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Die Welt · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Article
Die Affaire Dreyfus-Esterhazy
Date
1898-04-15
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 jpk^Weir Nr. 15 zu. Wäre es indiscret, Ihre persönliche Meinung über ihn zu vernehmen? Schwarzkoppen: Ich halte ihn zu Allem fähig. Ich war stets erstaunt. Niemanden von der Familie Drepsus bei mir zu sehen. Ich weiß nicht, was ich damals Härte thun können, vielleicht nichts, vielleicht hätte aber auch die Assaire eine andere Wendung genommen. Tas Alles ist sehr traurig und macht mir. Sie dürfen es glauben, nicht geringe Sorge. Easella : Warum sollte nun Deutschland nicht erklären können: Drepsus ist unschuldig, schuldig ist Dieser oder Jener, hier sind die Beweise!? Schwarzkoppen: Im Princip in das richtig, aber in der Praxis ist das anders. Wir können ihn nicht beschuldigen und Frankreich kann uns nicht aus diplomatisch ein Wege befragen, ob Esterhsizp schuldig sei oder nicht. Wir rönnen nur thun, ivas wir bereits spontan gethan haben, und wahrheitsgemäss erklären, dass wir nie Beziehungen mit Drepsus gehabt haben. Casella erzählt ferner: Als er von Berlin abreiste, übergab ihm Oberst Schwarzkoppen einen Brief für Panizzardi. Ter Brief enthielt den Passus: „Wie wird diese Canaille Estcrhözp sich aus der 'Assaire ziehen können, wie wrrd er in Frankreich leben können, selbst wenn er sreigesprochen würde?" Casella berichtet schließlich: Als am 13. Jänner Zola's Brief an den Präsidenten F-aure erschien, rief mir Panizzardi zu: Mein Gott, wie viele Opfer! Gestern Drepsus, heule Picpuarl, morgen Zola! Was lässt sich thun, ich schreibe an ^chwarzkoppen und gebe ihm Rathschläge. Ich sage ihm, dass er eines schönen Tages werde sprechen müssen, sonst spreche am Ende ich. 'Aber wann? fragte Casella. In ein oder zwei Jahren vielleicht, rief Panizzardi aus. Casella fragte ihn: Spricht Zola die Wahrheit? Panizzardi erwiderte: Ja. Zola spricht die Wahrheit. Im Laufe seiner Darstellung bestätigt Casella auch das Detail, dass Esterhazy, als er sich verdächtig fühlte, aus den Obersten Schwarzkoppen eine Pression versuchte und den Revolver gegen ihn zog. Schwarzkoppen ries ihm damals zu: Ich glaube. Sie sind von' Sinnen, Herr Major! & Algerische Stimmungen. Ein Interview. Wien, 12. April. Ein in Paris lebender hervorragender Gesinnungsgenosse, der aus einige Tage hierhergekommen ist, schilderte einem Mitarbeiter unseres Blattes die augenblickliche Stimmung in Algier in der folgenden Weise: Trnmout hat die Redacriousstirbe der „Libre Parole" verlassen und hat sich den Beschwerlichkeiten einer Seereise unterzogen, um persönlich ein wenig 'Antisemitismus nach Algier zu importieren. Eulen nach Athen. Ter Journalist Drumont zieht unter dein Jubel der Bevölkerung in die Stadt ein, der Deputierte Drumont wird nach Paris heimkehren. Sammary, dem Trnmout das Mandat abringen will, ist auch Antisemit. Es wird nur ein 'Austausch der Personen sein, das Programm bleibt dasselbe. Freilich wird es jetzt bewährteren, erfahreneren Händen anvertraut. Ter Moment ist gut gewählt. Tas Programm har zur rechten Zeit seinen Märtyrer bekommen. Im Gefängnis „schmachtet" für seine Uebcrzeuguug Max Rvgis, der ^Herausgeber des ..Znii.juil'--. Tie Bevölkerung ist aus der Suche nach einem Befreier, der dem armen Gefangenen die Erlösung bringe:: soll, da kommt Trumont im rechten 'Augenblicke — „es lebe der Befreier Trumont!" Tann Zola. Wer wird Frankreich von Zola befreien? — „Es lebe der Befreier Trumont! Nieder mir den Juden!" Tie Juden Algiers besinden sich schon seit Monaten in einer steten Lebensgefahr. Tie Reichen greifen zum Wauderstabe, dem traditionellen Erbe ■ ihres Stammes, und verlassen Algier. Tie armen Juden, die sich uichr zu Flüchtlingen aufschwingen können, weil ihnen das ihre Mittel nicht erlauben, dürfen sich auf den Straßen Algiers nicht blicken lassen, widrigenfalls sie erschlagen werden. Judencrmordung ist jetzt in Algier ein häusig geübter, stark verbreiteter, gesellschaftlicher Brauch. Seit Wochen halten die Truppen in den Kasernen Bereitschaft, um nach der gebräuchlichen Ermordung von Juden ans dem Schauplatz des Verbrechens zu erscheinen und den Juden Hilfe zu bringen. Tas Perpetuum mobile dieser Excesse sind die catilinarischen Existenzen, die aus allen Ländern und Erdthcilen nt Algier'zusammengeströmt find; der Bürgerkrieg ist für sie oer ergiebigste Industriezweig und. bei dieser Gelegenheit kann man den Erdball um einige Juden> leichter machen. In Algier sind die Juden ja ohnehin „Fremde". Der spanische, portugiesische rc. Abenteurer, der heute den Boden Algiers betritt, nennt morgen die Juden, die seit 2000 Jahren in Algier angesiedclt sind, „Fremde". Auch hier in Algier zeigt der Antisemitismus seine Befähigung zur Völkerverbrüderung, zur friedlichen Bereinigung der heterogensten Nationen. Araber, Franzosen, Spanier verbinden sich in harmonischer Eintracht zur Ermordung der Juden. Besonders eifrige Verfechter der Lehre, welche die Vertilgung der Juden zum Gegenstände hat, sind die Frauen. Die Steigung des Weibes für solche Beschäftigungen, wie sie ja von den spanischen Stiergefechten, den römischen Gladiatorenspielen und anderen Executionen her bekannt ist, zeigt sich hier wiederum im schönsten Lichte. Ten hohen Grad der Judenfeindschaft illustriert wohl am besten der Umstand, dass in den öffentlichen Localen von Algier die jüdischen Officiere nicht serviert bekommen. Tie Regierung ist machtlos. Tie Bevölkerung verlangt die Freilassung ihres ROgis, der Geueralgouverneur darf, wie gerne er auch vielleicht möchte, dem stürmischen Volkswillen nicht nachgeben — so verlangt es die Reputation der Behörde — und an dem unerfüllten Wunsche erhitzt sich die Leidenschaft des Volkes immer mehr und mehr. Ter Handel, das Gewerbe liegen darnieder, in Frankreich begrünt man die wirtschaftliche Erschlaffung der Eolonie bereits stark zu emystnden. Tie Handelskammer von Reims versuchte vermittelnd eiuzugreifen, natürlich vergebens. Vor der Thüre steht die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Zola. Ter zweite Process Zola wird wieder in Algier sein Echo finden. Tie Juden Algiers werden die Unschuld des deportierten Ea pitäns zu spüren bekommen. & Tribüne. Brief eines Christen. ltr. med. K in Breslau schreibt uns: Kein Tag vergeht dem Judenvolk ohne Qual und Leid und treu registrieren wir jedes judenschmerzliche Ereignis. Umso freudiger berührt es, wenn wir die seltene Gelegenheit haben, einmal aus christlichen Kreisen eine freundliche Stimme zu hören, die Verständnis und gerechte Würdigung unserer Verhältnisse verräth. Ich meine nicht die billigen Phrasen philosophierender Schwärmer, die sich zur Anerkennung allgemeiner Gleichheit und Brüderlichkeit entschlossen haben und auf dem frostigen Wege der Abstraction dazu gelangt sind, auch dem Juden die Attribute und Rechte des Homo sapiens zuzusprechen: ich meine vielmehr diejenigen unter unseren christlichen Mitbürgern, welche mir eigenen Augen und warmem Herzen Judenelend gesehen, in seiner Eigenart ecsassr haben, und die Heimatsberechlignng unseres Volkes im Mutterlande Palästina anerkennen. Einen wertvollen Beitrag dazu liefert ein Brief eines mir seit langem bekannten Berliner Herrn in kirchlichem 'Amte, der gelegentlich einer Reise durch Palästina jüdische Colonistcn kennen lernte. Ter Brief malt ein Stück wahren Lebens der leider vielfach noch recht rranrigen Zustände im heiligen Lande und dürfte deshalb weitere Kreise in vollem Umfange interessieren. Der Brief lauter: „Sic werden erfahren haben, dass ich im vergangenen Sommer eine Reise nach 'Aegypten und Palästina machte und dabei einigen gewinnend freundlichen und ebenso unglücklichen Juden nahe trat. Ter Anlass zur Reise war ein therapeutisches Experiment, auf eigene Faust und Veranlassung unternommen. Die südliche Sonne sollte die erschöpfte Nervenkrast erneuern: die ursprünglichste Lebensweise des Urmenschen — die Früchrenahrung — sollte den Regenerationsprocess unterstützen. Aus diesem Grunde werden Sie verstehen, dass wir ganz gegen die Landessitte im grellsten Sonnenbrände reisten und zwar zu Fuß. So brachen wir eines Vormittags um 0 Uhr von Jerusalem ans, gingen zum Stephansthor hinaus, über das Kidronbett, um den Oelberg herum, an Bethanien vorüber gen Jericho. Nachmittags, gegen tz Uhr, entdeckten wir das unsagbar schöne Wadi el Kanin, das uns durch seine Märchenhaftigkeit, seinen poetischen Zauber so gefangen nahm, dass wir unser Ziel darüber vergaßen und einige Zeit andächtiger Muße unter einem Feigenbaum im Anblick eines au den Berg gezauberten Klosters verbrachten. Ziemlich plötzlich überraschte uns die Dunkelheit und zwang uns, die spitzen Steine zu unserem Nachtlager zu wählen. So waren wir, drei Abenteurer, durch unseren Muth zu dem unbeschreiblichen Genuss gekommen, den Himmel Judas betrachten v. zu dürfen, wie er zur Zeit der Stammväter den friedlichen Hirten M leuchtete bis zum Anbruch des Tages, um ans den dornenbesälen LSAeckern den qualvollen Marsch bis Jericho sortzusetzen. Hier

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