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Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Article
Elischa
Date
1898-04-22
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite * sich an ihn, aber es war im Grunde Mitleid mit sich selbst, das der deutsche Dichter und der deutsche Zuschauer empfand. Denn damals, vor einem halben Jahrhundert, war nach langer Zerriffenheit und Ohnmacht auch in Deutschland das nationale Gefühl noch vom Fremdsinn überwuchert, der Ruf nach Emancipation der Juden war nur etwas Beiläufiges neben dem Rufe nach der eigenen Emancipation. Ferdinand Freiligrath rief: „Deutschland ist Hamlet", was ungefähr der gleichen Stimmung Ausdruck gab, wie Gutzkows tragische Symbolisierung Elischa's und Uriel Acosta's. Dann wurde der nationale Traum der Deutschen zur Wirklichkeit, die Emancipation der Juden aber wurde ein irres Wort, denn nicht um ihrer selbst willen war sie angestrebtz nicht im eigenen nationalen Geiste war von den Juden um sie mitgestritten worden. Der „Acher" blieb, was er gewesen war, aber die Romantik wendete sich von ihm ab. Nun war er krank und blass und verlassen wie zuvor, nicht einmal das Mitleid mehr begegnete dem Fremdling auf seinen Wegen. So selten, ach, haben die Genesenen Mitleid mit dem Kranken. Der Gesunde tanzt und lacht. Dem Kranken ist's vergällt. Rabbi Melr entsündigte den „Acher", der ihm kein Fremder war: er bot sein eigenes Seelenheil als Preis für das Seelenheil des Anderen, von dem er sich unzertrennlich fühlte, trotz der Rauchsäule, trotz der hellenischen Lieder, trotz Allem. Rabbi Me'tr verkörpert in der ergreifenden talmudischen Ueberlieserung den Sieg der Liebe über den Abfall, der nationalen Zusammengehörigkeit, über die Trennung, des Gemeingefühls über den Fremdsinn. Rabbi Me'ir verwirft den todten Lehrer nicht, von dem das Leben ihn geschieden hat, er verlangt ihn zurück, weil auch der „Ächer" ihm kein Fremder werden kann, wie sehr er in fremden Liedern sich berauschen mag. In dem Drama Gutzkow's hält der alte Ben Akiba den jüdischen Ketzerrichtern von Amsterdam die Frage entgegen: „Er soll beweisen, dass er glaubt? — Kann man beweisen, dass die Sonne scheint — kann man beweisen, dass das Wasser fließt?" Das ist der Geist Rabbi Me'irs, der unter uns fortwirkt und immer fortwirken muss, dass wir Niemanden verloren geben, auch wenn er als „Acher" die fremden Lieder lieber singt als die unseren, ja, über die fremden Lieder die eigenen vergisst. So enthält die Erzählung von Elischa ben Abuja und seinem Schüler Rabbi Me'tr ein ergreifendes Gleichnis. Und wer den Sinn desselben erfasst, dem kann die Nutzanwendung für unsere unmittelbare Gegenwart nicht schwer fallen. Eine Rauchsäule kündet, was wir uns zurückzugewinnen haben: das Heimatsgefühl, die Heimat, den „Acher". O, es wird dem wiedergewonnenen „Acher'" unter uns nicht verwehrt sein, hellenische Lieder zu singen, die Lieder aller Völker zu singen, nur dass das Lied von Zion ihm das nächste, dass es sein Lied werde, um desswillen ist Rabbi Metr uns ein ehrwürdiges Vorbild. Wann wird die Rauchsäule aus immer verschwinden? ❖ Die Woche. Wien, 21. April 1898. Die Berliner Assimilierungs-Juden befinden sich in großer Aufregung. Sie halten Versammlungen ab, reichen Beschwerden ein, veröffentlichen Artikel über Artikel. Nämlich: die famose Anpassungsmaschine stockt wiederum irgendwo. Das Germanenthum jüdischer Confession wird wieder einmal nicht als voll genommen. Darüber fürchterliche Verzweiflung. Es gibt in Berlin einige vornehme Erziehungsinstitute, in welchen man die Aufnahme jüdischer Kinder verweigert hat, und dieses Ereignis bildet den Gegenstand aller Debatten, die Tagesordnung der Versammlungen, die Ursache der Beschwerden, das Thema der Leitartikel. Wem es mit der Aupaffung ernst ist, der muss allerdings schmerzlich berührt sein von der ablehnenden Haltung, welche die höheren Töchter- und Knabenschulen annehmen. Es liegt im Interesse der Assimilierungs-Juden, wenn die Kinder gleich vom Anfang an ihre Rasse und ihren Glauben bemänteln und verstecken lernen. Man kennt die lebendigen Erziehungsresultate dieser Schule in zahlreichen Exemplaren. Sie kommen überall vor, im Salon, auf der Universität, beim Militär und in öffentlichen Aemtern. Das sind die Jünglinge, die sich mit Eichenlaub umkränzen und an denen stets die innere Verzweiflung über ihren prononcierten Familiennamen nagt, die jungen Dämchen, die aus einem überempfindlichen Pschüttgefühl Antisemitiunen sind, für die der Mensch überhaupt erst beim pommerichen Rittergutsbesitzer anfängt, die aber dann doch einen Knoppern- oder Kurzwarenhändler heiraten. Es ist wirklich schade, dass die Heranbildung solcher Prachtmenschen jetzt in Berlin erschwert wird. Die Berliner protestantischen Eltern werden vielleicht jetzt doch einsehen lernen, wie weit es mit der Gleichberechtigung her ist. Wenn es den Juden auch erlaubt bleibt, ihre Kinder in alle Schulen zu schicken, so existiert doch kein Gesetz, das die Schulen zwingt, jedes Kind aufzunehmen. Ebensowenig, wie es einen gesellschaftlichen Zwang gibt, den und jenen einzuladen, mit ihm liebenswürdig zu sein und ihm die Hand zu reichen. Es gibt Höflichkeitsvorschriften, aber keine Freundlichkeitsgesetze. Wer Freundlichkeit und Freundschaft erbetteln oder erzwingen will, ist immer aufdringlich. Darum wirken die Versammlungen, Beschwerden und Artikel nur wie Aufdringlichkeiten. Darum werden sie erfolglos bleiben. Die jüdischen Eltern, die ihren Sprösslingen gerne eine „feine" Erziehung augedeihen lassen, werden jetzt darüber nachzudenken haben, worin die „feine" Erziehung in Wirklichkeit besteht. Die Strafkammer in Frankfurt hat neulich darüber entschieden, ob die Bezeichnung „Jude" als Beleidigung anzuseben ist. Ihr Urtheil gieng dahin, dass das thatsächlich als Ehrverletzung angesehen werden müffe. Solche Erkenntniffe sind beschämend für die Juden. Es zeigt, wie sie selbst über ihre Abstammung denken und fühlen. Der Jude, der zum Richter läuft, weil man ihm sagte, dass er ein Jude sei, beleidigt eigentlich alle seine Brüder. Man sollte übrigens bei derartigen Anklagen, wie bei fast allen Ehrenbeleidigungen, den Wahrheitsbeweis zulasten, und wenn er glückt, den Angeklagten freisprechen. Frankreich kommt nicht zur Ruhe wegen Dreyfus. Der zweite Process Zola naht heran und unter dem Eindruck der Enthüllungen Casella's wird er ein Entscheidungskampf werden zwischen dem Generalstab und den Bertheidigern des armen Verbannten. Zola begehrt jetzt die Vernehmung Dreifus' als Zeugen. Nirgends verbietet ein Gesetz ein solches Begehren. Ja, nach der Processordnung muss es gestattet werden. Dennoch ist es heute schon vorauszusehen, dass der Richter den Antrag ablehnen wird. Dreyfus gilt eben vor den französischen Richtern als todter Mann. Niemals noch ist ein Verbrecher von der Justiz so behandelt worden, wie der Mann, von dem die Besten des Landes behaupten, dass er unschuldig sei. Einstweilen wird Zola öffentlich beschimpft, wo er sich zeigt. Wenn er von Medan aus auf feinem Fahrrad über Land fährt, bewerfen ihn Pariser Studenten mit Steinen. Wenn Esterhazy in Paris spazieren geht, grüßen die Droschkenkutscher, die Studenten jubeln ihm zu, und die Prinzen fallen ihm um den Hals. Ein Mitglied des Generalstabes hat mit Hinweis ans den Process Zola gesagt, dass „diesmal die Bombe platzen

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