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Die Welt · 1898-04-07 · 14 (7.4.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
14 (7.4.1898)
Article
Juden in Frankreich
Date
1898-04-07
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 14 Seite 7 Juden in Frankreich. Zur Statistik der französischen Juden bringt der „Siecle" folgende Notiz: „Es gibt in Frankreich 1,250.000 Ausländer, darunter 80.000 Juden, deren Ahnen zumeist schon vor der Revolution sich in Frankreich angesiedelt haben. Der erste Judencensus wurde im Jahre 1784 vorgenommen, und da zeigte sich, dass in Elsass ungefähr 4000 jüdische Familien mit 20.000 Seelen und in Frankreich die gleiche Anzahl, also zusammen 40.000 Inden wohnen. Die Zahl hat sich nun verdoppelt, und das ist nur ein Beweis dafür, dass sehr viele Juden Elsass und Lothringen seit der deutschen Annexion verlassen haben. Elsass zählte zu dieser Zeit 30.000 Juden. Im Jahre 1784 gab es in Elsass 125 Familien namens Dreifuß, eine namens Lebet und sechs Leibel. Das Gesetz vom Jahre 1808 gestattete zuerst eine Namensänderung ". Für Frau Dreyfus. Die von Madame de PresiensO und einigen anderen Damen begonnene Frauenbewegung zugunsten der Madame Dreysus nimmt einen ziemlich bedeutenden Umfang an. „Siöcle", „Aurore", „Rappel" und die Damenzeitung „Fronde" erhalten zahlreiche Unterschriften von Damen. Die Listen enthalten die Namen der Schriftstellerin Lesueur, Madame Frederic Pasiy, Madame Obigny de Ferriöre, geborene Trochu, Comtesie de Raguenaud. Die Gattin des bekannten Schriftstellers Paul Alexis richtete ein Schreiben an die Gattin des Colonialministers Lebon, worin sie daran erinnert, dass sowohl sie als Madame Lebon vor kurzem ein Kind verloren haben, und die Gattin des Ministers auffordert, bei ihrem Manne dahin zu wirken, dass Frau Dreyfus zu ihrem Gatten gelasien werde. Bor allem aber dürfte besonders in Anbetracht des Umstandes, dass Frankreich sich rüstet, den hundertsten Geburtstag Michelet's in großem Glanze zu begehen, das zustimmende Schreiben Aufsehen machen, welches die Witwe des Historikers an den „Siöcle" richtet. Drumont, das Oberhaupt der französischen Antisemiten, hat sich im Dienste seiner Idee nach Algier begeben. Bei seiner Durchreise in Marseille kam es am dortigen Bahnhofe zu antisemitischen Demonstrationen, die in Excesie ausarteten. Das Urtheil gegen Zola wurde vom Casiationshofe wegen mehrerer Formfehler definitiv aufgehoben. Der Londoner „jewisk Board of Guardians“ (jüdisches Armenpflegeamt) hat, wie sich aus seinem 39. Jahresberichte ergibt, im letzten Jahre 4286 nothleidende Juden unterstützt; darunter waren 511 englische Juden. Das jüdische Armenpflegeamt hat im Jahre 1897 im ganzen 26.961 Lstr. verausgabt. 967 Familien erhalten dauernde Unterstützung. Judenmorde in Maroeco. In Marocco haben die Excesie gegen die Juden zu Straßenmorden und Mädchenranb geführt. Das englische Tagblatt in Tanger „Al-Moghreb al- Aksa" berichtete darüber am 19. März: „Nach den uns letzte Woche von Tazza, einer drei Tagereisen von Fez entfernten Stadt zugekommenen Nachrichten, haben die Ghiatta-Araber die Juden dieser Stadt geplündert, mehrere ermordet und mehrere Jüdinnen fortgeschleppt. Einige Juden wollten in den Moscheen Zuflucht suchen, allein sie wurden auch dort niedergemacht. Tie fortgeschleppten Jüdinnen mußten ihren Glauben abschwören. Tie vom Bicekönig von Fez hingeschickten Soldaten wollten nicht oder waren nicht im Stande, die Juden zu schützen. In der Umgebung von Mekinzes wurde ein jüdischer Uhrmacher von den Arabern ermordet und seine Verwandten mussten noch iür die Leiche ein Lösegeld bezahlen. Alle diese Verbrechen bleiben unbestraft, und die Juden finden keine Gerechtigkeit, denn ihre Anklagen richten sich ja gegen die Herren des Landes." Die confcjfioncUc Scheidung. In Bern hat sich ein christlichsocialer Verein gebildet, der ein christliches Arbeitersecretariat, die erste confessionelle Schöpfung dieser Art in der Schweiz ins Leben rief. Das zarte Geschlecht fühlt sich auch in Aftika mit sanften Gewalten zum Antisemitismus hingezogen. In Algier begab sich am 31. März eine Deputation von Frauen nach dem Platz vor dem Regierungsgebäude und forderte die Freilassung des antisemitischen Agitators Max Rögis. Es kam zu einem Volksauflauf, die Polizei musste einschreiten. Mathatia, der Chasmonai. Den Palast des bulgarischen Fürsten ziert seit Wochen das steinerne Standbild des großen jüdischen Helden Mathatia. Ein junger Bildhauer, B e r i f ch Schatz, ist sei» Meister. In Paris genoss Schatz die Auszeichnung, an den Schöpfungen Antokolskis Mitarbeiten zu dürfen, und nun wirkt er seit zwei Jahren in Paris, und seine Arbeiten zieren das neugegründete bulgarische Museum für antike und moderne plastische Kunst. Der .Künstler stellt Mathatia nicht als kraftlosen Greis dar, der au seiner Lebenswende in Worten seinen Söhnen das ganze Vermächtnis der Gottestreue und Volksliebe zu vermachen sucht. Der Mathatia Schatz' ist eine athletische Gestalt. Mit der Rechten umschliesst er fest und gewaltig den Lanzenschaft, und mit seiner Linken weist er hinaus. Und sein Antlitz, in das Gram und Noth tiefe Furchen gegraben, spricht eine starke Sprache. Es ist mehr der jüdische Held, denn der Märtyrer. Berisch Schatz ist Zionist. Eine neuentdeckte jüdische Ackerbau-Colonie. Dieauf die Errichtung einer jüdischen Ackerbauschule in Russisch- Polen hinzielenden Bestrebungen sind schon so weit gediehen, dass bereits nach einem passenden Landstücke gesucht wird. Diese ' Ackerbauschule soll hauptsächlich praktische Landwirthe erziehen, die nicht etwa nach Absolvierung des Lehrcurses landwirthschaftliche Lehrer oder Beamte, sondern vielmehr Ackerbauer werden würden. Es erschien daher dem Comite am zweckmäßigsten, wenn innerhalb einer bereits bestehenden jüdischen Ackerbau- Colonie Knaben untergebracht und praktisch erzogen werden könnten. Derartige Colonien bestehen aber nur in Südrußland, wie es in verschiedenen Blättern zu wiederholten Malen erörtert wurde. Allein wer sucht, der findet. Es hat sich ja oft gezeigt, wie weit es die Juden mit ihrer „Uebermacht" gebracht haben, dass sie nicht einmal sich selbst kennen und dass sie, wenn sie zur eigenen Vertheidigung schreiten, fiir schweres Geld höchstens einige Abwehr-Phrasen, aber nicht einmal positives Material erhalten. So gibt es auch in Russisch-' Polen zahlreiche Colonien jüdischer Bauern, um die sich niemand gekümmert hat, und die keirnen zu lernen, sich niemand bemüht hatte. Eine dieser Colonien wurde nun von einigen Mitgliedern des Comit^s, das die Ackerbauschule zu gründen beabsichtigt, entdeckt." Das Dorf heißt Oströwek und liegt in der Nähe der Bahnstation Siedlce, die man in einigen Stunden von Warschau ans erreicht. Das Torf ist seit dem Jahre 1840 ausschließlich von Juden bewohnt. Es gibt da 9 Familien, die gleichfalls im Jahre 1864 der Bauernbefreiung theilhafttg wurden. Die Namen der Familienhäupter find: Gdala Feld, Jankiel Jablonka, Mordechai Stockt, Wolf Stocki, Abraham Steinbart Chaim Grünblatt, Zysza Stockt, Menasche Gottlieb und Jcek Stockt. Letzterer ist Schultheiß. Alle zusammen besitzen sie 73 Joch Feld. Sie führen auch ein kümmerliches Dasein. Ihre letzte Ernte ist schlecht ausgefallen. Aber sie handeln und speculieren nicht, weil sie es nicht verstehen. Sie sind Bauern. Aber dabei fromm. Sie haben einen Schächter, ein Bethaus und zwei Lehrer, sie lernen auch Talmud und einige fahren sogar zum „Wunderrabbi". Sie lebten von allen anderen losgelöst und auf sich selbst angewiesen, bis mau sie jetzt entdeckte. Wie im „freien" Ungarn die Inden-Einwanderung verhindert wird. Die Judeneinwanderung aus Russland und Galizien, die seit Jahr und Tag die Staatsmänner Englands und Amerikas eingehend beschäftigt, hat auch seit einiger Zeit die ungarische Regierung zu beunruhigen angefangen. Die reichen Juden, die nach Budapest übersiedeln, um dort Fabriken zu errichten und Geld unter die Leute zu bringen, lässt man sich noch gefallen, aber die armen Schlucker, die über die Karpathen kommen, um hier leben zu können, sind ungern gesehene Gäste, die man am liebsten nicht hineinlässt. In England und Amerika werden Gesetzesvorlagen vor das Parlament gebracht, die Sache wird zu einer Partei-, ja zu einer Frecheftsfrage — im „freien" Ungarn ist das Alles überflüsiig. Eigentlich traut sich die „liberale" Regierung nicht, die Juden-Einwanderung zu verbieten, denn das könnte bei den Wahlen die jüdischen Stimmen und damit ihre Existenz kosten, und darum werden die Dinge im Geheimen erledigt — mit Bajonetten, Gensdarmen,

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