Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 14 (7.4.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / Schnirer, M. T.
- Date
- 1898-04-07
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315757--05167-3358695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 14 Seite 5 Wichtigkeit wäre besonders, was über größere Festlichkeiten, Namen, und Adressen ehemaliger Präsidenten und Mitglieder der„Kadimah", die Entwicklung der Tendenz rc. bekannt wäre. Da das projectierte Werk Mitte Mai im Druck erscheinen soll, demgemäß die Redaction am 20. April abschließt, wird gebeten, allfällige Angaben bereits in kürzester Zeit an die erwähnte Adresse gelangen zu lassen. Für die a. H. der akademischen Verbindung „Kadimah": Mit Zionsgruß und vorzüglicher Hochachtung Dr. N. Birnbaum m. p. Dr. O. Kokesch m.;>. Dr. M. T. S ch n i r e r m. p. Sehr geehrte Redaction! Gestatten Sie mir, zur Ergänzung des Artikels: „Unter jüdischen Proletariern" Ihnen einige meiner Erfahrungen auf dein Gebiete der Textilindustrie im Bialpstoker Rapon, und zwar deren rein sociale Seite betreffend, mitzutheilen. Ick war zehn Jahre lang Tuchsabrikant in einer der kleinen Tochterstädte dieses Bezirkes und kann Sie versichern, dass zu jeder Zeit und unter den mannigfachsten Conjuncturen, denen das Geschäft während eines Zeitraumes von so vielen Jahren selbstredend unterliegen musste und auch wirklich unterlag - die armen Weber stets besser daran waren als ihre vermeintlich reichen Brodherren. Wenn die Angaben des Herrn Dr. Landau über den wöchentlichen Verdienst der Arbeiter männlichen Geschlechts in Cz'.stochau die unerfreuliche Ziffer von 4—5 Rubel ausweisen, so steigerte dieselbe hier sich zum Durchschnittssatze von 6—7 Rubel und noch etwas darüber. Es kann hier von Proletariern als einem Sonderstande überhaupt keine Rede sein. Es gibt auch Proletarier unter den Fabrikanten. Das macht alles die Concurrenz als natürliche Folge der Ueberproduction oder umgekehrt, und beide zusammen lassen sich wiederum aus die enge Einsperrung in einem allzu beschränkten Raum zurücksühren. Durch vernunstmäßige Anlagen derartiger Gewerbs,zweige in Palästina, unterstützt durch die projectierte Eolonialbank, könnte diesem Uebelstande vielleicht abgcholsen werden. Ich sage vielleicht, denn es müssten erst Bezugsguellen für die verschiedenen Rohproducte, die wahrscheinlich dort zu Lande sehr theuer zu stehen kommen würden, und — was noch mehr zu bedeuten hat — neue 2lbsatzplätze für die zu producierende Ware geschaffen werden. Auch den Unternehmern gehl es jetzt schlecht. Nehmen wir von vielen Beispielen nur eins, Nu ani (Gouv. Grodno). Was ist aus diesem noch vor Kurzem so blühenden Städtchen geworden? Mehr als die Hälfte der Fabriken sind jetzt außer Betrieb und ebensoviele Weber mussten ihre Heimstätte verlassen, um sich in der Fremde Arbeit zu suchen, die sie vermuthlich nicht so bald gefunden haben. Was aus den Fabriksbesitzern geworden, ist mir unbekannt: jedenfalls ist ihr Loos nichts weniger als beneidenswert. Homel, 29. März. D. Eemach. & Bürger aus Kündigung. Judenhass, Judenfraß, so weit das Auge reicht. Da liegen vor uns ein paar Blätter aus der herrlichsten Colonie Frankreichs, aus dem schönen Lande Algerien am mittelländischen Meer. Es sind vier Organe der dortigen öffentlichen Meinung, sämmtlich antisemitisch. Sie heißen: ..Le Telegramme“, ..L’Antijuif Algerien“, ,.Le Keveil Antijuif“. „La Lutte Antijuive“. Zwei davon tragen an der Spitze die vielversprechenden Worte: „ä la porte les Juifs“, was sich in unser geliebtes Deutsch etwa so übertragen ließe: „Juden raus!" Ueberall derselbe Refrain. Er wird mit mehr oder weniger Rohheit, mit mehr oder weniger Witz vorgetragen, es ist immer derselbe Kehrreim. Kaum noch verhüllte Aufforderungen zu Raub und Gewaltthaten, ganz wie in irgend einer dunklen Zeit des Mittelalters. Zur Begründung der Niederträchtigkeiten werden alle möglichen Schand- und Schaudergeschichten erzählt. Die Blätter überdieten einander in krassen Darstellungen, raufen sogar um jeden Bissen der großen Mahlzeit, fallen sich gegenseitig an in ihrer am Juden allein nicht oder noch nicht stillbaren Wuth. Geschrieben sind diese Zeitungen mit der ganzen schwülstigen Geschmacklosigkeit südfranzösischer Provinzblärter. Aber durch den brutalen, mordgierigen Hass, der aus jeder Zeile spricht, ragen sie über die gewöhnlichen antisemitischen Zeitungen hervor. Arme Juden, die in dieser Barbarei ihr gequältes, verhetztes Dasein verbringen müssen. Tag um Tag das wüste Geschrei solcher Pressbanditen zu hören, sich an Ehre, Leben und Eigenthum fortwährend bedroht zu sehen — welch' ein jammervoller Zustand. Mau fragt sich, woher sie noch die Kraft nehmen, zu arbeiten, den Muth, sich in Geschäfte einznlaffen, die Luft, aus ihren Häusern herauszutreten. Was man von ihnen haben will? Die Bürgerrechte, die sie seit dem Trecret Crömieux von 1870 besitzen, ohne sich ihrer erfreuen zu können, die Menschenrechte, will man ihnen wieder wegnehmen. Und wenn das neuzuwählende französische Parlament so ausfällt, wie es nach allen Vorzeichen den Anschein hat, so wird man ihnen die Rechte auch wirklich wegnehmen. Es genügt dazu einfach der Widerruf des Tecrets Cremieux. Die Juden in Algerien sind nicht nur Bürger zweiter E lasse, sie sind geradezu Bürger ans Kündigung. Man kann sie mit einem Federstriche hinauswerfen aus der „Freiheit", aus der „Gleichheit", aus der „Brüderlichkeit". Und da man es kann, wird man es auch thun. Jawohl, Frankreich, dieses schöne, freie Frankreich ist die größte Enttäuschung der Juden im neunzehnten Jahrhundert. Jüdisches aus den britischen Kolonien Südafrikas. Der Unterschied in der Lebensweise, welche die Juden in den kleineren und mittleren Städten des Transvaals, von jener, welche die überwiegende Mehrheit in Johannesburg und allen Orten des britischen Südafrika führen, ist sehr groß. In den ersten tritt das Altpatriarchalische der Lebensführung in Erscheinung, es zeigen sich die besten Charaktereigenschaften der Juden: Familiensinn und Wohlthätigkeitspflege im vollsten Lichte. Wenn auch die Synagogen und Bethäuser in Misteleburg, Lydenburg, Barbertow und Marabastaw nicht so prunkvoll gebaut sind, wie ihre Rivalen in den südlichen Bezirken, so sind sie desto gefüllter mit einer andächtigen Menge au den Sabbathen und Festtagen. In Capstadt ist der Jndifferentismus unter sehr vielen Juden bedenklich fortgeschritten, und hörte ich wiederholt von jüdischen Aerzteu und Rechtsanwälten die Behauptung, sie besäßen überhaupt keine Kenntnisse der Gotteslehre, sie hielten sie ebenso wie die christliche für eine erdichtete Fabel. Das Grundübel besteht nun darin, dafs die Eltern nicht genügend für den Unterricht der Jugend sorgen, diese inmitten von Mitschülern aufwachsen und erziehen lassen, die, selbst ungläubig, sich Scherze und Verunglimpfungen der jüdischen Religion zu Schulden kommen lassen. Schließlich betrachten die Heranwachsenden Knaben und Mädchen ihre israelitische Abstammung als einen schweren Mangel, den man vertuschen oder wenigstens beschönigen muss. In dieser Weise entsteht die widerwärtige, verachtungswürdige Sippe der jüdischen Antisemiten. Es bestehen schon feit mehreren Jahrzehnten vortreffliche jüdische Schulen in den Hauptstädten des Caplandes und von Natal, deren Unterrichtsplan dem der staatlichen Giammar schools entspricht und die jungen Leute sowohl zur Prüfung fiir den Staatsdienst als auch für die Universität vorbereitet, aber sie werden nur benutzt von den Mittelclassen, die Plutokratie sendet ihre Söhne in die Simultan-Lehranstalteu oder sogar in die von Jesuiten geleiteten Schulen. Tie jüdischen Schulen könnten aus diesem Grunde sich auch nicht erhalten, wenn nicht fromme Stiftungen bedeutende Capitalien zur Bestreitung der Kosten darböten. Vor zehn Jahren vermachte z. B. F. Samuelson in Stellenbosch dem Schnlfonds in Capstadt 400.000 Mark. In Heidelberg im Transvaal besteht schon seit 20 Jahren, als der Ort schon als Luftcurort für Lungenkranke weltberühmt war, ein sechsclassiges Pensionat für Israeliten, das in Bezug auf Einrichtung, Ausstattung mit Lehrmitteln und ans vorzügliche Lehrkräfte in Südafrika unerreicht dasteht. Trotzdem sind nur die Freistätten von Juden der britischen Colonien besetzt, alle übrigen zahlenden Schüler stammen aus dem Transvaal. Das Familienleben der Juden ist aber in ganz Südafrika ein glückliches, tadelloses, während unter der christlichen Bevölkerung ganz bedenkliche Verirrungen cinreißen, vor Allem unter den Damen der Gesellschaft, wie unter den Arbeiterfrauen das Laster der Trunksucht stark um sich greift. Ter Fluch Südafrikas ist der unglaubliche Consum von Branntwein. Der Wohlthätigkeitsfinn unter den Juden ist ebenso wie die Familienliebe nicht auf den Transvaal-Freistaat beschränkt, äußert sich vor Allem in den Hafenstädten, wenn es gilt, neugelandete arme Glaubensgenossen zu unterstützen und ihnen ein