Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Article
- Brief an die Juden Italiens
- Date
- 1898-04-15
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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jpk#wac Nr. 15 werdet auch Ihr, glückliche italienische Juden, Euer Herz freudig und stolz schlagen fühlen, und ergriffen durch das Schauspiel ihrer Männlichkeit, auch herbeieilen, um ihnen zu helfen — nach Römerart! P. Die Woche. Wien, 14. April Das Parlament hat Osterferien, Wahlversammlungen gibt es nicht, also ruhen die Judenverfolgungen ein bisschen. Wenigstens bei uns. Anderswo ist man fleißiger. Im klebrigen ist der Antisemitismus hierzulande nur mehr eine Gehässigkeit wie viele andere geworden. In den allgemeinen Streitereien läuft er noch so mit, und manchmal scheint es fast, als träte er vor anderen Kämpfen in den Hintergrund. Aber das scheint nur so. Tie Parteien brauchen sich blos wieder ein wenig zu vertragen, dann wird man die Juden schon wieder klopfen. Tie Kunstausstellung in Prag weist das Porträt Mommsens von Lenbach zurück. Tas Antlitz des deutschen Historikers könnte provocierend ans die böhmischen Nationalgefühle wirken. So kommen wir allmählich dahin, dass nationales Empfinden sich hauptsächlich als Hass gegen das Fremde qualificiert, sei es nun gut oder böse, edel oder niedrig, und dass man das Heimische preist, ob es nun gut oder böse, edel oder niedrig sein mag. Teshalb stehen auch die allgemeinen Culrurwerte jetzt so niedrig im Cour*. Tie Begriffe von gut und böse haben anfgebört international zu sein, und dem Gerechtigkeitsgefühl ist ans diese Weise die festeste Grundlage genommen. Bis vor wenigen Jahren noch galten die Franzosen als die Einzigen, die sich dem blindesten Chauvinismus Hingaben. Tie Hervorragendsten darin sind sie bis jetzt geblieben. Tenn nirgends hat man die „nationale" Begeisterung so offen über die Gerechtigkeit gestellt als in Frankreich. Allerdings haben Leute wie Eßterhazy dabei geholfen. Blind und taub wie ein balzender Auerhahn ruft der Gallier sein „Yive la France!" und ..Yive I'armee!" Alles ist damit verdeckt, beseitigt, entschuldigt. Dass man jetzt schon gcnz genau weiß, wer der eigentliche Berräther gewesen, dass heute schon die Spatzen auf allen Tüchern Europa s von der Unschuld Trevfns pfeifen, vermag die Berauschten nicht zur Vernunft zu bringen. Ein Officicr braucht nur „Es lebe Elsass- Lerbringen!" zu rufen, und Zola schwebt in Lebensgefahr. Sehr einfach stellte sich ein Mitglied jener Commission, die über die neuerliche Verfolgung Zola* zu berarhen hatte, die Lösung dieser Affaire vor. Man solle Zola für die „Beleidigung des Kriegsgerichtes" — fordern. Glücklicherweise will Zola nicht beweisen, dass ein französischer Oberst besser schießen könne als ein großer Dichter, sondern, dass er schlechter urtheile. Es gibt überall primitive und naive Gemürher. So hat der griechische Königsattentäter ersucht, man möge die Todesstrafe an ihm nicht vollziehen, weil er ohnedies schwindsüchtig sei. Manche Menschen finden in schwierigen Situationen überraschend einfache Lösungen. Zu solchen gehören der französische Tuellliebhaber und Kardizi, der verunglückte Königsmörder. Herr Erdmannshöfer hat den Antisemiten im deutschen Reiche einige Verlegenheiten bereitet. Er erzählte nämlich tadelnd, dass antisemitische Abgeordnete wichtige Parteinachrichten an jüdische Journalisten gegen gute Bezahlung verkaufen. Man male sich einmal das Umgekehrte aus. Wie würden da die jndenfeindlichen Gegner der Corruption losbrechen gegen jüdische Geldgier. Tie antisemitischen Parteiführer als bezahlte Reporter der Judenpresse, — das ist beinahe eine satirische Pointe. Doch die Sache hat ihre gefährliche Seite. Reporter pflegen in ereignisarmen Zeiten den Geschehnissen zuhilfe zu kommen. Die jüdischen Nachrichtenhonorare können die antisemitische Thatenlust nur anspornen. Und wenn einmal lange nichts gegen die Juden geschehen ist, werden die geldbedürstigen Nachrichtenjäger finden, dass man endlich wieder etwas thun müsse. Damit die Osterzeit kein typisches Merkmal zu entbehren brauche, hat sich auch Pfarrer Deckert mit dem Blutmärchen wieder eingestellt. Aus jeder neuen Blamage schöpft dieser Mann frischen Muth. Er könnte sich endlich beruhigen. Er hat genug geleistet. Der zweite Congress. Tie Tagesordnung des Congresses wird anfangs Mai verlautbart werden. Wir empfehlen unseren Freunden dringend, die Zeit, die uns noch vom Zusammentritte des Congresses trennt, zur zielbewussten Agitation zu verwenden. Ter Schekel muss rechtzeitig eingesammelt und abgeliefert werden, damit die Wahl der Delegierten glatt vor sich gehe. Sollte eine Ortsgruppe nicht in der Lage sein, einen eigenen Vertreter nach Basel zu schicken, so wende sie sich an die Redaetivn dieses Blattes um Angabe eines vertrauenswürdigen Candidaten. Eine Anzahl bewährter Gesinnungsgenossen hat sich schon zur Annahme von Mandaten für Basel bereit erklärt. Tie Ortsgruppe kann sodann durch ihren Vertreter dem Congress ihre'"Anregungen, Wünsche und Beschwerden unterbreiten lassen. Wie im vorigen Jahre, so beginnen auch Heuer schon rechtzeitig die Minierarb fiten unserer offenen und versteckten Gegner, die den Congress untergraben wollen. Es dürfte genügen, dass wir diese Umtriebe einfach der Aufmerksamkeit unserer Gesinnungsgenossen signalisieren. Gleichwie der erste Congress trotz aller Verstimmnngsvcrsuche, demonstrativen Absage» m dgl. ein glänzender Erfolg der zionistischen Bewegung wurde, so hoffen wir auch diesmal einen bedeutenden Fortschritt verzeichnen zu können. Die amerikanischen Zionistenvereine haben sich in zwei Verbänden oder Föderationen ralliiert. Da beide Gruppen aus dem Boden des Baseler Programmes stehen, hat das getrennte Marschieren glücklicherweise keine tiefergreifende Bedeutung. Tie eine Föderation, an deren Spitze Professor Richard Gottheit steht, und die bisher dreiunddreißig Vereine umfasst, hat für den 10. und 11. Mai d. I. eine Conferenz amerikanischer Zionisten einbernsen. Der andere Verband, der von den Herren Tr. Philipp Klein und Dr. Michael Singer geführt nfird, will die Conferenz erst nach Bekanntwerden der Tagesordnung des zweiten Baseler Congresses abhalten. P Italien. Von S. Lublins«. Vor einiger Zeit wurde die Lage der Juden in Italien an dieser Stelle in rosenrothem Licht geschildert, und als Facit dieser Betrachtungen, freilich nur zwischen den Zeilen, ergab sich dann: Italien ist das Paradies der Assimilationsjuden. Natürlich liegt es mir fern, dieser Behauptung irgend ein Dementi gegenüberstellen zu wollen. Ich habe kein Recht dazu, da es nun schon sieben Jahre sind, seil ich der schönen Halbinsel für lange Zeit, vermuthlich für immer, den Rücken kehrte. Ich, als fernstehender Beobachter, habe füglich keinen Anlass, die Berichte eines Kenners von Land und Leuten irgendwie zu corrigieren.