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Die Welt · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Date
1898-04-22
Page
None (sequence 1)
Language
German
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n-:-;-r bredariwn 1 Erscheint jeden Freitag. * 1-m Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wien die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX.. Tückenstraße 9. straße 9, zu richten. Telephon Nr. 6605. Unstankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 16 kr. 0-X I Manuscripte nicht zurückgesendet. j a-ta ßPtltltfilltfPtfP * Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig Ost.— 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland * ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Ets., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 16. Wien, 22. April 1898. 2. Jahrgang. Elischa. Ein Gleichnis von O. Erter. Und die Rauchsäule ward nicht mehr gesehen. Rabbi Me'ir hatte tagelang am Grabe seines Lehrers Elischa ben Abuja in inbrünstigem Gebete gelegen, doch die Rauchsäule war unausgesetzt aus dem Grabe emporgestiegen. Bis Rabbi Meir, die beiden Hände gen Himmel streckend, in heißer Verzweiflung stammelte: „So sei auch mir der Garten der Seligen verschlossen, wenn Elischa, mein Lehrer, ihn nicht betreten soll". Und von dieser Minute an war kein Rauch mehr über dem Grabe gewesen. Aber tiese Traurigkeit lag sortan aus dem Antlitz des frommen Rabbi Me'ir. Er hatte die sündige ^eele seines Lehrers Elischa, der von Allen scheu gemieden und von ihnen nur der „Acher" genannt worden war, durch seine trotzige Fürsprache erlöst; nun war dieser Trotz zu sühnen, und doppelte Last, di5 des Todten und die eigene, lag aus dem srommen Tagewerk Rabbi Meirs. Ach, es war eine herzzereißende Stunde gewesen, als sie den „Acher" aus dem Lehrhause hinausgewiesen hatten. In der Mitte unter ihnen, von ihrem Zorn umtobt und von hundert wild emporgehobenen Annen bedroht, hatte er gestanden, hochausgerichtet die schlanke Gestalt, finstere Glut in den schwarzen Augen und schreienden Schmerz in dem bleichen, wirrumlockten" Gesicht. „Du bist nicht von den Unseren, Tu bist ein Acher, ein Anderer!" hatten sie ihm ins Ohr gekreischt, und er war hinausgewankt, einsam und in sich gekehrt, bis gütiger Wahnsinn sich seiner erbarmte und ihn mit dem Schatten des Todes umfieng, noch bevor ihm zu sterben vergönnt war. Abseits vom Lehrhause, mit Blicken voll scheuer Sehnsucht und voll höhnischer Bitterkeit, war er an den Wänden dahingetaumelt, draußen an der Landstraße hatte er gekauert, „hellenische Lieder" vor sich hinmurmelnd, wohltönende, berauschende Lieder, die sein Verderben gewesen waren. Armer Elischa, armer Acher! Eine Leuchte des Lehrhauses war er gewesen, aber dann war sein unvergleichlicher Geist in die Fremde geirrt, zu den Anderen, frevle Widerspenstigkeit hatte er eingesogen und wider das Baß Kol sich aufgelehnt, wider die Stimme von Oben, die aus blitzdurchzuckter Wolke ihm sein Unrecht im Streite der Lehrmeinungen zugedonnert hatte. Hellenische Lieder hatten ihn verwirrt, im Verkehr mit den Fremden war er selbst den Seinen ein Fremder geworden. Und der Fürsprache Rabbi Meirs, seines frommen Schülers, der ein Größerer war als er, hatte es bedurft, um von seinem Grabe die Rauchsäule zu verscheuchen, diese schreckliche Gedenksäule des Acher, des Anderen. Aber unsterblich ist Elischa geworden wie das unausschöpsbare Leid, das aus dem Lehrhause mit uns Juden in die Zerstreuung hinausgezogen ist und uns nimmer verlassen hat. Rabbi Me'ir hat vergebens gebetet. Vom Grabe Elischa's verschwand die Rauchsäule, doch der „Anderen" wurden in der Fremde immer mehr, von ihren Lippen troffen nicht blos hellenische Lieder, nein, die Lieder aller Völker, bis sie der eigenen vergaßen. Und nun verstopfen sie ihre Ohren gegen das Baß Kol, gegen die Stimme des Heimwehs, die ihnen ruft; an den Wänden taumeln sie hin und neben der Landstraße kauern sie, an den Flitter der Fremde sich klammernd, wie einst Elischa an die hellenischen Lieder. Und Rabbi Me'ir? Ist seine stille, ehrwürdige Gestalt voll unergründlicher Liebe zu dem Lehrer nicht bester zum Vorbilde geschaffen, als die des düsteren Zweiflers, der an seinem trotzigen Fremdsinne verdarb? Diese Zweifler und halben Abtrünnigen hat von jeher die Romantik mit einem flimmernden Lichtschein umgeben, und als zumal in Deutschland der Emancipationsruf durch alle Gaue scholl, da wurde von einem edlen deutschen Dichter auch das Andenken Elischa s erneuert, gleichsam als des Urbildes aller jüdischen Skeptiker, zu denen auch UrielAcosta und dessen großer Neffe Baruch Spinoza gehörten. So ward der „Acher" für eine Weile zur Symbolgestalt der deutschen Judenemancipation, die doch nur etwas Flüchtiges und Vergängliches war, wie der Jrrlichtglanz um Elischcrs Haupt. " Hellenische Lieder haben uns Manchen aus der Reihe gelockt, den Alexandriner Philon, den Geschichtsschreiber Josephus Flavius, der sich in der Umgebung des römischen Imperators befand, während derselbe Jerusalem belagerte. Die Gestalt des „Acher" hat uns durch unsere ganze schreckliche Leidensgeschichte begleitet, sie ist der wahre Juif errant, welcher der Erlösung harrt, die Personification des Fremdsinnes, der unser Heimgesühl überwucherte. Die Romantik liebt den finsteren Zweifler, der seinen Jrrthum mit seinem Untergange bezahlt, den Ausgestoßenen, der von allen verlassen umherirrt, sie liebt das Traurige mehr als das Glückliche, das Hilflose mehr als das Starke. Bleich und krank muss der romantische Held sein, verfolgt vom Geschicke, das ihm das Kainsmal auf die Stirne gebrannt hat. So ward Elischa eine romantische Figur in dem deutschen G.dichte. Tiefes Mitleid heftete

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