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Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Article
Paris / A.
Date
1898-04-22
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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nicht empfangen habe, sondern von ihm angesprochen worden sei mri) während einer Unterhaltung von circa — einer Minute nur Höfllichkeitsphrasen und einige nichtssagende Worte mit ihm gewechselt habe. Da die Lügen ihrer Presse so kurze Beine haben, ist die Militärpartei zu offenen Drohungen übergegangen. Die Esterhazyblätter erklären, dass man den Verteidigern nicht das Wort ertheilen werde, respective cs ihnen entziehen werde, wenn sie ihre Bertheidigung nicht auf die drei, durch das Kriegsgericht incriminierten Zeilen beschränken werden. Sie weisen ohne Scheu auf ihre Macht hin, die sie, une es scheint, diesmal ohne alle Bemäntelung gewaltsam auslütticu wollen. Es ist nicht mehr zweifelhaft, dass es sich überhaupt bei diesem zweiten großen Zolaprocesse für die Militärvartei nnr darum handelt, ihr arggeschädigtes Ansehen um keinen Preis noch weiter untergraben zu lassen. Daran wird auch der Protest Zola s nichts ändern, der in einem offenen Briefe voll Entrüstung auf die gerichtliche Eomödie hinweisr, die man sich jetzt zu spielen anschiclt, indem man ans seiner berühmt gewordenen Anklage, die bcläusig sieben Iournalspalten füllte, einige Zeilen unter Anklage stellt. Es find gerade diejciiigcn, wofür Zola nach der Lage der Tinge einen Beweis nicht führen kann, da ja an den Conlissengeheimnissen nicht gerührt werden soll. Auch der Kampf der sogenannten Zolavreffe gegen die Machthaber dürfte vorläufig erfolglos bleiben, rrvu der Verve Elemenceaus in der „Anrvre" und trotz der gewiss wichtigen Enthüllungen des „Sii-cle". Zn welchen Mitteln die Generalstabspresfe ihre Zuflucht nimmt, mag man daraus ersehen, dass sie wieder darauf hinweist, die Beziehungen Esterhazys zu den Attaches seien dadurch zu erklären, dass Esterhazy eigentlich nur scheinbar der Spion anderer Mächte, in Wirklichkeit aber französischer Spion gewesen sei, der in seiner Doppelrolle Frankreich große Dienste geleistet habe. Mit unbarmherziger Logik zerpflückt Elemencean diesen plumpen Schwindel in der ,,'Anrore". Das alles aber wie gesagt wird nicht verhindern können, dass in Versailles, der Stadt des Säbels, die neuerliche Eomödie gegen Zola stattfinden lvird, für welche die Militärpartei bereits Vorbereitungen trifft. Es wird fiir eine wundervoll instruierte Compaserie gesorgt sein, und sollten die Richter vielleicht nicht verstehen wollen, was mau von ihnen erwartet, so wird von der Straße ans dafür gesorgt werden, dass ihre Auffassungsgabe genügende 'Aachhilfe erhalte. Damit aber auch das Ausland die richtigen Informationen bekomme, werden 'Ausweisungen aller jener Eorrespondenten befürwortet, welche nicht der clerical-antisemitischboulangistisch gefärbten Militärpartci zu Gefallen schreiben. Frankreich geht ernsten Tagen entgegen. Versailles hat schon oft eine bedeutungsvolle Rolle bei Umwälzungen in Frankreich gespielt. Es wäre nicht der erste Staatsstreich, den es gesehen und nicht das erste Blut, das seine geschichtlichen Straßen und Bauten befleckt hat, - wenn es diesmal zur Entscheidung kommt. Und ,;ur Entscheidung wird es über kurz oder lang sicher kommen. A. Tunis Tunis (Lrig.-Corr.) Wohl spärliche Nachrichten gelangen von unserem Elend nach Europa. Was wir im letzten Jahre zu erdulden hatten, spottet jeder Beschreibung. Die französischen Behörden haben sich zu schwach bewiesen, um der Unruhen Herr zu werden. Und sie gestatten auch nicht, dass wichtige Details in die Außenwelt gelangen. Denn Tunis ist keine französische Stadt, Tunesien ist nur französisches Schutzgebiet. Und Frankreich schämt sich, offen einzugestehen, dass es 4ö,000 Juden, die unter 1 lj.2 Millionen Eingeborenen friedlich ihren Geschäften nachgehen und wohl das kräftigste Element zur Wahrung und Stärkung des französischen Einflusses sind, nicht schützen könne. Das Resultat der letzten Verhandlungen ist interessant und auch belehrend. Es wurden 9 Araber, K Mohamedaner und 3 Juden zu je fünf Jahren Zuchthaus, 23 Araber, 14 Juden und 9 Mohamedaner zu 1 bis 8jährigem Gefängnis und 32 Araber, 17 Mohamedaner und 15 Juden zu 10 Tagen bis 6 Monaten Gefängnis verurtheilt. Man vergegenwärtige sich die Lage. Eine mordlnstige Meute stürzt in das Judenviertel, mordet, schändet und raubt, und einige tollkühne Juden, die ihr Leben nicht achten, werfen sich, um die Ihrigen zu retten, Tausenden entgegen. Und als das Militär erscheint, ist schwer zu erkennen, wer Freund und wer Feind ist. Die armen Juden mussten für das Aufflackern des bisschen Lebenslust schwer büßen. Bei den Zusammenstößen blieben 31 Todte auf dem Platze. Was bedeuten aber diese, die ausgerungen, im Vergleich mit jenen Unglücklichen, die in tunesischen Gefängnissen ihrem Ende entgegenschmachten °? Sf Nerkmsmchnlhten. Graz. Die Wahlen, des akademischen Vereines „Charitas" ergaben folgendes Resultat: Obmann: med. Henryk Zipper, Obmann-Stellvertreter: in?- I. Rosen st o ch Cassier: inu- Gustav P o ll ak, Schriftführer: ju,-. Julius Lowensoh n, Bibliothekar: inu. Hugo N e u m a n n. Brünn. Einen wichtigen Erfolg der zionistischen Propaganda in Brünn, bedeutet die Gründung eines „Vereines; i o n ist i s ch e r H a n d e l s a n g e st e l l t e r". Der junge Verein dürfte 8«»—-1(10 Mitglieder zählen. Samstag den Ai. d.' findet die erste Agitations-Versammlung in Siebesny's Restauration statt. Trohobycz. Bei der am ii. April stattgesundenen Generalversammlung des Vereines „Zion" wurden folgende Herren gewählt: Eh. H. Zupnik, M. Singer, D. W e ch s l e r, O. D y m, A. Steiger, I. Laut'crbach, S. Karp, I. 5t r e p p l, M. «teuermann, M. T u r n s ch e i n . B. Schreier. Zalcszczyki. Am!>. März fand in unserem Local eine Purimfeier statt. 2kach der Begrüßung durch den Vorsitzenden L. L i n d n e r sprachen die Herrn E. G l a s e r, 6. Säume r, F. Seidmann und L. L a g st e i n über die Bedeutung des Purimfestes in nationaler Hinsicht. 'Rach der Versammlung fand ein Bankett statt, bei dem Herr E. Glaser, D. Kratz und L. 21 u erb a ch durch ihre Vorträge zur allgemeinen Unterhaltung beitrugen. Ttorozynctz. Ter Verein Zion hatte am ln. d. M. die constituierende Generalversammlung, bei der Tr. Kammer zum Obmann und H. Schneider zu dessen Stellvertreter gewählt wurde. — Herr Tr. Ko mm er entwarf in längerer Rede das Arbeitsprogramm des Vereines, welches ungetheilten Beifall fand. Wir heben aus demselben die Abhaltung von Vorträgen, T i s c u s s i o n s a b e n d e n, W a n d e r p r e d i g t e n und Edition einer I a r g o n fl u g s ch r i f t hervor. — Der Verein zählt bereits 200 Mitglieder. — Bücherspenden werden erbeten. m Mslhristknrlmdschllu. Einer der bekanntesten socialistischen Schriftsteller — es ist erfreulich, dass es einmal ein Jude ist - Herr M. Beer aus London, veröffentlicht in der New - Porker jüdisch-deutschen „Arbeiter-Zeitung" einen höchst^originellen, ganz außer der Parteischablone gehaltenen Leitartikel über „Tie Lage in Frankreich". Ter Artikel ist aus Paris vom ix. März datiert. Der Verfasser beginnt bei der Commune und gibt einen kurzen Grundriss der socialistischen Bewegung in Frankreich. Wir erfahren hierbei, dass es speciell Adolf Crömieur, der große Jude war, der die Arbeiter im Jahre 1877 zur 'Agitation angeregt und mit den nöthigen Mitteln versehen hat, zu einer Zeit, da die Arbeiterbewegung im öffentlichen Leben noch gar nicht mitzähltc. Rach einer ausführlichen Besprechung der capilalistischen Entwickelung Frankreichs kommt Beer auf seine Begleiterscheinung, den 'Antisemitismus, dessen Hintermann, den Clericalismus, und schließlich auf den Fall Dreyfus zu sprechen. Hier folgt ein offenes, mannhaftes Wort über die eigenen Parteigenossen : „Die Geistlichen, Antisemiten und das Lumpenproletariat" — heißt es — „waren thütig: aber die socialistischen Führer und das gebildete Proletariat haben leider ihre Pflicht nicht gethan. Tas ist nicht bloß meine Meinung; alle Socialistenführer in Deutschland, Belgien und Italien sagen das Gleiche. Die Proccsse Zola-Treyfus haben zwei Seiten. Für die meisten sind sie nur eine antisemitische Frage: .Sollen wir für die Juden sein oder gegen sie?' Wenn man die «ache von diesem Standpunkte aus betrachtet, kann man sagen, dass die französischen Socialisten Recht haben. Der Socialismus hat mit nationalen und Rassenkämpfen nichts zu thun. Allein so einfach liegt die Sache doch nicht: sie hat noch eine größere Bedeutung. Denkende Socialisten und freie Menschen stellen die Frage ganz anders: .Sollen wir das Recht oder das Unrecht vertheidigen?' Viele gebildete Menschen sind überzeugt, dass Dreyfus ungerecht verurlheile wurde. Es bleibt sich gleich, ob Dreyfus ein Jude, Christ odtr

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