Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Kein Jude der Welt ist ein so erstaunliches Beispiel von der wunderbaren Anpassungsfähigkeit der jüdischen Rasse als der italienische Jude. Nach Kämpfen, die unser ewiger Ruhm sein werden, von den Römern bezwungen, drangen die Juden beherzt in das Land ihrer Besieger ein, und noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels hatte die römische Gemeinde eine der ersten, wenn nicht die erste der Diaspora werden können. Der Jude vergaß sofort das Böse, das ihm das römische Schwert angethan hatte, um überall die ,,pax Romanau zu genießen. Der schreckliche römische Adler welchen er in wildem Schlachtengetümmel aus dem heiligen Boden Palästinas sich gegenüber hatte dräuen gesehen, wurde sein Führer, dem er vertrauensvoll überallhin folgte, und wir finden den Juden in allen Provinzen, im Norden Afrikas, in Spanien, in Gallien, in Germanien unter dem Schirme der Castelle, als den Schützling des Verillums, als unzertrennlichen Begleiter der Legionen. Erst Römer aus Zwang, wurde der Jude des Kaiserreichs ohne Zögern Römer seiner Sprache, seinem Empfinden und seiner Ueberzeugung nach, und er ist es geblieben im Wechsel der Zeiten. Italien war das Land derer, die ihn endgiltig aus seiner Heimat vertrieben hatten; auf seinem Boden erhob sich der Triumphbogen des Titus. Die Reliefs dieses Triumphbogens bewahrten das Bildnis der heiligen Gefäße, die durch die tempelschänderische Hand feiner Zerstörer dem Heiligtume entrissen worden waren. Italien erfand das Ghetto, das Wort und die Sache: es legte den Juden die grausame Zwangspredigt und die ungeheuere Schmach des Carnevallaufes^ längs des Corso auf. Und trotz all der Schmach und Schmerzen liebten die Juden Italiens dieses Land der Sonne und der Schönheit auf's zärtlichste und betrachteten sich als seine Kinder, als misshandelte zwar, wie Aschenbrödel, aber doch als seine Kinder. Die Emancipation der Juden war in Italien nicht wie in gewissen anderen Ländern ein Act der Adoption, 'andern ein Act der Legitimation. Ich habe es wohl nicht nörhig, auf diesen Unterschied genauer einzugehen. Das Gesetz, das den Juden die politischen Rechte verlieh, änderte wohl ihre Situation im Staate, nicht aber ihre Gefühle. Sie *) Zur Feier des 50. Jahrestages der Emaucipation der z>uden in Sardinien. hatten sich seit fast zwei Jahrtausenden als die Söhne des italienischen Bodens betrachtet, sie sahen sich nunmehr auch als solche anerkannt. Das war alles. Und ganz natürlich, ohne Pose und ohne Geste, nahmen sie ihren Platz in der Familie ein und erfüllten ihre Pflichten, all' ihre Pflichten, als Söhne des Hauses. Aus jedem Blatte der Geschichte des Risorgimento*) leuchten jüdische "Namen, unter den Märtyrern sowohl als unter den Heroen. In einer Nation, wo jeder oder fast jeder, Talent hat, haben sie es verstanden, sich einen ehrenvollen Platz unter ihren Mitbürgern zu erringen und nicht die letzten zu sein in der Literatur und den Künsten, in der Wissenschaft und im politischen Leben. Bis zum Jahre 1848, Ihr Juden Italiens, wäret Ihr die Juden Italiens : von damals an seid Ihr italienische Juden. Was werdet Ihr morgen sein? Kurzweg „Italiener", selbst ohne das Beiwort „Jude", das noch immer Euere Vergangenheit in Erinnerung bringt? Es gibt Leute, die mich dessen versichern. Man sagt mir, dass die Mehrzahl der italienischen Juden — Pardon! der jüdischen Italiener — selbst ihre Abstammung vergessen haben, kein jüdisches Interesse mehr hegen, nicht mehr die Geschichte ihres Volkes kennen, sie nicht kennen wollen, unberührt bleiben von den Leiden und Hoffnungen ihrer Brüder in anderen Ländern, diese Brüderlichkeit überhaupt nicht mehr gelten und kein Band mehr bestehen lassen wollen zwischen sich und denen ihres Blutes, die unter einem weniger blauen Himmel und unter einerminder strahlenden Sonne leben. Ist das wahr? Ich will es nicht glauben. Da Ihr frei seid, müsset Ihr stolz sein. Ihr könnt eine Abstammung nicht vergessen haben, die in ihrer Art ebenso ruhmvoll ist, wie selbst die der Quiriten! Und wenn Ihr Euch Euerer Ahnen erinnert, müsset Ihr ein wenig Liebe, ein wenig Achtung für ihre Ueberlieferungen, ein wenig Familienzärtlichkeit für die große jüdische Familie bewahrt haben. Italiener seid Ihr bis ins innerste Mark — wer würde wagen, es zu bestreiten? Dennoch habe ich die Ueberzeugung, dass Ihr im Grunde Eueres Herzens Euch jüdische Empfindungen bewahrt habet, welche im Gleichklang mit der Judenheit der anderen Länder zu schwingen wissen werden. Und wenn Euere verstreuten Brüder eines Tages eine große "Anstrengung machen werden, um wieder einen Ehrenplatz ans dieser Erde zu gewinnen, wo sie so lange verachtete Vaterlandslose gewesen, dann, hoffe ich. *) Der Auferstehung Italiens. (Anm. der Red.)