Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Article
- Paris
- Date
- 1898-04-15
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 Seite 9 eine Klage gegen Zola als Inhaber des Officierkreuzes der Ehrenlegion eingereicht werdenDas Resultat der Berathung war der Beschluss, einen neuen Process gegen Zola zu beantragen und als Kläger auszutreten. Das Kriegsgericht gab bekannt, dass der .Kriegsminister beim Kanzler der Ehrenlegion Klage erhoben habe, um die Streichung Zola's' aus der Liste der Ehrenlegion zu erlangen. Paris Sonntag Abends wurde im Sinne der Entscheidung des Kriegsge''ichtes Emile Zola und dem Redacteur der „Aurore", Perreux, die Klage zngestcllt, welche das erste Kriegsgericht des Pariser Cvmmandodistricts gegen diese beiden Herren erhebt. Paris. Tie „Aurore" kennzeichnet die Art der Einleitung und die voraussichtliche Turchsührung des neuen Zola- Processes wie folgt: „Man schickt uns nach Versailles, wo viele pensionierte Officiere und Beamte leben. Wenn man diesen Process wieder annullieren sollte, wird der nächste vielleicht nach Algier verwiesen werden." Tie „Aurore" und der „Sitzcle" verlangen, dass der Rath der Ehrenlegion sich mit der Frage der Streichung Esterhazy's aus der Legionsliste beschäftige. Ter „Siöcle" macht in einem offenen Briese an den Kriegsminister Bemerkungen, aus welchen hervorgeht, dass nunmehr Tocumente veröffentlicht werden sollen, welche den Verrath Esterhazy's beweisen. Paris. Paul Seroulebc, der gegenwärtig im Eharente-Departement als Candidat austritt, richtete an alle Municipalitäten Frankreichs einen offenen Brief, in dem er die Gefahren schildert, welche für die Nation mit der Rehabilitierung des Berräthers Dreyfus verbunden wären, und es ihnen zur Pflicht macht, allen Wählern die Ueberzeugung beizubringen, dass nur solche Candidaten für die Wohlfahrt Frankreichs So rge tragen werden, die sich in ihren Aufrufen verpflichten, jede directe oder indirecte Revision des Dreyfus-Processes zu bekämpfen. Italien. Rom. Oberst Panizzardi soll nach Rom berufen worden sein, um über die von Casella im „Siecle" veröffentlichten Mittheilungen vernommen zu werden. Ter Minister des Aeußeru wäre einer Zeugenaussage des Obersten im nächsten Processe Zola grundsätzlich nicht abgeneigt. Belgien. Brüssel (Orig.-Cvrr.) In diesem Monat wird hier die Generalversammlung der Jewish Colonisation Association abgehalten. Der Jahresbericht dürfte zeigen, dass in Argentinien grosse Summen ohne wahrnehmbare Ergebnisse ausgelegt wurden. Andererseits wurden jedoch auch größere Beträge zur Unterstützung palästinensischer Cvlonien ausgegcben. Mau erwartet voll diesen letzteren günstige Resultate. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Mehrheit im Berwaltungsrathe der Jewish Eolouisation Association die gerechten Wünsche der palästinensischen Eolonieu erkennt und würdigt. Mancherlei Einwürfe werden noch gemacht. Tie allgemeine Stimmung scheint aber dahin zu gehen, dass man zwar zur Ncugründung von Cvlonien die Hand nicht bieten, jedoch die schon bestehenden Colvnien in einem beträchtlichen Umfange unterstützen solle. Rumänien. Jassy. (Orig.-Corr.) Wie bekannt, waren früher alle Unterrichrsanstalten Rumäniens für alle Einwohner ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität unentgeltlich zugängig. Bor vier Jahren wurde unter der Herrschaft der conservativen Partei der 'Anfang gemacht, um die Fremden — lies Juden — dieses Bcnesiciums zu berauben. Seit Take I vneseu als Unterrichtsminisrer die Juden zwang, für die Freguentierung der Elementarschulen dlirch ihre Kinder einen hohen Betrag alljährlich zu entrichten, hat die rumänische Gesetzgebung gestrebt, die „Fremden" auch an den höheren Schulen iür ihre — und der Rumänen — Ausbildung zahlen zu lassen. In der vorigen Woche ist dieser langgehegte Wunsch aller rumänischen Patrioten in Erfüllung gegangen. Tie Liberalen unter S t o u r d z a und dem Uuterrichtsmiuister H a r e t wollen die Conservativen übertrumpfen und brachten ein Gesetz in der Kammer ein, dessen erster Paragraph kurz und bündig lautet: „ Strainii platesc". (Fremde zahlen!) Durch dieses Gesetz, das bereits in der Kammer und im Senate genehmigt wurde, wird der Unterricht an den Mittel- und Hochschulen für die Juden besteuert. Man will sie eben nicht nur geschäftlich, sondern auch in ihrem Bildungsstreben möglichst boycvttieren oder mindestens möglichst einschränken. Im Anschluss daran ist auch das Gesetz bemerkenswert, das nächstens der Kammer vorgelegt werden soll. Ter getaufte Jude Tr. Felix, der Chef des öffentlichen Sanitätswesens, arbeitet an einer Gesetznovelle, nach welcher alle „Fremden", ob sie in Rumänien oder im Ausland ihr Tocrordiplom erhalten haben, falls sie in Rumänien sich niederlassen wollen, verpflichtet sein sollen, dem Staate unentgeltlich auf d e m f l a ch e n Lande ein I a h r lang zu dienen. Wer die Verhältnisse in den Dörfern und Flecken des rumänischen Flachlandes kennt, wird die ganze Grausamkeit dieser Verfügung ermessen können, welche einen großen Theil der jüdischen Intelligenz zu vernichten bestimmt ist. Und das alles geschieht nach dem berühmten Berliner Vertrag! S—. Bulgarien. Jamboli (Orig.-Corr.) Das Passahfest hat uns Judenexcesse gebracht. Am 5. April wurde das Gerücht von der rituellen Ermordung eines Christenmädchens in Umlauf gesetzt, der Funke steng, der Pöbel rottete sich zusammen und begann an der jüdischen Synagoge sein Zerstörungswerk. Der Mob gieng nach einem genau festgestellten Kriegsplan vor, demzufolge Plünderung, Mord, Frauenschändung die Ostergaben der Juden bilden sollten. Der Pöbel war eben dabei, die Ausführung des Kriegsplanes mit dem Einschlagen der Fensterscheiben einzuleiten, als noch zur rechten Zeit die Polizei einschritt und die Juden vor dem Aergsten bewahrte. Berittene Patrouillen, die das Judenviertel umzingelten, hielten das aufgehetzte Volk von weiteren Ausschreitungen zurück. Russland. Kischineff. (Original -Corr.) Den 18/30. März ist in der Gouvernementsstadt Witebsk (Lithauen) unser eifriger Gesinnungsgenosse Tr. med. Abraham K o r o l t s ch u k nach einem zehntägigen Krankenlager verschieden. — Er war einer von den vielen energievollen Volksfreunden, die vielleicht der ganzen zionistischen Welt noch unbekannt, doch sehr viel zu den Erfolgen unserer Bewegung beigctragen haben. Als Kämpfer für unsere Sache, mit der Waffe in der Hand, ist er auch gestorben. 'Als sehr beliebter Arzt war er die letzte Zeit sehr viel in Anspruch genommen, und zwar von der ärmsten jüdischen Bevölkerung der Stadt Witebsk, da dort schrecklich der Flecktyphirs (alias H u n g e r t y p h u s) wüthct. Sonnabend, den 7/10. März mar er bis S1/» Uhr bei den Kranken beschäftigt und nach eiliger Mahlzeit musste er in die Synagoge eilen, wo er von einer Volksmenge von ungefähr 500—800 Menschen erwartet wurde. Nach einer 1 (/„ständigen Predigt gieng er bei starkem Wind nachhause und den nächsten Tag bemerkre er selbst au sich die Spuren der ansteckenden Krankheit. Zehn Tage dauerte der Kampf. Er ist gegen uns entschieden worden. Als einer seiner Freunde, der mit ihm Hand in Hand als Student in Petersburg und zu Dorpat für das Volk gearbeitet har, finde ich es als eine heilige Pflicht, eine kurze Lebensskizze dieses schlichten Mannes zu veröffentlichen. In einem kleinen Städtchen Lithaueus «Gouvernement Minsk) geboren, genoß er eine echt osteuropäisch-jüdische Erziehung und als besonders befähigt, wurde er in eine der besten lithauischen Jeschiboths geschickt. Nach Beendigung der Jeschibah hat sich der Jüngling gegen den Willen seiner Verwandten nach Minsk begeben und dort das Gymnasium absolviert. In der Secunda und Prima war er schon eine in der Stadt bekannte Persönlichkeit, da er als einer der Initiatoren und Mithelfer bei der Gründung der jüdischen Gewerbeschule zu Minsk thärig war, die jetzt nach der Odessaer Gewerbeschule „ Trvud" den zweiten Platz einnimmt. — Nach Absolvierung der Abiturieutenprüfuug begab er sich nach Petersburg, wo er eifrig die Naturwissenschaften studierte. Nach vier Jahren machte er sein Doctorexamen und seine Arbeit „lieber die Blutcoagnlation" hat das besondere Lob des berühmten Physiologen Setschenoff hervor-