzt erscheint dieser furchtbare Alte, er mahnt an sein Vermächtnis, und der ferne Enkel soll die Schuld des Ahnen einlösen. Das Gesetz der Vererbung im Schicksale der Völker. Da wandelt eine Generation im Sonnenschein der Gegenwart, lebenslustig, ahnungslos, und hinter ihr steht eine unsichtbare Heeresmasse dichtgedrängter Schatten, die Schar der Väter. Das sinnt und plaudert und tändelt im Sonnenschein der Gegenwart, und sie wiffen nicht, dass sie unbewusst nur nachsprechen, was ein unsichtbarer Schatten ihnen ins Ohr raunt, dass sie unbewusst nur dorthin gehen, wohin die Schar der Schatten sie schiebt. Und plötzlich strauchelt einer und stürzt. Da liegt er am Boden mit zerbrochenen Gliedern und klagt und jammert über die Ungerechtigkeit des Schicksals. Der Thor! Er weist nicht, dass die Schatten hinter ihm ihn drängten und schoben und niederstiesten. Sie sind rücksichtslos, die Väter, entsetzlich rücksichtslos — schier bösartig. Das lebt irr den Tag hinein und häuft Sünde auf Sünde. Was kümmert sie der Enkel von morgen, der Unbekannte? Sie sündigen und sündigen, bis sie Schatten werden. Tann aber schieben sie und stoßen nieder. Es war vor Jahrhunderten. Südliche Düfte füllten die Luft, der Athem der Oliven, der Kastanien, der Mandelblüten. Und dazwischen hinein schlug hässlicher Rauch, der Athem der Scheiterhaufen. Abgebrochene Wehrufe, hebräische Worte — „Höre Israel-" Und ein Zittern gieug durch die Blumen des Südens. Aber eine verfinsterte Menge sang Spottlieder auf die Ketzer. Und wie der Rauch zergieng und auf die Blumen sich senkte, da welkten die Blumen. Das Land begann öde zn liegen und zu kränkeln. Das war in Spanien. Und jene verfinsterte Menge lebt noch. Am Strande des Meeres stellt die Menge der Schatten, und Millionen unsichtbare Hände stoßen Schiff auf Schiff hinaus in die feindlichen Wogen. Auf dem Verdeck stehen Jünglinge, Männer, und grüßen den entschwindenden Heimatstrand. Und wenn dann die Schiffe wieder langsam heimkehren, und man die stöhnenden Verwundeten und die bleichen Krüppel ans Land schafft, dann steht wieder jene unsichtbare Menge da, sie hilft und arbeitet, geschäftig regen sich Millionen Schattenhände, sühllos, rücksichtslos, bösartig. An der Schwelle eines neuen Jahrhunderts tönt roher Kriegslänn. Die Arsenale öffnen sich und entleeren ihren eisernen Inhalt. Zahllose geistreich combinierte Maschinen rollen heraus, Gerüche, von kunstfertiger Hand sorgsam hergestellt. Manch scharfsinniger Denker säst wohl über Plänen und Skizzen, grübelte, zeichnete, rechnete, und ein heiliger Ernst erfüllte ihn. Und was er grübelte und dachte in seiner Kammer, war der Mord, der Menschenmord. Jeder leise Gedankenblitz hinter der Stirn des Denkers war eine brennende Stadt, jeder Strich seines Lastenden Griffels war ein Todesurtheil für zahllose Menschen da draußen, Geborene und Ungeborene. Der Denker aber war überselig, wenn er das schwierige Problem löste und man bewunderte den genialen Erfinder. Sie haben in ihrem Sprachschatz ein Trostwort von süßlichfadem Klang; wenn Völker leiden und an den Fesseln rütteln, so flüstert man ihnen das arglistige Wörtlein ins Ohr, — hinterrücks, zur Beruhigung. Das Wörtlein heißt „Cultur". Und es gibt Völker, die sich narren lassen und aus dem Wörtlein Trost und Hoffnung schöpfen für kommende Zeiten, wo das „messianische Zeitalter" für die Menschheit anbrechen soll. Es lächelt ein leidendes Volk unter Schmerzen, es legt sich wieder an die Kette und wartet und wartet. Völker sind leichtgläubig wie die Kinder. Sie lassen sich alles Mögliche cinreden. Aber manchmal, wenn irgendwo plötzlich lauter Kanonendonner losbricht, und der Krieg die Menschen würgt, dann fährt ein wartendes Volk jäh empor, und es steigen ihm sonderbare Gedanken auf über das Wörtlein „Cultur". Eultnr, Völkerverbrüderung, Weltfrieden. — Ein sehr schöner Text. Allerdings etwas alt. Es recitieren ihn alle Schwärmer, die gern am lauschigen Waldesrande liegen und den phantastischen Wolkenzügen Nachsehen. Tann stehen die Träumer auf und kommen und erzählen von der Bestie, die eingelullt werden soll, jene Bestie im Innern, die sich verheerend regt, wenn der Weiße und der Schwarze, der Blond- und Dunkelhaarige, der Klein- und der Grostgebaute sich begegnen. In der Cultur soll die Bestie erstickt werden, wie man jemanden in weichen, schweren Kissen erstickt. Tie Melodie zu dem schönen Text war im Laufe der Zeiten recht abwechslungsreich. Tie verschiedensten Instrumente wurden zur Begleitung verwendet. Jede Antiguitätenhandlung, jedes Waffencabinet enthält eine interessante Sammlung solcher Instrumente. Heute benützt man zur Begleitung die vorzüglichen Geschütze neuester Construction. Tie singen es hinaus mit ihren rauhen Stimmen in die Welt: Tie Bestie lebt! die Bestie lebt! Wo ist ein Morgenroth? Der rothe Streifen dort ist eine brennende Hafenstadt, die man mit hochmodernen Geschossen tractiert, und das übrige ist Pulverdampf. Tie Leidenden stehen auf und sinnen auf Befreiung. & Könnte man die Bundeslade wirderfmden?*) Von Henning Melander (Stockholm). (Fortsetzung.) III. Wann und durch wen wurde die Bundeslade verborgen? Aus dem Gesagten wäre also deutlich ersichtlich, dass dir Bundeslade wirklich verborgen wurde, wenn aber dies der Fall ist, wer mag sie dann verborgen haben? Durch die Ueberliefcrung ist, wie wir gesehen haben, auf den Propheten Jeremias hingewiesen worden, und die Angaben hierüber scheinen sehr wahrscheinlich, denn zur Zeit des Vorrückens der Chaldäer war Jeremias der thätigste und einflussreichste Gottesmann. Dazu war er, wie man glaubt (Clem. Alex., Hieronymus, Farrar u. a.) Sohn des Hilkias, der da mals die Aufsicht über den Tempel hatte, und zu berücksichtigen sind hier ferner die Worte, mit welchen Jeremias selbst die Art des Werkes andeutet, welches durch ihn vollendet werden sollte, ihm die Aufgabe zufallen, zu „pflanzen", (Jeremias 1:10), und dieses Wort stimmt wohl mit der Meinung, Jeremias sei der, der die Bundeslade verborgen habe, denn in der Bundeslade concentrierte sich das ganze Israel, wie die Pflanze den ganzen Baum in sich birgt. *) Vgl. Nr. 16 der „Welt".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.