Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Article
- Brief eines Christen
- Date
- 1898-04-15
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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Nr. 15 Seite 7 nun fanden wir freundliche, gastliche Ausnahme bei den Juden, von denen ich schon sprach und dass sie mich überglücklich machte, werden sie nach einer Vorstellung der überstandenen Strapazen wohl verstehen. Wenn Sie aber sich gegenwärtig halten wollen, dass die Strapazen, welche nun folgten, die v'orangegangenen überboten — der Sand am Jordan war so heiß, dass die Leute ihr Mittagessen darin kochten — so werden Sie begreifen, dass die erneute gastliche Aufnahme bei den jüdischen Einsiedlern mich mit unauslöschlicher Dankbarkeit erfüllt har. Es war ein Sabbath, als wir am frühen Morgen wiederum eintrafen. Als ich noch so verzagt dasitze an einem Platz in der Mitte des Orts, hinbrütend über mein Schicksal, kommt einer der gastfreundlichen Männer von gestern und fordert uns aus, mir ihm zu gehen. Gelassen erzählte er von einem großen Unglück, dass ihn und seine Genossen betroffen, während wir gestern am Jordan waren. Vermuthlich war es ein Araber, der die Umzänmung des von ihnen bewirtschafteten Grundstückes in Brand gesteckt und sie mit all' ihrer Habe der höchsten Gefahr preisgegeben. Während ich nun auf dem Ruhebett in dem schönen Garten unter den herrlichen Reben und Trauben des heiligen Landes rastete, kamen die 'Angehörigen der Eolonie, einer nach dem andern, den Mann zu sehen, der bei 50 Grad Eelsius am todten Meere gewesen. Sie erzählten von den schweren Leiden, die sie als die ersten Ansiedler ihres Stammes in Jericho zu erdulden haben, zumal ihnen keinerlei Unterstützungen aus dem Fond der Alliance istaelite gewährt wurden. Besonders war es die Lage einer armen Iran, welche mich schmerzlich rührte. Sie war mit schweren körperlichen Leiden behaftet und dabei fehlte es ihr an passender Nahrung, nämlich Milch. Etwa 300 Mark für eine Kuh würden ausreichen, die Eolonie und ihre Bewohner einigermaßen sicher zu stellen, so äußerten die guten Leute aus mein Befragen. Ich nahm mir im Stillen vor, für sie zu wirken nach der Rückkehr in die Heimat und forderte sie auf, standhaft zu bleiben im Leiden, denn derBoden, den sie bebauen, fei das Land ihrer Väter, das ihnen früher oder später g a n z z u e i g e n^ w e r d e n m ü s s e. „Würden Sie aber", so schloß ich, „wenn Sie in den Besitz Ihres E r b t h e i l s gekommen, sich eines müden und kranken Wanderers ebenso annehmen, als jetzt, wo sie selbst Noth leiden?" — „O", sagte die gute Iran eifrig, „ein Thier kennt seinen Erhalter und wir wären schlimmer als ein Thier, wenn wir dem nicht dankbar wären, der uns aus^ der Noth errettet." Am Abend, bei herrlichem Mondenschein, versammelten wir uns auf dem Hofe. Ein weiß bezogenes Lager war für mich hergerichtet und die lieben Menschen standen daran, mich mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen. Sie nahmen nichts an für Speise und Trank, auch nichts für Israeliten. „Thun Sie das in Ihrer Heimat," so zagten sie, „hier wollen wir es selbst thun.^ Diese Stunden unter dem sternenglänzenden Himmel in der schönsten edelsten Atmosphäre reiner Menschlichkeit waren für mich eine unfassbare Wirklichkeit, denn diese Wirklichkeit war poetischer als alle Poesie. — Die Zeit genussreichen Beisammenseins gieng zu Ende, denn zur Nacht stand der Esel bereit, der mich nach Jerusalem bringen sollte. Als ich einige Monate später wieder nach Berlin kam, versuchte ich bei meinen jüdischen Freunden zu wirken für die gute Sache, allein vergebens'.-Im Augenblick nun erreicht mich ein Schreiben aus Jericho, das mir ein neues Unglück meiner Freunde meldet. Tie Trockenheit hat Alles vernichtet, worauf sie ihre Hoffnung setzten. Trotz meiner körperlichen Angegriffenheit versuche ich es nun bei meinen christlichen Freunden und erhalte sogleich 74 Mark! Ich will und muss doch helfen. Ich flehe Sie darum im Interesse Ihrer bedrängten Stammesgenossen an, für dieselben zu wirken, sobald es geht. Sagen Sie allen, dass Christen die ersten waren, die für sie einsprangen, dass Niemand der Ihrigen einen Hass auf die Unserigen werfen möge! Die Gesellschaft — etwa vier Männer und eine Frau — nennt sich: .,Soriöte ouvriere des Emi^rants Ru>ses Jericho, Palestine". Ihr Anwalt ist der Rabbiner T i s k i n in Jerusalem, den ich bitten werde, Auskunft zu ertheileu und Gaben anzunehmen. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Arthur E g i d i. * MeltchrouiK. Adam Mickiewicz und die Pefsach-Mazzes. In der jüngst erschienenen dritten 'Auflage der „Erinnerungen an Adam Mickiewicz" erzählt dessen Tochter Frau von Gorecka (S. 41) Folgendes: „In den letzten Jahren fand sich zur größten Freude des Vaters eine polnische Jüdin (Es war dies in Paris. Amn. der Red.) ein, die den Hecht jüdisch zubereitete. Zu Ostern brachte sie auch Mazzes, denn der Vater fand diese sehr schmackhaft. Ich hörte aber auch oft, wie er sagte, dass es aus der Welt keine besseren Kuchen gebe, als die jüdischen Beigel von Nowogrod." Die desavouierte Bibel. Als Gras Tolstoi jüngst durch die Straßen Moskaus flanierte, begegnete er einen Schutzmann, welcher einen Betrunkenen zur Wache führte und ihn dabei misshandelte. „Kannst Tn lesen'?", wandte sich Graf Tolstoi an den Wachmann. „Jawohl „Tann lies doch die Bibel: da steht geschrieben: Tn sollst Teinen Nächsten lieben, wie Tich selbst und ihn nicht misshandeln." Der Angeredcte maß den Dichter vom Kopf bis zu den Füßen und fragte: „Können Sie lesen?" „Jawohl." „Tann lesen Sie die polizeiliche Instruction". Westöstliches. Ein am 24. 'April in allen griechischen Kirchen Eonstantinvpels verlesener Hirtenbrief des ökumenischen Patriarchen ermahnt die Griechen, mit den Inden im besten Einvernehmen zu leben. Ter Hirtenbrief ist durch die Pforte veranlasst worden, um Ausschreitungen zu verhüten, die anlässlich der Osterfeiertage schon des Oefreren vorgekommen sind. Ob wohl der Pfarrer Teckert im Umkreise des Pildizpalastes seine vratorischen Perlen hätte ungestraft unter eine gläubige Gemeinde ausstreuen dürfen? Die Judenexecsse in Tunis. Ueber die Judenexcesse in Tunis wird nachträglich gemeldet: Tie Sache begann damit, dass einige Araber, die ans den Stufen der mitten in der Stadt gelegenen großen Moschee saßen, aus vorübergehende Inden mit Steinen warfen. Einige der Angegriffenen setzten sich zur Wehr. Es entstand eine Schlägerei, in die sich der angesammelte Pöbel mischte. 'Am Abend wurden auch die in anderen Stadrtheilen Wohnenden mit Stöcken angesallen und geprügelt. Alan hielt die Sache anfangs für unbedeutend. 'Aber die Scenen wiederholten sich, es kamen einzelne schwere Verwundungen vor. In den entlegenen Stadttheilen war der arabische Pöbel in die Läden jüdischer Verkäufer eiugedrungen, um zu plündern. Nunmehr schritt die Polizei ein, und nahm über hundert Verhaftungen vor. Einzelne Araber erhielten Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren. In Mandapura sind ernste Unruhei: unter mohammedanischen Webern, ,..Talains-i genannt, ausgebrochen, als der Toctor eine von der Pest befallene Frau untersuchen wollte. Tie Jalains gestatteten auch einem weiblichen Toctor nicht, die Kranke zu untersuchen. ,.Gorako niaro" (tobtet die Europäer) war das Losungswort, das die Wahnsinnigen wörtlich befolgten. Tem einschreitenden Richter wurden Ziegelsteine an den Kopf geworfen: daraufhin wurde der Befehl erlheilr, auf das Volk zu schießen. 'Auch Mr. Jacob S a s s o o n wurde bei dieser Gelegenheit vom Mob angegriffen, als er, von seinem Secretär begleitet, in sein Bureau fuhr. Erst als sein indischer Diener der aufgeregten Menge versicherte, dass sein Herr Jacob Sassoon sei, konnte er ungehindert passieren, doch hatten Kutscher und Diener bereits erhebliche Verwundungen erlitten, und Wagen und Pferd waren arg beschädigt. Mehrere jüdische Bewohner wurden verwundet, ein Student rettete sich nur dadurch, dass er seine Kopfbedeckung mit einer indischen Mütze vertauschte. Wüstenbewässerung. Zwischen der ägyptischen Re gierung und der Firma Aird Eo. ist kürzlich ein Vertrag zustande gekommen, demzufolge innerhalb fünf Jahren ein großes Wasser-Reservoir in der Gegend von 'Assuan angelegt werden soll. Dieses Reservoir, das ausschließlich von den bisher aus dem Nil nutzlos in das Meer abflicßenden Wassermassen gespeist werden wird, soll — nach dem „Hamb. Eorresp." — einen so colossalen Umfang haben, dass es 10-031.065 Millionen Cubikmeter Wasser in sich ausnehmen kann. Es ist ausgerechnet worden, dass das Land durch diese Bewäfferungsaulage 40 Millionen Mark jährlich profitieren und die Aulagekvsteu in fünf Jahren amortisieren wird. Auch Palästina hat einen großen Fluss, dessen Süßwasser nutzlos ins todre Meer