Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-04-22
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 16 Seite 3 werde — traurig genug, ivenn's Splitter gibt!" Man weiß im Voraus, in wessen Fensterscheiben diese Splitter fliegen müssen, und von Algier bis in die Bretagne zittern die französischen Juden, wenn sich die Gerechtigkeit des Landes um den grünen Tisch versammelt. In Gnodstedt im Würtembergischen lebt ein biederer antisemitischer Reichsrathscandidat, der Dank seiner Gesinnung auch gewählt zu werden hofft. Dr. Dingfelder ist Arzt, wissenschaftlich gebildeter Arzt, und curiert seine Patienten u. a. mit folgendem Mittel: Er kocht ein Ei in einer unnennbaren Flüssigkeit und vergräbt es sodann in einem Ameisenhaufen. Bis das Ei total zerfressen ist, muss, seinem Versprechen nach, der Patient gesund fein. Es ist gut, bei diesem Reichsrathscandidaten an die Brandreden zu erinnern, welche gegen die jüdischen Aerzte ununterbrochen gehalten werden. 4- Könnte man dir Vundeslade tviederstndrn? Von Henning Melander (Stockholm). I. Historische Schlussfolgerungen. Biele sind der Meinung, die Bundeslade sei bei der Einäscherung des Tempels im Jahre 586 v. Ch. zugrunde gegangen. Diese Meinung wird indessen weder in der Bibel noch in den alten Ueberlieferungen bestätigt. Im Jahre 586 plünderten nämlich die Chaldäer den Tempel eine längere Zeit hindurch vor der Einäscherung (Jer. 52, 6—13), und er brannte nicht zufällig ab, sondern wurde mit Fleiß angezündet und zwar auf Befehl des commandierenden Generals nach Beendigung der Plünderung, — einer Plünderung, die so gründlich war, dass man „mit Hammer und Brecheisen" sogar die an den Wänden befestigten Goldleisten und Verzierungen losbrach (Ps. 74,6). Mau raubte alles, was irgend einen Wert hatte, und dass dabei die Bundeslade nicht den Flammen überlassen wurde, ist selbstverständlich. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Chaldäer dieselbe zerschlagen haben, da sie ja das Kostbarste im ganzen Tempel war. Jerem. 52 wird freilich berichtet, es seien bei der letzten Tempelplünderung im Jahre 586 Kostbarkeiten im Tempel zerstört worden, doch handelt es sich hier nur um Holzschnitzereien am Gebäude selbst und um massive Gegenstände, wie die ehernen Säulen und das eherne Meer (Pf. 74,6, Jerem. 52:17), dagegen war die Bundeslade freistehend und leicht zu transportieren; man brauchte sie nicht zu zerschlagen, und es ist wohl geradezu undenkbar, dass ein Heiligthum vernichtet worden sein sollte, welches das Kostbarste der ganzen Siegerbeute war. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte man darüber berichtet; indessen verlautet kein Wort davon, denn weder 2 Chron. 36:19 noch 2 Kön. 24:13, wo von Kostbarkeiten berichtet wird, die vernichtet wurden, kann die Bundeslade gemeint sein, denn an ersterem Orte handelt es sich um die Schätze des Palastes und an letzterem Orte um die Heiligthümer, die vom König Salomo herstammten, und dazu gehörte nicht die Bundeslade, denn diese war über 400 Jahre vor Salomos Zeitalter vorhanden. Es bleiben daher nur zwei Möglichkeiten übrig, die einen historischen Grund haben, nämlich einerseits, dass die Bundeslade den Chaldäern in die Hände fiel und unbeschädigt nach Babel geführt wurde oder andererseits, dass sie aus dem Wege geräumt und geborgen wurde. Tie erstere Voraussetzung ist doch sehr unwahrscheinlich, denn wäre die Bundeslade nach Babel gebracht worden, so hätte man sie unbedingt auch gleichzeitig mit den 5400 goldenen und silbernen Gefäßen zurückerhalten, die nach der Gesangeuschast ausgeliefert und in dem zweiten Tempel aufgestellt wurden*); doch wird sie bei den erwähnten Gefäßen nicht genannt, und dem zweiten Tempel befand sich keine Bundeslade, vielmehr befand sich an der Stelle, wo ehemals die Bundeslade stand, *') Esra 1: 9—11. nur ein Stein, auf welchen am Verföhnungstage das Räuchergefäß gestellt wurde.*) Ein Beweis dafür, dass die Bundeslade im zweiten Tempel fehlte, liegt auch darin, dass am Triumphbogen des Titus unter den Tempelschätzen die Bundeslade nicht abgebildet ist. (The Arch of Titus, William Knight M. A.). Es wird auch in der Bibel nirgends erwähnt, dass die Bundeslade jemals nach Babel geführt worden ist, und dies ist von wesentlicher Bedeuttlng, da ja die Buudeslade von der Theokratie höher geschätzt wurde als der Tempel selbst. Wäre sie vernichtet oder nach Babel geführt worden, so hätte der Geschichtsschreiber dies unbedingt erwähnt, dass dies nicht geschieht, lässt darauf schließen, dass man sie verbarg und verbarg man sie, so war es ja natürlich, dass man darüber Stillschweigen beobachtete. Auch die Tradittvn bestätigt zur Genüge, dass die Bundeslade verborgen wurde. II. Ueberlieferungen. Die älteste Ueberlieferung, dass man die Bundeslade verborgen habe, finden wir im 2. Buch der Makkabäer 2,1. — Hier wird aus eine ältere Handschrift hingewiesen, welche berichtet haben soll, der Prophet Jeremias habe die Bundeslade und das Tabernakel nach dem Berge geführt, welchen Moses erstiegen hatte, um das Erbland Gottes zu schauen. Als er dahin kam, heißt es, fand er eine Höhlenwohnung und brachte das Zelt und die Lade und den Räucheraltar dorthinein und verrammelte die Thüre. Und es kamen einige seiner Begleiter, um sich den Weg mit Merkzeichen zu versehen; aber sie konnten ihn nicht finden. Als aber Jeremia es erfuhr, schalt er sie und sagte, dass der Ort unbekannt bleiben werde, bis Gott sein Volk wieder versammeln und gnädig sein würde. Dann wird Gott dies auszeigen, und die Herrlichkeit des Herrn und die Wolke wird erscheinen, wie sie auch bei Moses offenbar wurde, wie auch Salomo bat, dass der Ort besonders geheiligt würde. An diese Tradition knüpfen sich verschiedene sagenhafte Berichte aus einer späteren Zeit, wie z. B. der Prophet Jeremias habe das Versteck versiegelt und mit seinem Finger den Namen des Herrn darauf geschrieben, worauf Wolken den Felsen verhüllt haben, so dass niemand den Ort erfahren habe; aber, heißt es weiter, dort glänze Nachts eine kleine Wolke wie ein Feuer an der Stelle in der einsamen Wüste, wo die Bundeslade ursprünglich verfertigt wurde, inmitten der Berge, wo Moses und Aaron begraben sein sollen. Und bei der Auferstehung soll die Bundeslade erscheinen, heißt es weiter, und alle Heiligen sollen zu ihr ihre Zuflucht nehmen, um dem Herren zu begegnen und dem Bösen zu entgehen, der sie zu vernichten strebt. (Epiphanus im 4. Jahrh.)**) Eine andere merkwürdige Ueberlieferung finden wir in Baruchs Apokalypsis, welche kurz nach der letzten Zerstörung von Jerusalem geschrieben ist. „Und siehe", heißt es dort, „das Kriegsheer der Chaldäer umgab die Stadt, und gegen den Abend verließ ich, Baruch, das Volk und ging hinaus und stellte mich unter die Eiche (in Hebron) und bettauerte Zion und beseufzte die Gefangenschaft, die über das Volk kommen sollte. Und siehe. Plötzlich fühlte ich mich von dem Geiste der Kraft gehoben, der mich in der Höhe über die Mauer von Jerusalem führte. Und ich sah, und siehe, die vier Engel standen über den vier Ecken der Stadt und schwangen Fackeln in ihren Händen und ein anderer Engel stieg herab vom Himmel und sagte: Haltet inne mit euren Fackeln und zündet sie nicht an, bevor ich euch rufe, denn ich bin ausgesandt, der Erde das Wort des Herrn zu verkünden und daselbst zu bewahren das, was Gott und der Höchste mir besohlen. Und ich habe gesehen, dass er herabgestiegen ist in das Allerheiligste und dass er den Vorhang gehoben, den heiligen Ephod, das Versöhnuugsmittel (den Gna- *) Mischna Joma 5: 2, Josephus Bell. Jud. V v. 5, Tacitus Hist. V: 9, Civ. Bell. II. 592, Hecateus von Addern. **) I. Burtors: Exercitatiönes ad Historiam Are. foederis — Basile 1659.