Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1898-04-22
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- table
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315759--05550-3359107- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite U j*ow<r Nr- 16 Mohamedaner ist. Es ist daher die Pflicht eines jeden freien Menschen, für die Gerechtigkeit einzutreten. Und das haben unsere französischen Genossen nichtgethan! Man antworte mir nicht, dass I a u r e § wie ein Mann gekämpft hat; Jaures hat dies als Privatperson und nicht als Parteimann gethan. Die Partei hat leider viele Fehler gemacht. Im Jänner habe die Partei Manifest herausgegeben, in dem sie alle Parteigenossen über die Dreyfus-Agitation aufklärten. In diesem Manifest haben die Socialistenführer erklärt, dass die ganze Sache nur ein Streit zwischen der christlichen und jüdischen Bourgeoisie sei, in die sich das Proletariat nicht einzumischen habe. Die fortgeschrittenen Arbeitermassen haben sich auch passiv verhalten. Sie glaubten, dass es sich nur um den Streit zweier Rassen handle. Selbst Z o l a's Auftreten hat sie keineswegs beeinflusst. Es ist wahr, dass Jaures eine Agitation für Zola cinleiten wollte, aber die anderen socialistischen Führer haben ihm dies verwehrt. Sie sind so weit gegangen, ihm zu erklären, dass sie ihn überall desavouieren werden. Nach dem Zola-Processe haben die Socialistenführer eine geheime Sitzung abgehaltrn, zu der 22 Deputierte erschienen. Von diesen haben 17 dafür gestimmt, dass man im Parlamente die Negierung stark angreife und 5 waren dagegen. Ich kenne die Namen dieser fünf, aber ich wurde gebeten, sie nicht zu nennen. Ich kann nur sagen, dass darunter zwei sehr bedeutende Führer sind, welche gefürchtet haben, es könnte ihnen ihre Haltung bei den Wahlen schaden. Sie bekamen Angst um ihre Mandate, so ließen sie sich von den antisemitischen Demonstrationen blenden." Soweit Herr Beer. Weiterer Commentar überflüssig. Wohl aber war eine Uebersetzung nothwendig, damit dieser Aufsatz nicht allein auf das New-Porker Jargonblatt beschränkt bleibe. Denn speciell der Schluss erinnert uns sehr täuschend an — ein anderes Land. Die „Jüdische Chronik, welche von Dr. Adolf K u r r e i n in Teplitz redigiert wird, bringt in ihrem letzten Monatshefte vom April eine Reihe von Aufsätzen, darunter zwei Passahberrachtungen von Tr. Stern und - Dr. Kurrein und die originelle Abhandlung von Dr. I. Ziegler „Judenthum und Judenstaat", deren IN. Theil „Israels Mission" betitelt, ganz neue Gesichtspunkte hervorzuheben trachtet. Den Schluss des Heftes bildet ein Feuilleton Dr. A. Kurrein's „Bibel und Heidenthum, Heidenbekehrung." Das Aprilheft schließt den IV. Jahrgang der „Jüdischen Chronik" in würdiger Weise ab. Das Aprilheft des „DZoschod" bringt den Beginn eines Romanes aus der Feder des Dr. I. Sternmann unter dem Feuil Mrndele Lohengrin. Die Geschichte eines Musikanten. Von H. Hork-Steiner. Ein niedriges Zimmer, an dessen Decke aus gekreuzten Balken die hohen Hüte der Männer stoßen, der enge Raum voll junger Frauen und Mädchen, die alle um eine sitzende Weibesgestalt drängen. Die alten Frauen und auch die jungen, die durch das glänzende „Scheitel" als verheiratet gekennzeichnet sind, greifen nach ihren Taschentüchern, die im Hintergründe stehenden Mädchen recken die Köpfe in die Höhe, denn jetzt soll das große Mysterium sich erfüllen, ihre jungfräuliche Freundin wird der Frauenweihe zugeführt; man bindet dem regungslos dasitzenden Mädchen ein großes, goldgesticktes Tuch vor das Gesicht, jede Anwesende zündet ein Wachskerzchen an, der Rabbi hebt die Hände zum Segen, doch sein Spruch bleibt ungehört im Schluchzen der zahlreichen Frauen. Sie weinen nun einmal bei allen jüdischen Freudenfesten, die einen, weil es so der Brauch will, die anderen, weil sie jenes Tages gedenken, der sie dem sicheren Vaterhaus entriss, auf dass sie das Leben kennen lernen, manche auch, weil sie die Empfindung davon haben, dass Thränen ihr Vatertheil und ihr Niuttererbe seit vielen, vielen Jahrhunderten sind. An diesen Freudenlagen muss demnach von Außen für die erlösende Aufheiterung gesorgt sein, gleich nach dem „Bedecken" soll die Musik ihres tröstlichen Amtes walten. Die jungen Mädchen, deren Neugierde befriedigt war, spitzten neugierig die Ohren, um den schon so oft gehörten und doch immer wieder erquickenden Hochzeilsmarsch zu vernehmen. Die Frauen wischten die Augen, schneuzten sich hörbar, um so deutlich anzuzeigen, dass die Freudig- Titel „Nach der alten Heimat." Die Handlang ist der modernen zionistischen Bewegung entnommen. Der „Siecke hat einen Aufsatz der Baronin Suttner und den in der „Welt" erschienenen Lublinski's über den Fall Dreyfus übersetzt. Das Vorwort dazu schrieb unser Parteigenosse I. B a h a r unter der Aufschrift: „Der gute Ruf Frankreichs im Ausland." Den Anlass hiezu^bot der Ausspruch MEnes in der Kammer: „Was wir vertheidigen, ist der Ruf Frankreichs im Ausland". „Zion Wekly News. Ofkieial Organ of the league of the Zionist societies of the United States of North America* ist der Titel der jüngsten zionistischen Wochenschrift. Für die breitesten Massen des Volkes bestimmt, wird sie in Jüdisch-Deutsch und in Deutsch abwechselnd erscheinen. Dieser populäre Zweck wird durch den außerordentlich billigen Preis (halbjährlich 20 Cents 50 Kreuzer) auch leicht erreicht werden. Die erste Nummer ist bereits am 25. März erschienen und enthält nebst dem Aufruf, den wir an anderer Stelle publicieren, mehrere Artikel und Berichte der nordamerikanischen Zionsvereine, deren Verbandsorgan die Wochenschrift auch ist. Als Herausgeber fungiert Air. M. Aszud, die Abonnementbeträge nimmt Rabbiner Doctor Philipp Klein in New-Aork (75 E. 3rb. St.) entgegen. In „Jewish <£ottttncnt" (Baltimore) fochten schon seil längerer Zeit Dr. B a r o w a r» und Dr. Shanfarber ihren Streit über Zionismus aus. Der erstere schrieb nämlich, dass Juden, die den Zionismus bekämpfen, Verräther des jüdischen Volkes sind. Sein Gegner bezeichnet dies in seiner Entgegnung als Fanatismus. Dr. B a r o w a y replicierte. Er erklärte, dass sich die Judenheit in drei Lager theilen: Zionisten. Indifferente und Antizionisten. Gegen die Indifferenten, die zuschaun und warten, könnte man schließlich nichts Böses haben. „Die Antizionisten sind die Verräther, denn sie begnügen sich nicht damit, zu schweigen und zuzuschauen, sondern sie stören die Bewegung, sie legen ihr Hindernisse in den Weg. Und Antizionisten sind diejenigen. die unser Volk irrezuleiren suchen, indem sie ihm erzählen, dass es aus Besehl Gottes seinen nationalen Hoffnungen entsagen, ein ewiger Wanderer bleiben und schließlich als besonderes Volk vom Erdboden verschwinden müsse." Der Herr Oberrabbiner von Wien hat in seiner letzten Pessachpredi'gr seinen ganzen Geist und die ihm zur Verfügung stehende Beredsamkeit ebenfalls dazu verwendet, die Zerstreuung Israels aus den speciellen Befehl Gottes zurückzuführen und ihre unabänderliche Nothwendigkeit zu beweisen. letou. keit die Trauer abzulösen habe. Man wartete einige Augenblicke — — — keine Violine, keine Clarinette, keine Trompete zu hören. Der würdige Rabbi, dem es ohnehin in der Frauenatmosphäre nicht recht geheuer war, begab sich in den Hof und frug, warum die Klesmoirim noch nicht angefangen hatten. Und Chaim Schulhof, der Brautvater, erzählte mit unterdrückter Stimme eine Geschichte, die der würdige Herr gar nicht glauben wollte. Er strich seinen langen weißen Bart zurecht, nahm eine Prise und blickte sehr ernst. „Er will keinen Marsch spielen? Js Mendele meschugge?" „Ja", sagte Reb Chaim, „seitdem er in Wien in der Oper gewesen is, will er von nix hören wie von Wagner." „Wer is Wagner?" „Aner was Opern macht." „Ru, will Reb Mendel bei uns Opern aufführen?" „Er sagt, wenn man ihn nix lasst Wagner spielen, bei der Chassene, spielt er auch ka Marsch. Die anderen aber sagen, er is meschugge: sie können nix Wagner spielen, sie verstehen das nix." „Ma kenn doch nit mit der Kalle in Schul gehen ohne Musik, das wär doch e Schand und e Spott. „Können die anderen nix spielen ohne Mendele?" „Ra, das geht nit, weil er das Bassettel hat und ohne Bass, sagen se, können se nix spielen." Inzwischen war der Schul-Klopper mit dem Bericht gekommen, dass die Gemeinde ihr Minchagebet beendet habe, die Chuppe vor der Schul auf den vier Stangen sich wölbe, und alles bereit sei „Choßen und Kalle" zu empfangen.