Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 14 (7.4.1898)
- Article
- Der Antigoyismus in Zion
- Date
- 1898-04-07
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 12 Nr 14. in SStertnonb (Quatre-Lunes) um und suchte so zu zeigen, dass er aufgeklärter sei als sein verewigter Vater. In Hebron, wo er anfäßig war, verheiratete er sich auch, gab sich der Bibelexegese hin, und verlebte ein geachtetes Alter. Er veröffentlichte eine kleine, zwanzigseitige Broschüre in Miniaturformat, in welcher in geradezu wunderbarer Knappheit und Klarheit das ganze polemische und literarische Wer? seines Vaters wahrhaft vernichtend widerlegt wurde, ausgenommen die Zeichnungen von ,,Mon vieux Paris“, die von Gaston Coindre herrühren. Abraham Biermond hatte einen Sohn, Jsaac Nathaniel Viermond, den jetzigen Antigoyisten, den er strenge in der jüdischen Religion erzog, ohne ihn jemals von seiner Abstammung zu unterrichten. Der Sohn wurde genau nach der Analogie der biblischen Erzählung Jsaac genannt. Den Namen Nathaniel gab er ihm, um sich dadurch die Manen Rothschilds zu versöhnen, die so lange durch seinen Vater keine Ruhe finden konnten. Die Veröffentlichung des Buches „Das vergohte Judäa" hatte eine lebhafte Erregung in Jerusalem hervorgerufen. Das Gefühl von der Gleichheit Aller, das ja den Geist der Duldung in sich schließt, wurde durch diesen Versuch der Exclusivität schmerzlich getroffen. Wie man nun begreifen wird — was ohne meine vorangehenden Erklärungen nicht klar gewesen wäre — erfreute sich das fremdnationale Element der größten Wertschätzung, und die Juden fürchteten, dass die Aussicht auf künftige Belästigungen die Fremden zu einem Exodus veranlassen könnte. In Palästina existiert nämlich keine Censur außer gegen die obscöne Literatur. Die Gesetze sind also machtlos gegenüber philosophischen und historischen Doctrinen. Ja, noch mehr. Dem jüdischen Geiste erscheint sogar eine Ketzerei als ein Zeichen von Unabhängigkeit, und geistreiche Subtilitäten. welche Entgegnungen Hervorrufen, der Ruf nach Wahrheit und leidenschaftliche und extravagante literarische und philosophische Turniere bilden geradezu einen Sport, in dem sich der Jude ganz außerordentlich gefällt. Daher folgte also eine Polemik, die eine umfangreiche Literatur darstellt. Viermond aber, ein Sophist von vollendeter Gewandtheit, wusste in wundervoller Weife ein e Reihe von Thaten anzuführen, Citate verschiedenster Art vorzubringen, mit denen es sich freilich richtig verhielt, deren Zusammenhanglosigkeit er jedoch durch leeres Gerede zu verbergen wusste. Aus all dem zog er dann falsche Schlussfolgerungen und begnügte sich damit, diese ohne Unterlass wiederzukäuen. Wenn er dann durch Widerlegungen an die Wand gedrückt wurde, sprach er von etwas anderem oder blieb stumm wie eine Wand. Er war nicht gerade mit Ueberlegung schlecht, aber er meinte, in gutem Glauben, dass man schlecht sein dürfe, nm einen edlen Zweck zu erreichen, wobei er jedoch sich allein das Recht zusvrach, zu entscheiden, was edel sei. Er hatte nicht mehr Einsehen genug, um der Sache ein Ende zu machen. Mit einer Art Erleichterung constatierten daher die Palästinenser den ersten juristischen Frevel -- die Verleumdung, deren sich Biermond schuldig gemacht hatte, und rechneten darauf, dass der folgende Process ihrer Aufregung ein Ziel setzen werde. Der Process. Vom frühen Morgen an waren die Straßen durch eine aufgeregte Menge versperrt. Es bildeten sich zahlreiche Gruppen. Vom Oelbergviertel, wo sich die Universitäten befinden, kamen Scharen von Studenten herabgezogen 3), die ganz mörderisch schrien: Schakez, Tescliakzenu, Yiermond!" Das heißt in der hebräischen Sprache: „Verachtet Viermond!" Z Die Menschenmassen überfluteten den ganzen Boulevard Herzl, und obwohl sie von der Polizei auseinandergefprengt *) Mon vieux Paris — ein illustriertes, literarisches Werk. Es stammt aus der vorantisemirischen Zeit Trumonts, ist jedes literarischen Wertes bar. (Anmerkung des Uebersetzers.) 3) Anspielung auf die Studenteunnruhen im Quartier Latin während des Zolä-Proceffes. (Anmerkung des Uebersetzers.) 4) Die Landessprache in Palästina ist das Hebräische, obwohl jeder Jude mindestens sechs oder sieben Sprachen geläufig spricht. (Note des Eorrespondenten.) wurden, gelang es ihnen nach mancherlei Umwegen doch, sich wieder zu vereinigen und auf dem Nordauplatz zu sammeln, wo sich der Jnstizpalaft befindet. Starke Abtheilungen des berittenen Schützenregimentes Bar Cochba verließen ihre Kasernen unter dem Oberbefehle des Obersten Chanauia Ben-Tarfon, eines alten Kriegers, der seine Carriäre bei der Pacification des Libanon machte. Er ist der Erfinder der berühmten jüdischen Taktik, die nach ihm die tarfonische genannt wird, und welche man heute in allen Kriegsschulen Europas lehrt. Sie besteht, wie allgemein bekannt, darin, dass man unter der Hand durch ein Syndicat alle alten Uniformen des Feindes anfkaufen lässt, in sie die eigenen Soldaten steckt, die natürlich dann dem Gegner Verbündete oder Hilfstrupyen zu sein scheinen. Kluge Emiffäre haben überdies vor Beginn des Feldzuges dem Feinde ganze Waggonladnngen rauchlosen Pulvers verkauft, das sich umso eher dieser vortrefflichen Eigenschaft erfteut, weil es überhaupt unverbrennlich ist. Da endlich alle jüdischen Soldaten auch die Sprache des Feindes sprechen, so hält man sie für Freunde, was sie dazu ausnützen, um den Gegner zwischen zwei Feuer zu bringen. Man kann sich eine Vorstellung machen, was für ein Blutbad dadurch entstehen muss.5) Die alten Uniformen und die alten Tressen werden für spätere Feldzüge aufbewahrt: denn obwohl die Kriegslist bereits veraltet ist, hat sie doch noch immer Erfolg. Die Soldaten sind ja große Kinder! Oberst Chanania stellte einen Theil seiner Truppen vor dem Justizpalast auf und hielt zwei Schwadronen in der Reserve im großen Hof des Taubstummenspitals, welche sich in der Zadoc-Kabnstraße befindet. Nur mit Mühe wurde die wogende Menge in Schranken gehalten. Das Prätorium ist bereits durch die bedeutendsten Persönlichkeiten der Hauptstadt eingenommen. Der Gerichtshof des Synhedrivns ist nach alter Tradition aus siebzig Amtspersonen zusammengesetzt. Den Vorsitz fiihrt der Oberpräsident Menachem Bernard-Lazare, dessen Großvater im Pantheon (hebräisch: Kahal-A dona!) von Jerusalem beigesetzt ist. Präsident Menachem ist ein berühmter Rechtskundiger und ein gefeierter Schriftsteller, ebensowohl wegen seiner gründlichen Bildung als wegen des Zaubers seines Stiles. Sein Cvmmentar zum Gesetzbuch des Waldrechtes ist ein klassisches Werk geworden, und liest sich wie ein Roman. Durch feine Leutseligkeit, die ein unbeugsames Rechtsgefühl als Grundlage birgt, hat er den Ruf großer Milde gewonnen. Man nennt ihn im Volke nur den Präsidenten „Menachihnen". Das rührt von seiner Sucht her, einem Missethäter niemals eine Strafe aufzuerlegen, die dieser nicht anuehmen würde. In der That sagt er nach dem Schluffe des Gerichtsverfahrens jedesmal zum Angeklagten, der einmal des Verbrechens überführt ist: Nach ihnen, wenn es so gienge, was meinen Sie, dass sie verdienen? Ter llebelthäter hat es, wemr er so höflich gefragt wurde, noch niemals gewagt, einen gesetzwidrigen Freispruch zu begehren. Ter Angeklagte bestimmt ein nach seiner Ansicht genügendes Strafausmaß, welches der Präsident hierauf discutiert. Und so große Ueberredungskunst besitzt er, dass er cs dazu bringt, dass der Angeklagte selbst ein Strafmaximum annimmt, wenn es die verhandelte Sache erforderte. (Fortsetzung folgt.) & . Das neue Ghetto. Schauspiel in 4 Acten von Theodor Herzl. Illustrationen von I. M. O k i n. (i. Fortsetz ung) Fri^dh eim e r. Lassen Sie sich eine Geschichte erzählen. ^Jch fand sie in einer alten jüdischen Chronik des Rabbi Jofuah von Speyer. Er schrieb seine Chronik nach einer d»r vielen Judenaustreibungen der Rheinlande, ") Anspielung auf die Drohung des Generals Pellieux im Zolaprocefse. Pellieux drohte der Jury, wenn sie Zola freispräche, würden ihre Söhne zu einem schauerlichen Blutbad geführt werden. (Anmerkung des Uebersetzers.)