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Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Article
Tuchów
Date
1898-04-22
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 «PkSsWdC 9tr 16. In ein Gtoupe' des Eisenbahnzuges ans der Strecke Ncu- Sandez-Krakau, in welchem jüdische und christliche Passagiere sich befanden, stieg eine Frau mit einem Hunde ein. Durch unaufhörliches Bellen desselben, was bei einem Hunde ein seltener Fall ist, kamen die christlichen Passagiere auf den Gedanken, es müsse sich etwas Verdächtiges in einem Kistchen befinden, das die Juden mit sich führten. Durch den Zugsführer wurden deshalb die Juden gezwungen, das Kistchen zu öffnen. Und welch schauerliches Bild entrollte sich da vor ihren Augen! Ein vierjähriges schlafendes Christenmädchen, das nach Krakau zur Abschlachtung geführt wurde. Auf der nächsten Station sollten die Juden für ihre Greuelthat dem Stationsvorstande Rechnung ablegen, allein sie beschwichtigten denselben mit einer 1000 Gulden Banknote und er unterließ die weiteren Schritte. — So weit das Märchen. Solcher Lügen bedienen sich unsere Antisemiten, um die Bauern aufzureizen und wenn hier nicht rasch dem Uebel vorgebeugt werden wird, dürfen wir Excesse ü, 1a Wieliczka in nächster Zeit erwarten. L. S. Budapest. Bei der letzten Versammlung der Pester israelitischen Religionsgesellschaft lenkte der Vorsitzende, Sigmund Kohner, die Aufmerksamkeit der Versammlung auf ein vom Unterrichtsministerium concefsioniertes Schulbuch „I^nny-i8kc>Iai földrajz11 (Geographie für Töchterschulen), in welchem die ungarländischen Juden als besondere Nationalität angeführt sind. Vom Gesichtspunkte des jüdischen Patriotismus protestiert Redner unter dem Beifalle der Anwesenden gegen solche Clasfificierung. Die armen ungarischen Juden! Es muss ein furchtbarer Schmerz sein, sich so verkannt zu sehen. Dabei zeigen sie trotz des Einschlages magyarischen Empfindens eine auffallende Aehnlichkeit mit ihren cisleithanischen »Glaubensgenossen". Sie »protestieren!" Bulgarien. Sofia. (Orig.-Corr.) Die Feiertagswoche wäre schier ohne bemerkenswerte judenfeindliche Staatsactionen des Antisemitismus abgelaufen. Allein das wäre ja zu schön gewesen und es sollte nicht sein. Auf einmal stellte sich der „Odzyw" (Echo) ein ziemlich gelesenes Blättchen mit einem Telegramm ein, welches meldete: „Jamboli. Das Kind des Gendarmen-k. wurde von Juden die für die Passahfeiertage Blut brauchten, angefallen — und wurde von mittlerweile daherziehenden Bauern gerettet. — Kind bedenklich krank. Inzwischen rottete sich dort eine große Masse Einwohner zusammen — und nahm eine drohende Haltung an. Zum Blutvergießen kam es nicht. Die Polizei that ihre Pflicht." — Dieses räthselhafte Telegramm wurde bald durch ein an den hiesigen Vorstand — Comile synago^al — aus Jamboli gerichtetes, von jüdischer Seite kommendes Telegramm, welches um Schutz bat, ergänzt. Ein jüdischer Einwohner jener Stadt wurde von einem Schuljungen provociert und gab ihm einen Schlag. Ter Bursche gieng in die Schule und erzählte den Mitschülern, wie er von den Juden angefallen wurde, welche ihm Blut abzapfen wollten. Alle Kinder erzählten diese gruselige Geschichte ihren Eltern. Die Repräsentanz der fephardischen Gemeinde machte beim Minister des Innern B e r e w darüber Vorstellungen und erhielt von demselben die Zusicherung, dass die jüdischen Bürger Schutz erhalten würden. An den Bezirkshauptmann ergieng auch die strengste Ordre vom Ministerium, er möge mit aller Energie jede Ausschreitung gegen die Juden verhindern, wofür er besonders verantwortlich gemacht werde. Das antisemitische Gewitter verzog sich landeinwärts und zwar nach S l i w n o, um dort mit elementarer Gewalt loszubrechen. Diesmal sollte es aber nicht ohne Blut — natürlich Judenblut ablaufen. Die eingezogenen Erkundigungen ergaben folgende Details. In Sliwno verließ ein kleiner Junge, Schüler der Volksschule, sein Elternhaus gegen Abend, um die Nacht bei einem Mitschüler zu verbringen. Als tagsdarauf der Knabe wieder ins Elternhaus und unter seine Genossen kam, erzählte er scherzhalber, dass er voll Juden ergriffen und in eine Badewanne gesteckt worden wäre, wo man ihm das Blut abzapfte. Es entstand nun sofort eine gewaltige Aufregung in der Stadt. Man begab sich zum Bezirkshauptnmnn mit dem Verlangen, den betreffenden Jungen zu vernehmen,' damit er seine Aussagen vor der Polizei mache. Der ausgeschickte Stnr/ar (Gendarm) missverstand den Auftrag seines Vorgesetzten und theilte der Menge mit, dass er den jungen Schüler, welchen die Ewrejis für ihre Blutceremonie missbraucht hätten, zum Natschalek (Bezirkshauptmann) zu führen beauftragt sei. Natürlich glaubte die Menge nun erst recht an dieses Gerücht und begann eine schreckliche Hetze. Sieben Juden wurden schwer, viele leicht verletzt, vier Geschäfte ausgeraubt, die Scheiben der Synagoge wie die der Allianceschule eingeschlagen. Die Behörde suchte dieser Meute Herr zu werden. Die Ruhe soll wieder hergestellt sein. Tie Unruhen mussten wohl große Dimensionen angenommen haben, da sich die Gendarmerie als unzureichend und das Eingreifen des Militärs unter Major B o n e w als nothw endig erwies. Russland. St. Petersburg, 4-. April. Im hiesigen Vereine »zur Förderung der Bildung unter den Juden", (historisch-ethnographische Abtheilnng) erstattete Herr M. M a r g o l i n, der vor kurzem Palästina besucht und die dortigen Verhältnisse ein gehend studiert hatte, Bericht über seine Wahrnehmungen, deren kurzer Inhalt hier wiedergegebeu sei: »Tie Colonien — erzählte der Referent — bilden, nachdem ihre schwierige Prüfungszeit, die jede neue Sache durchzumachcn hat, vorüber ist. gleichsam einen Circulationsapparat voll gesunden, lebensfrischen Blutes, der dem jüdischen Volkskörper frische Kraft zuführeu fall, indem die Colonien die Grundlage für ein jüdisch-nationales Centrum bilden können. Palästina im Allgemeinen steht den anderen Ländern, weder in klimatischer noch in ökonomischer Beziehung nach und ist für die Ansiedlung der Juden sehr geeignet. Es hat noch den Vorzug vor anderen Ländern, dass das Volk durch eilte mehrtausendjährige Tradition an dasselbe geknüpft ist. Diese Anhänglichkeit war es auch, die den Colo nisten Muth und "Ausdauer gegeben hat, um die unsäglichen Blühlind Drangsale zu überwinden und den Stand zu erringen, auf dem fie sich gegenwärtig befinden. Diese wenigen Colonien jedoch (sogar zusammen mit den aitderwärts begründeten» reichen wegen der Langsamkeit, mit der sie g e g r ü n d e t w e r d e n, nicht hin, n m die Judenfrage in Europa v o llständ ig zu lösen. Was das Menschemnaterial betrifft, sollten die russischen Juden das Hauptelement der Ansiedlnngen bilden, die sie zu einem wahren Eentrum für das ganze nationale Judenthum machell könnten. Außer Palästina gibt cs nirgends einen Ort, der für ein solches nationales Eentrum geeignet wäre. Für die endliche Nothwendigkeit eines nationalen Centrums spricht sowohl die ganze jüdische Geschichte als auch die gegenwärtige Lage der Juden in allen Ländern Europas". Dem Vorträge folgte eine lebhafte Discusfion über den Zionismus. („Hameliz"). Frankreich. Paris. "Aus Philippeville wird dem „Temps" von einer antisemitischen Kulldgebung gemeldet, welche gegen den Abge ordneten Thomson veranstaltet wurde. Thomson ist gegenwärtig umso eher Zielscheibe der Antisemiten seines Wahlkreises, als die Manifestanten seinen Namen mit dem Teeret Crdmieux in Zusammenhang bringen, weil er mit der Enkelili des Eman cipators der algerischen Juden verheiratet ist. Paris. (Orig.-Eorr.) Die Enthüllungen EasellaS haben nicht verfehlt, im Lager der Generalstabspartei Wnrb und Erbitterung hervorzurufen. Tie Blätter des militärisch clericalen Syndicats fielen in heftiger Weise über den Obern Panizzardi und Casella her. Der „Jour" sendete einen Interviewer zu Panizzardi und veröffentlichte darauf ein Interview, das die Angaben Casellas vollständig desavouier:. Darob große Freude im Lager der Militärpartei. Da plötzlich erklärte Panizzardi, dass er den Mitarbeiter des »Jour" gar

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