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Die Welt · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Article
Pariser Brief
Date
1898-04-15
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 JM&WC Seite 5 Noch ist kein Jahr verflossen seit dieser Schrei in dem großen, modernen Egypten, d. h. in der ganzen Welt erschallte, und sogleich fanden sich Leute mit erstaunten Gesichtern und andere, die jedermann voll Entrüstung versicherten, dass sie mir dieser revoltierenden Masse keinerlei Band verbinde. Die versclavtesten Sclaven! Ein Typus derartiger ängstlicher Gemüther, und aus ihrer Ruhe emporgescheuchter und darob empörter Seelen, ist der französische Jude. Er nimmt gewöhnlich gegen den Zionismus Stellung. Zwei Feinde fürchtet er besonders: den Antisemitismus und den Zionismus. Und wenn er kann und wo er kann, sucht er diese beiden Bewegungen aus dieselbe Stufe zu stellen und meint sogar mit kindlicher Naivetät, sic mit den gleichen Waffen bekämpfen zu können. Sie sind schon rostig diese Waffen und schartig: der phrasenreiche Patriotismus und das Anrufen des Edclm'uthes und der Duldsamkeit des französischen Volkes und schließlich der unverhüllte Abfall. Einige glauben auch damit etwas Besonderes gcthan zu haben, wenn sic die Verdienste des Juden X. oder der jüdischen Familie Z. ihren Mitbürgern fleißig in Erinnerung bringen. Und damit wollen sie den Antisemitismus ans der Welt schaffen und sich die Liebe der nichtjüdischen Franzosen zurückgewinnen. Tie Affaire Dreyfus hat ihnen gezeigt, wie groß diese Liebe in den militärischen Kreisen ist. Das behäbige Bürgerthum, die Stütze Frankreichs, hat ihnen erst jüngst durch den Mund Brunetieres gesagt, was sie von ihm zu erwarten haben. Der Direetvr der „ Revue des Renx Mondes“- hat im Hefte vom 15. Marz ebenfalls sein Sprüchlein über den Antisemitismus hergesagt. Der „unsterbliche" Feind der Wissenschaft bezichtigt die gelehrten Anthropologen, Sprach- und Geschichtsforscher der Hauptschuld am Anwachsen des Antisemitismus. Durch ihre Forschungen hätten sie die Unterschiede der Rassen klargelegt und so den Rassenhass erzeugt und in diesem den Antisemitismus. Allerdings erwähnt Herr Brunetiere so nebenbei auch, dass der Judenhass außerdem durch angeborene Vorurtheile, niedrige Leidenschaften und schimpflichen Neid verursacht werde. „Aber", fügt er hinzu, „früher hatte man den Muth, diesen Neid, diese Leidenschaften, diese Vorurtheile bei dem rechten Namen zu nennen, heute ist es die Wissenschaft, die ihnen ein Mittel in die Hand gegeben hat, in einer Verkleidung aufzutreten." Es ist übrigens sonderbar, auf welche Weise bei dieser Gelegenheit der ehrenwerte Akademiker uns zeigen will, dass ihm dieses Vorurlheil gänzlich ftemd ist. „Freimaurer, Protestanten und Juden, die alle den großen Vortheil hatten durch keine Verpflichtung mit unserer Vergangenheit verbunden zu sein-haben sich der Politik, der Verwaltung, der Schule bemächtigt: — — 38,000.000 Franzosen merken es heutzutage nicht mehr, dass sie sich seit hundert Jahren für immer unter die Herrschaft einiger hundert Tausend von ihnen zu beugen haben, unter die Herrschaft der zuletzt Gekommenen, der jüngsten Glieder der Familie." Der vorurtheilslose Brunetiere! Nach solchen Ausführungen fragt man sich, wer mehr verkleidet ist, Drumont oder Brunetiere. Wir halten Leute der letzteren Art für viel gefährlicher. Alles das aber stört die französischen Juden nicht in ihren krampfhaften Anstrengungen, ihre falsche Position zu behaupten. Wir wollen wahrhaftig keine Proselyten für den Zionismus unter diesen wackeren Männern machen, nur das Recht nehmen wir in Anspruch, von ihnen zu verlangen, dass sie sich etwas weniger erniedrigen und die Gluth ihres Patriotismus nicht bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu gewaltigem Brande schüren. Und ihre Verdächtigungen der Zionisten könnten sie auch unterlassen, denn dadurch dürfte das schwankende Haus ihrer Illusionen, dessen Einsturz stündlich droht, schwerlich genügend gestützt werden. Da hat jüngst einer von ihnen in Avignon über den Zionismus gesprochen. Nachdem er alle die alten bekannten Mätzchen gegen' die Zionisten vorgebracht hatte, schloß er mit überschwänglichen Betheuerungen seines Patriotismus und seiner Anhänglichkeit an das geliebte französische Vaterland. In ebenso geschmackvoller Weise variierte im ,1’i.ivers Israölite* ein anderer das schöne Thema „Ans Vaterland, ans theure, schließ' dich an" und erklärte, dass der Zionismus für die französischen Juden unannehmbar sei, da er antipatriotisch sei. Dann entdeckte er, dass die Zionisten nicht einmal jüdische Patrioten seien, sondern ganz einfach eine „wechselseitige Versicherungsgesellschaft zum Schutze gegen Verfolgung" bilden. Tie beiden Herren haben natürlich dem Zionismus den Garaus gemacht. Als Gegenstück wollen wir die Ausführungen eines französischen Schriftstellers, Paul Adams, im Märzhcste der .Revue blam-he* anführcn, der darin seine Sympathien für den Zionismus zum Ausdruck bringt. Er sagt darin unter anderem: „Was würden Sie (Rothschilds thun, wenn Sie einmal im Monat Mai sich einer Kammer gegenüber befänden, deren Majorität offenkundig reactionär, antisemitisch und militärfreundlich wäre's Wenn der Antisemitismus in Paris, ebenso wie in Wien und in Russland siegen, und die Regierung die Erhebung gegen das jüdische Capital begünstigen würde, so würde Ihnen nichts übrig bleiben als sich in die Arme der Zionisten zu werfen und ein Eril aufzusuchen ... Herr von Rothschild, daran muss man denken und die nahe Nothwendigkeit der Gründung einer jüdischen Republik verstehen lernen. Ihre Sorge wäre es dann, in das Land ihrer Wahl eine Menge industrieller Producenten hineinzubekommen. indem Sie dort Gesetze statuieren, die erfüllt sind von den Theorien des gemeinschaftlichen Eigenthums, und indem Sie dort den Arbeitern das beste Los bereiten, das auf der Welr überhaupt zu finden ist. Das Geld würde die rasche Realisierung eines ansehnlichen Staates gestatten, der imstande wäre, das gesammtc Handwerkszeug in seinen Besitz zu nehmen nnd es dann den Menschen zu überlassen, welche wünschen würden, selbst mir ihrem Leben das Vaterland zu verlhcidigen, das allein die sociale Freiheit begünstigt. Capital, “Arbeit und Wissenschaft zu einem Zwecke brüderlicher Harmonie vereinigt, würden den barbarischen Geist der alten Welt bezaubern, der sieh selbst schamvoll zurückstoßen müsste angesichts eines solchen “Beispieles." Man sicht, es gibt unter der Intelligenz Frankreichs Leute, die uns verstehen. Wir dürsten also honen, dass sie das Aufblühen des Zionismus in Frankreich begünstigen werden. Wenn sich nur erst ein paar französische Juden gesunden haben werden, die hingebungsvolle Freunde der Erlösung der Juden sind, so werden sie sicher die anderen nach sich ziehen. Das werden allerdings Männer sein müssen, frei von philiströsen Pornrtheilen, mit'einer Seele, die nach Freiheit dürstet. Rur solche Männer werden dem Zionismus auch in Frankreich zum Siege verhelfen. Nur wer frei im höchsten Sinne des Wortes ist, kann auch den Zionismus in seiner ganzen Größe erfassen. .\rgu~. Ä Die Affaire Dreyfus-Esterhazii. Noch haben sich die Gemüther von der Sensation der Cassation der Verurtheilung Zola's nicht erholt und schon kommen aus Paris , neue Enthüllungen über Esterhazy, den ein ernstes Pariser Blatt auf Grund von Tocumenten entschieden als den Verräther nnd Spion, Treyfus aber als unschuldig bezeichnet und dies durch detaillierte “Angaben zu beweisen sucht. Unter dem Titel: „D i e Wahrheit über die A f f a i r e Esterhazy" veröffentlicht „siecle" einen langen, ans Bern datierten Brief, unterzeichnet „E i n T i p l o m a t", der Enthüllungen betreffs der Beziehungen Esterhüzy's zum ehemaligen deutschen Militärattache Schwarzkoppen enthält. Gras Easella veröffentlicht im „XIX. Siöcle" eine Darstellung, welche die Enthüllungen dieses Blattes bestätigen und ergänzen. Easella befragte den italienischen Militär - Attache Panizzardi bezüglich der vielbesprochenen .Karte, welche die Worte enthielt: „Diese Canaille D ..." — Panizzardi erklärte: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass diese Karte weder von mir herrührt, noch je an mich gelangt ist. Easella meinte: “Aber Sie müssen sehr au «-om aut sein, wenn Sie sprechen wollten. Panizzardi erwiderte: Das ist leicht gesagt. Alan will ja nichts hören. Tie deutsche Botschaft erklärte "kategorisch, dass sie nie mit Treyfus zu thun gehabt habe. Es ivar vergebene Mühe. Man kann doch nicht verlangen, dass die deutsche Regierung selbst den wirklich Schuldigen denunciere, nnd ich darf nichts sagen, ich kann einen Freund, wie Schwarzkoppen, nicht schädigen. Ca sella äußerte, dass die ganze Wahrheit ein einziger Mensch wisse, nämlich Schwarzkoppen: man hätte sich gleich an ihn wenden müssen. - Panizzardi eutgeguele: Sie sprechen, wie mein Freund Schwarzkoppen, der mir oft erklärte, erstaunt zu sein, dass die Familie Treyfus nie einen schritt bei ihm unternommen. Er hat ein gutes Herz, und ich glaube, dass cs ihm sehr schwer und peinlich gewesen wäre, sich dem Ansinnen der unglücklichen Verwandten'zu entziehen. Vielleicht hätten sich die Dinge anders gestaltet. Easella gab hieraus die “Absicht kund, Schwarzkoppen in Berlin zu interviewen. Panizzardi versetzte: Ich glaube, jetzt ist es schon zu spar, Mein Freund kann nichts mehr machen. Die deutsche Regierung, wie übrigens jede Regierung, wird nie den wirklich Schuldigen denuncieren, sonst gäbe es keinen Knndfchafrerdienst mehr. Easella fuhr gleichwohl nach Berlin und halle dort wiederholt Begegnungen mit S ch w a r z k o v p e u, der ihm sagte : Ich kann mich nur auf die deutliche Erklärung der deutschen Botschaft berufen, dass wir mir Treyfus nichts zu thun gehabt haben . . . Ich glaube zu verstehen, bemerkte Easella, dass Sie überzeugt find,'Drenftrs sei nicht der Urheber des Bordereaus. Nein, erwiderte schwarzkoppen, das Bordcrean ist nicht von ihm. Easella: Sie sind also persönlich überzeugt, dass Drcufus unschuldig sei 's schwarzkoppen: Ja, ich wciss, dass Treu ins unschuldig ist. Easella: Nnd was halten Sie von den Schriftstücken, die dem Kriegsgerichte vorgclegr wurden nnd es veranlassten, Trcpfus zu vernrtheilen's Schwarzkoppen: Ich bezweifle nicht, dass die Richter guten Glaubens gewesen sind: aber wenn durch jene Schriftstücke die Beziehungen zwischen Dreyfus und der deutschen Regierung dargestellr fein sollten, nun, dann können sic nichts als "Falsificate sein. Easella: Wer ist also der wirklich Schuldige's Haben Sie Esterhazy gekannt 's Er selbst gestand die Beziehungen zu Ihnen

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