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Die Welt · 1898-04-07 · 14 (7.4.1898) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
14 (7.4.1898)
Article
Hermann Cohen [Rezension]
Date
1898-04-07
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 Nr 14 Kenntnis überhaupt von dem Kaninchen System, dessen epochemachende Bedeutung man doch vom Hörensagen kennt, wird heutzutage von ernsten Forschern selbst philosophiert. Diesem Philosophieren auf eigene Faust muss ein Ende gemacht werden: ein in Bezug auf die Methode abzuschließender Friede muss einen gesetzmäßigen Stand herbeiführen, in welchem die Selbständigkeit ihre in allen Wissenschaften giltige und selbstverständliche Einschränkung findet. Man muss aufhören, in der Nachfolge die Nachahmung zu scheuen; aus Furcht, Kärrner zu sein, Kartenhäuser zu bauen; man muss es verschmähen, über dem Streben nach Eigenem die Spreu und die Stoppeln Anderer zu sammeln: denn das werden die besten Gedanken, wenn sie aus ihrem Boden gerissen werden." In der 1883 erschienenen Schrift: „Das Princip der Infinitesimal -Methode und seine Geschichte. Ein Capitel zur Grundlegung der Erkenntniskritik" suchte Eohen durch eine neue Begründung des fundamentalsten Begriffes der mathematischen Naturwissenschaft die 'Ansprüche des Realismus bei radicaler Beseitigung der materialistischen Auffassung zu befriedigen Im Infinitesimalen liegt nicht allein der Ursprung der Größe, sondern auch der des Seienden selbst, der des Realen: denn auch nur um diesen zu fassen, dient es am letzten Ende als Ursprung der Größe. Wie die Masse aus der Bewegung, so soll aus der Größe im letzten Grunde nur das Reale selbst erzeugt werden. Unser Denker hat die Genugthuung erfahren, dass sein Princip als Grundlage der modernen theoretischen Physik von hervorragenden Fachmännern anerkannt wurde. Der Weg zur Forschung führt sicher und unverrückt zum Idealismus: an der Wurzel der physikalischen Begriffe wird der Materialiasmus vernichtet, und die Mathematik ist es, welche die Befreiung herbeiführt und als eine dauernde verbürgt. Tie alte platonische Verbindung zwischen Philosophie und Mathematik bewährt sich in ihrer ewigen Kraft; die mathematischen Ideen erweisen sich wiederum als das Muster der Ideen und bieten sich der Grundfrage der Philosophie, der Frage: Was ist Wissenschaft'^ zur Lösung dar. Hermann Eohen ist aber nicht nur Professor der Philosophie und ein ausgczcichnctcr philosophischer Schriftsteller, sondern auch ein guter, warmfühlender, durch innige, unzerreißbare Bande mit seinen Stammesgenossen verknüpfter Jude, welcher in Wort, «chrifr und Thar unentwegt für den Glauben seiner Väter eintritt. Ich verweise hiefür weniger auf das gegen die antisemitischen Ercesse Trcitschke's gerichtete „Bekenntnis in der Judenf'rage" «.Berlin 1880), gegen welches sich gar gewichtige Bedenken Vorbringen ließen, als auf die treffliche Schrift: „T i e Nächstenliebe im T a l m ud" (Marburg 1888), in weicherer als Sachverständiger des königlichen Landgerichtes zu Marburg ein Gutachten auf die Fragen erstattet: „1. Ob die indem Talmud enthaltenen Vorschriften des Glaubens und der Sitten als bindende Gebote für die gläubigen Juden anzufehen sind und eine Beschimpfung des Talmuds als eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft oder einer Einrichtung derselben anzusehen ist. 2. Ob iu dem Talmud steht: „Das Gesetz Mosis gilt nur vom Juden zum anderen, auf Gojims hat es keinen Bezug, die dürfen sie bestehlen und betrügen."" Er gibt zunächst eine persönliche Erklärung dafür ab, dass er der Aufforderung des Landgerichtes, über diese Fragen ein Gutachten abzugeben, Folge leistete. „Ich bin", sagt er, „als Knabe bereits von meinem Vater im Talmud unterrichtet worden und habe neben dem Gymnasium bis in das dritte akademische Semester das Studium des Talmud betrieben, so dass mehr als zehn Jahre meiner Jugend dieser Beschäftigung zum Theilc gewidmet wären. Später habe ich nicht mehr im Zusammenhänge den Talmud studiert, sondern nur, Stimmungen nachgebend, die alten Folianten aufgeschlagen. Ich bin somit nicht Sachverständiger in dem Sinne, der zu fordern und für die Breite und Sicherheit der rein wissenschaftlichen Erkenntnis auf diesem Gebiete höchlich zu wünschen wäre; ich lese den Talmud nicht als semitischer Philologe und Alterthumsforscher ... Dennoch habe ich geglaubt, in diesem Falle durch sorgsame Arbeit zu Wort und Eid mich rüsten zu sollen; ich denke, dass ich hierbei auch meinem Amte diene. Denn der Wahrheit die Ehre zu verschaffen, insbesondere auch den geschichtlichen Wahrheiten auf dem Gebiete der moralischen Ideen, das hat zu allen Zeiten als Sache der Philosophie gegolten. Und die Kriterien für die Gewissheit der menschlichen Üeberzeugungen hat die Philosophie aufzustellen und gegen die Affecte des Haffes wie der Liebe als die Sache der Vernunft zu vertheidigen. — Wenn es sich nun um unsere ElaMer handelt, um die Lebens¬ und Weltanschauung unserer Dichter, so hat der Philosoph die anerkannte Befugnis, darüber zu urtheilen: und dennoch lese ich unsere classische Literatur weder als germanistischer Philosoph, noch als moderner Literarhistoriker. In ähnlicher Weise, nämlich auf Grund einiger Belesenheit im Talmud und genauerer Bekanntschaft mit der Tialeclik desselben, denke ich, über „die im Talmud enthaltenen Vorschriften des Glaubens und der Sitten" urtheilen zu können — und da ich dieses Maß von Kenntnis habe, als Philosoph urtheilen zu sollen." Nachdem er diesen Befähigungsnachweis in glänzender Weise erbracht, den Styl und die Methode des Talmud in kurzen Umrissen charakterisiert hat, entscheidet er Herausgeber: P. Nasichsurr. Berantw. Red.: Dr. Siegln. wer über die sub 1 enthaltenen zwei Fragen: „Ein jeder für die Ehre seines Glaubens interessierte Jude fühlt sich so weit mit dem Talmud verbunden, dass er eine „Beschimpfung" des Talmud in Bezug auf seine moralischen Grundbegriffe als eine „Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft" fühlt." Sodann thut er in geradezu classischcr Weise dar, dass die Nächstenliebe, genauer die Liebe zu dem der'Nationalität und dem Glauben nach Fremden ein Gebot des Judenthums ist. Der Gedanke, Gott liebe die Fremdlinge, verbindet den Gedanken, mit welchem der Beruf Israels anfängt, den Gedanken der Auserwählung, mit demjenigen, mit welchem der Beruf Israels abschließt, mir dem Gedanken der Einheit des Menschengeschlechtes. Beide Begriffe hat das Judenthum erfunden, nicht bloßdeneinen. 8. Schalem-Alechem: „Wozu brauche» die Jude» ein Land?" Einige ernste Worte an das Volk. Verlag „Achiasaf", Warschau 56ö8 (jüdisch-deutsch). Sowohl die Sprache, als auch der Styl und der Inhalt dieser überaus gelungenen kleinen Schrift verrathen uns das Publicum, für das sie bestimmt ist. Sie ist an jene tausende und abertausende der Aermsten und Elendesten aus dem „Volke des Buches" im weiten Osten gerichtet, denen es weder gelungen in, das alte Hebräisch beizubehalten, noch auch eine moderne Sprache sich anzueignen, und die, da sie dennoch keine Analphabeten sind, ein Bedürfnis nach aufklärcnden und belehrenden Schriften bekunden, wie keine prolerarisierte Masse der Welt. Und in der diesem armen und elenden Proletariats geläufigen Sprache, mit den seinen kümmerlichen Lebensverhältnifsen entnommenen Bildern sucht der 'Autor die natürliche Nothwendigkeit einer Heimatstätle für das jüdische Volk zu beleuchten. — „Wozu brauchen Juden ein Land?" Was ist das für eine Frage? Könnte man nicht auch anders fragen? Warum sollen gerade die Juden kein Land brauchen? ... Wozu braucht denn ein Mensch überhaupt eine Wohnnng? "Auf die letztere Frage gibt es zwar einen Einwand, ob denn jeder Mensch seine eigene Wohnung haben müsse? c-agt doch ein jüdisches Sprichwort: „Besser ein reicher Miether, als ein armer Hausherr." Dies gelte aber nur für Zeilen und Fälle, wo Wohnungen billig sind und es deren in Ueberzahl gibt, wenn viele Hausherren sich wegen eines Miethers streiten, den ein jeder für sich haben möchte. Wie aber, wenn ein armer Teufel, dem die „Wohnungen j'o oft gekündigt", der im ganzen Städtchen als „schlechte Partei" verrufen ist, nirgends mehr ohne unsägliche Schwierigkeiten Einlass findet und stündlich von einer neuen „Kündigung" bedroht wird? Unsere achtzehnhunderrjährige Geschichte seit dem Brande unseres eigenen Heims ist ja nichts anderes, als eine große.Kette der peinlichsten „Wohnungscalamitäten", deren Last auf die Tauer nicht mehr zu ertragen ist. Auf dem Baseler Congresse, uw unsere Brüder, die bei verschiedenen Hausherren eingemiethel sind, zufammenlrafen, stellte cs sich aus den gegenseitigen Klagen, die in der Rede Mar Nordcru's zusammengefasst waren, heraus, dass das Wohnungsübel, wenn auch in verschiedener Form, doch überall vorhanden und überall unerträglich ist. Ueberall dieselbe Abneigung, derselbe Ruf eines schlechten Miethers, dieselbe Kündigungswuth, wenn auch nach verschiedener Methode und iu verschiedenen Formularen abgefasst. „Ter Messias, den wir erwarten, wird nach der talmudischen Tradition in dem Zeitpunkt gekommen sein, wo Juden in Palästina wohnen und dessen Boden bearbeiten werden." „Unser Messiasideal lebt in uns, aber es hieße, dieses hohe Ideal, dem wir cs verdanken, dass wir heute noch als ein Volk dastehen, verspotten, in den Koth zerren, wenn es sich darauf beschränken sollte, dass alte Greise sich in unser Land begeben, um dorr zu beten und zu sterben." Schon vor Jahren hat Tr. Pinsker darauf hingewiescn, wie noth es uns thut, eine Scholle Erde unser Eigen zu nennen. Man versuchte, Palästina zu colonisieren, doch wagte man nicht, die Absicht zu verrathen, und das Werk gieng überdies furchtbar langsam vor sich. Erst Tr. Herzl und der von ihm einberufene Eongress haben den Gedanken zu einem öffentlichen gemacht, über den kein Geheimnis mehr bestehen soll. Dem Ausspruche Herzls: „Tie Rückkehr zum Judenthum geht der s Rückkehr in das Judenland voran", soll die uns vorliegende Broschüre Rechnung tragen; sie soll die Leser mit den Principien des Zionismus vertraut machen, damit sie auf die Frage: „Wozu brauchen die Juden ein Land?" Bescheid wissen. Das ist dem Autor in vollem Maße gelungen. LI. B „Nachmu Edim" von I. L. Landau. Componiert von A. Dzimitrowsky. Die Dichtung des bekannten hebräischen Literaten zeichnet sich aus durch wahres, poetisches Empfinden, dein eine plastische Sprache den glücklichsten Ausdruck verleiht. Wie richtig der Volkston getroffen ist, beweist der Umstand, dass die Dichtung sich in weiten Kreisen als Volkslied eingebürgert har. Und gerade die Sympathie, die dieses Lied, das eine Lobeshymne des Zionismus ist, in allen Volksschichten gefunden, beweist, wie innig der Gedanke der nationalen Erlösung mit der jüdischen Volksseele verknüpft ist. Der Componist hat auch für die Klage die richtigen Töne gefunden. Wir empfehlen das Lied allen unseren Lesern. P. ner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIll, Schlöffelg. 1>-

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