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Die Welt · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Article
Der Antigoyismus in Zion
Date
1898-04-15
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 .Pfc&war Nr 15. Fenillktou. Der Antigoyismus in Zion. Von Jacques Bahar. Brief des Specialcorrespondenten der „Algier. Colonial Times." (Fortsetzung.*) Die Gerichtsverhandlung. Im Augenblicke, als der Gerichtshof die Sitzung begann, hörte das Auditorium ein Geschrei, das von außen kam. Ter Präsident schickte einen Gerichtsdiener, um Erhebungen zu pflegen. Dieser kam zurück und meldete, dass das Volk gegen Biermond furchtbar erbittert sei, dass heftige Auseinandersetzungen zwischen den Antigoyisten und ihren Gegnern stattsänden, welche . erst jüngst .den Namen Anti-Egoisten angenommen haben, und dass die Armee große Mühe habe, den Palast zu schützen. Da schreibt^derVPräsident Bernard-Lazare einige Zeilen, legt sie seinen 69 Beisitzern vor und übergibt dann das Papier dem Gerichtsdiener für den Commandanten der Truppen. Eine schreckliche Angst überfällt das Auditorium. Man fürchtet, dass auf die Menge geschossen werden soll. Ich verlasse den Berhandlungssaal in dem Augenblicke, als der Oberst Ben-Tarfon eben einen Wirbel aus bem Taupli anordnet (Tauph heißt die jüdische Trommel) und drei Terualis des Sehofars und Chazauzraus, das ist eine Art jüdischer Fanfare, welche auf Widderhörnern oder Metallinstrumenten — nach Art der römischen Tuben — geblasen wird. Da trat Stille ein, und der Oberst las mit kraftvoller Stimme: „Im Namen des Gerichtshofes des Synhedrions, des Dieners des Gott-Königs und seines Gesetzes, bringe ich, Menachem Bernard-Lazare, dem Volke den Artikel 8 der Declaration der Menschenpflichten in Erinnerung, der also lautet: „Keine andere Macht als die Achtung vordem Volke darf den Richter schützen." Mit Rücksicht darauf, dass der Gerichtshof kein rechtskräftiges Urtheil unter dem Schutze der Militärmacht schöpfen kairn, fordere ich das Volk auf, wenn anders ich nach ihnen wirklich das Gesetz beobachte, dass es sich zurückziehe, damit es die Truppen ebenfalls ohne Unziemlichkeit thun können." Nach der Verlesung dieser Aufforderung erhob sich ein gewaltiger Ruf der ganzen Menge „Hoch Menachem! Hoch Menachilmen!" Dann hörte man, wie ein einziges Individuum in fehlerhaftem Hebräisch schrie: „Hoch die Armee!" Das gilt nämlich hier als aufrührerisch, weil die Armee, trotzdem sie ans intelligenten Leuten besteht, in Rücksicht auf die anderen nationalen Machtfactoren, nur als Element der Gewalt und der rohen Kraft betrachtet wird, etwa so wie die Muskelkraft im Gegensatz zur geistigen Thätigkeit. Und der Muskelkraft den Vorrang vor den geistigen Fähigkeiten einzuräumeu, ist etwas, was den Palästinenser aufs schmerzlichste berührt. Deshalb rief dieses Hoch auf die Armee auch einen förmlichen Sturm von Erwiderungen hervor. „Nieder mit dem Tummkovs!" „An die Grenze mit diesem bäurischen Bengel!"^„Das ist ein Esel, der Schmuggelware führt", sagte der Eine: „Ter ist den Zollwächtern entwischt", rief ein Anderer. Keiner aber legte Hand an ihn. In Palästina zeigt sich nämlich der Mulh, indem es einer mir zweien aufnimmt, nicht aber, indem ein ganzer Trupp über einen Einzelnen hersällt. Man führte ihn auf die Wachtstube. Es war ein französischer Jude, der erst jüngst gelandet war, ein Nachkomme der antiziouistischen Juden,'^die in Frankreich geblieben waren, der eben noch Spuren der alten französischen Affimilativu verrieth. Man entließ ihn, nachdem man seinen Namen und seine Adresse erfahren hatte. Nach den Gesetzen wird er an die Grenze zurückgebracht und in einer Art Quarantaineschule interniert werden, wo die ungebildeten Einwanderer auf Kosten des Staates einen Curs vonZozusagen geistiger Desinsection und Ausbildung durchzumachen haben. *) Vide Nr. 13 und 14 der „Welt", II. Jahrgang. Als die Menge seinen Namen erfuhr, Bastian Sofaiiec** i, schüttelte sie sich vor Lachen und vergass ihren Zorn. Man schrie unter Lachthräuen: „Es fehlt ihn etwas; dadurch wird er zum Juden gestempelt. Gebt es ihm doch zurück". Hierauf kam man überein, sich nach Hause zu begeben, nicht, ohne vorher noch sieben Delegierte zu ernennen, welche beauftragt wurden, sich durch die Toleranzstraße auf den Friedhof zu begeben, um ein Erinnerungszeichen aus Stein auf dem Grabmal des Alfred Dreyfus niederzulegen. Man weiß, dai> dieser Märtyrer des christlichen Fanatismus einen Tag nach seiner Rehabilitierung Frankreich verließ, und nachdem er ein feuriger Zionist geworden war, sich in Palästina ansäßig machre, wo er hoch betagt starb. Man verdankt ihm ein großes Werk, betitelt: „Die Integralrechnung bei den Babyloniern und ihre Rückwirkung auf die jüdisch-arabische Kabbala". Nachdem sich die Menge zerstreut hatte, begann der Gerichtshof des Synhedrions die Verhandlung. Gerichtliche Gepflogenheiten der Juden. Der Berhandlungssaal unterscheidet sich in nichts von den anderen Säle'» des Palastes, außer dadurch, dass er größer ist. Es gibt keine erhöhten Sitze. Gerichtshof, Generaladvocat, Angeklagter und Bertheidiger — alle haben gleich hohe Plätze. Die Amtspersonen tragen keine besondere Amtstracht, sondern sind in derselben Kleidung wie der Bertheidiger und der Angeklagte. So verlangt es das „Gesetz von der Gleichheit aller Bürger" in diesem Lande, welches der Anklage kein äußeres Zeichen des Vorzuges vor der Bertbeidigung einräumt. Im Palaste gibt es ein Ankleidezimmer für die vor das Gericht Geladenen. Bor seinem Eintritt in den Berhandlungssaal nimmt jeder eine Art Ueberkleid in Empfang, das ihn den Richtern ganz gleich macht. Uebrigens ist der Angeklagte nichl in vollem Lichte. Der Gerichtshof hat Gegenlicht. Das ist das bewusst Entgegengesetzte von früheren Gewohnheiten, was hier nach dem jüdischen Grundsätze geübt wird: „Das Hören har den Vorzug vor dem Sehen." Man beurtheilt hier den Menschen nach dem, was er aussagt und nicht nach seinem Mienenspiel. Die Theorie Lombrosos ist nurmehr in Touar im Schwang. Nach den Vorschriften des palästinensischen Gerichtsverfahrens muss jeder von den Richtern während der Verhandlungen eineTvon anderenchorgebrachten Fragen verschiedene Anfrage stellen. Wenn von zwei Richtern eine und dieselbe Frage gestellt wurde, ist dies^ein Grund für die Cassation de-5 Urtheils, da angenommen wird, dass der zweite Fragesteller während der Verhandlung geschlafen habe. Das Aufstapelu von Büchern auf den Tischen der Gerichtspersoncn ist verboten. Tie Zuhörer sind nicht zusammen im Saale, sondern aui Tribünen placiert, die wie Theaterlogen abgctheilt sind. Eine jede fasst 10—.12 Personen. Auf diese Weise wird das Hiuuud Herströmen der Menge hintangehalten und jede Manifestation vereitelt. Ja, noch mehr. Im Bedarfsfälle hat der Präsident nicht erst die Mühe die Tribünen räumen zu lassen, noch auäi die Möglichkeit, Kundgebung zu Gunsten der Anklage hingehen zu lassen. Jede Loge ist nämlich durch sehr empfindliche Ali- **) Tiefer so wenig,jüdische Name lässt denJ'ganzen Aui wand von Schlauheit ermessen, der bei den früheren ftanzösischeu Juden aufgeboten wurde, um ihre Flamen unkenntlich zu machen. Tie Menge lachte, weil sie in dem Manne sofort den Abkömm ling der bekannten elsässischen Familie Schlomc^Grumpir erkannte. Wieso wurde nun Grumpir zu Solange? Ganz einfach. Grumpir ist ein verdorbenes Wort und heißt eigentlich Grundbirn, Erdbirne oder wie man gewöhnlicher sagt, Erdapfel. Die Erdäpfel sind bekanntlich bei Linne in die Familie der Solaneen eingereihl. So wurde aus,Grumpir — Solange. Die „Liga gegen die Veränderung der väterlichen Namen" ist diesem Missbrauch energisch entgegengetreten. Ihr Vorgehen wurde öffentlich als heilsam anerkannt. (Note des Correspondenten).

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