Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 14 (7.4.1898)
- Article
- Wien / L.
- Date
- 1898-04-07
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14. und zwei Juden, die sich zur Wehre setzten, jetzt in Krakau hinter Schloss und Riegel gehalten werden. Aber die antisemitischen Abgeordneten haben gehandelt. Der Abgeordnete Prohaska stellte einen Antrag aus Verbot der Einwanderung ausländischer Juden. Pater S t o j a l o w s k i richtete seinen ganzen Ingrimm gegen die Inden, nachdem ihn getroffene Vereinbarungen daran hindern, Schlachta und Clerus anzugreifen, und Professor Schlesinger verlangte von der Regierung die Sammlung statistischer Daten über den Grundbesitz, die Einkommensteuer-Fatieruna, die Erwerbszweige, die Criminalität der Juden :c. :c. Tie „österreichisch-israelitische Union" hat sich daraus mir einer Petition an den Reichsrath eingestellt und darin erklärt, sich den Wünschen des Professors Schlesinger anzuschließen. Natürlich hat sowohl der Antrag als die Petition nur die Bedeutung einer Demonstration. Es hätte beiden Theilen einfallen müssen, dass die Regierung sich keiner so schwierigen und kostspieligen Specialarbeit unterziehen würde, zu der sie jedenfalls einen Specialcredit vom Parlamente verlangen müsste und durch welche sie aus sich den Schein einer einseitigen Parteilichkeit laden könnte. Wir, die nicht erst die Wünsche oder Schlagworte der Gegner abwarten, um zu positiven Gedanken zu gelangen, haben es von jeher betont, dass es Pflicht der Regierung wäre, die B eru fsstat i stik nach C o n fes s i o ne n zu ordnen. Wir betonen dies insbesondere jetzt, unter Hinweis daraus, dass schon im nächsten Jahre die Vorarbeiten für die allgemeine Bolksconscription in Angriff genommen werden, und dass die Regierung durch eine confeffionelle Berussstatistik, wie sie bereits in Deutschland seit Jahren gang und gäbe ist, bei uns den ausgesprochenen Wünschen aller Parteien gerecht werden würde. Man könnte zwar auch dann bewusste Verdrehungen des statistischen Materials nicht verhüten, wie bei Pater Szponder. der die Criminalstatistik vergewaltigte. allein wir selbst würden ein eigenes Bild unserer wirtschaftlichen Lage haben, das uns zur Einkehr und Sammlung mahnen würde. Diesem Verlangen nach einer confessionellen Berussstatistik werden wir auch trachten in der geeigneten Weise Nachdruck zu verschaffen. I.. Krakau. (Orig.-Corr.) Diese Woche wurden sechs Socialdemokraten, die die Ausführung des antisemitischen und antisocialistischen Stückes eines k. k. Staatsanwaltes „Die Volksversührer" durch ihre Demonstrationen gestört haben, zu strengen Arreststrasen von vierzehn Tagen bis zu drei Monaten verurrheilt. ZVieliczka. (Orig. Corr.) Für den heutigen Palmsonntag befürchtete die hiesige jüdische Bewohnerschaft die Wiederholung von judenseindlichen Excessen. An diesen! Tage nämlich beobachtet die hiesige christliche und namentlich die von der Umgegend zusammeukommende bäuerliche Bevölkerung den, wahrscheinlich vom Mittelalter herübergeholten Brauch, jeden Juden, den man ans der Straße trifft, mit dem Palmwedel, in welchen zu diesem Zwecke ein dicker Stock eingesügt wird, durchzuprügelu. Nachdem die diesbezüglich bei der Behörde gemachten Vorstellungen zu keinem Ziele führten und die aufgeborenen Sicherheitsorgane regelmäßig für die überlegenere Menge nicht hinreichen, besteht die einzige Schutzmaßregel gegen diese rohe Sitte darin, sich während des Kirchenganges nicht ans der Straße zu zeigen. Ob dies auch Heuer genügen werde, war eine beängstigende Frage. Tenn während in früheren Jahren das Judenprügeln halb aus Scherz betrieben wurde, befürchtete man. dass es heute, in Folge des Widerwillens gegen die Juden der sich in der letzten Zeit durch die maßlv,en 'Agitationen in die christliche Bevölkerung eingesressen hatte, zu etwas Ernsterem kommen würde. Diese Befürchtungen fanden in den letzten vorgekommenen antisemitischen Ausschreitungen berechtigte Begründung. Tenn dieselben zeigten, dass der Cordon der scheuen Zurückhaltung vor Gewaltthätigkeiten einmal durchbrochen sei, und dass somit die Besorgnis bestehe, dass keine Gelegenheit zu neuen Anschlägen gegen Juden — welche der Palmsonntag vorzugsweise biete — unausgenützt vorübergelassen werden würde. Erfteulicherweise haben die mit Bangen erwarteten Ausschreitungen in Wieliczka, mit Ausnahme von vereinzeltem Fensterbeschädigungen, nicht stattgefunden. Dies wird etwa nicht denr Schutze, den die Behörde beigestellt hatte, verdankt, — denn die schwache Anzahl von Gensdarmerie und städtischer Polizei, die übrigens mit einer, in galizischen Städtchen bei dieser Jnstitution wahrnehmbaren Energie auSgestattet ist, -hätte gegen die nach Tausenden zählende Menge nichts auszurichten vermocht, — sondern einem starken Regengüsse, welcher aus natürlichstem Wege die Menge zerstreute und nach Hause trieb. Ta somit keine Ansammlungen stattsandcn, war die Gensdarmerie und die Polizei im Stande, die Ruhe ansrechtzuerhalten. In Klasno jedoch, dem einstigen Ghetto Wieliczka's, benützte eine Rotte von etwa 200 Leuten den Umstand, dass für die Sicherheit Klasno's im Ganzen durch einen, sage einen Gensdarmen gesorgt war, dazn, aus die jüdischen Häuser ein Steinbombardement zu eröffnen, wobei zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen wurden. In einem Hause wurde sogar ein Fensterkreuz herausgerissen und in einem anderen eine Frau durch einen Steinwurs im Gesichte stark verletzt. Eine Verhaftung wurde seitens der Excedenten vereitelt, indem sie dem Gensdarmen den Verhafteten gewaltsam entrissen. 8. K,—G. Frankreich. Paris. (Orig.-Corr.) Tie Aushebung des Urtheiles gegen Zola hat in den gewiffen jüdischen Kreisen der Hauptstadt wieder neue Beunruhigung hervorgerufen. Sie fürchten nämlich, dass anlässlich der bevorstehenden Wahlen dieser Freispruch gegen die Juden ausgenützt werden könnte. Bei der eigenthümlichen Haltung, die das Cabinet Meline in der ganzen Zola- und Dreysusangelegenheit beobachtet, scheint es ihnen, als ob die nächste Kammer eine stattliche Anzahl von antisemitischen Abgeordneten zählen werde. Dazu kommen die bedenklichen. Vorgänge in Algier und die Hetze, die gegen Lupine, wie es scheint mit Erfolg, eingeleitet wurde. Wenigstens hält man Löpines Demission für nahe bevorstehend. Noch nie hat sich der Mangel einer Organisation uns des geringsten politischen Fernblickes so bitter gerächt als gegenwärtig an den französischen Juden, und noch nie hat die bis zum Lächerlichen getriebene Assimilation ihre gänzliche Unfähigkeit zur Lösung der Judenfrage trauriger bewiesen als gerade jetzt in Frankreich. Was immer geschieht, die ftanzösischen Juden müssen fürchten, dass es schließlich aus ihre Kosten geschehen werde. Die vereinzelten Versuche, wenigsten« eine Conccntration der jüdischen Kräfte herbeizusühren, haben noch wenig Aussicht aus Erfolg. Tie nächsten Wahlen dürften für die französischen Juden leider eine sehr empfindliche Lection bedeuten. M . . el. Paris. In der Sitzung der Kammer am 4. April interpellierte der Deputierte Beauregard das Ministerium wegen der Verhaftung des Redacteurs des „Aniijuif", Mar. R 0 g i s, welcher bekanntlich bald nach seiner Rückkehr aus Paris in 'Algier verhaftet worden ist. Trotz der größten antisemitischen Demonstrationen in 'Algier weigerte sich der Generalgouverneur L 6 p i n e die Enthaftung ROgis' zu veranlaffen. Beauregard sieht in diesem Vorgehen einen 'Angriff auf die individuelle Freiheit eines Franzosen und verlangt Rechenschaft vom Ministerium wegen dieser Verletzung der Gesetze. Nachdem Justizminister M i l l i a r d die Haltung der Regierung vertheidigc hatte, wurde mit ansehnlicher Majorität die von M st l i n e verlangte einfache Tagesordnung angenommen. En gland. London. «Orig.-Corr.) Der Monat ist zu Ende und damit auch die active Saison des jüdischen Lebens. Es ist zwar überraschend aber doch wahr, dass seit langer Zeit nur die Conferenz eine wichtige Veranstaltung in der jüdischen Gesellschaft bildet. In der jüdischen Litteratur haben wir nur das jüngste Buch Zangwill's zu verzeichnen, das die in den Zeitschriften publicierten Durchschnitts arbeiten bei Weitem überragt. Im „Russv-Jewish Comite" das am letzten Mittwoch seine Jahresversammlung abgehalten hat, wies der Vorsitzende Sir M o n t a g u darauf hin, dass für die verfolgten ruffischen Juden das einzige Heil in der E m i g r a t i o n liege. Er unterließ es jedoch nachzuiveisen, was der Verein nach dieser