Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 14 (7.4.1898)
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- Date
- 1898-04-07
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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jto2$w<r Nr. 14 Mann von der Armencommission, löst ihm die Karte, schafft ihn in den Waggon. Man könnte es ja menschenfreundlich nennen, wenn man nicht noch einen so bitteren Nachgeschmack bei dieser Menschenliebe empfände. Diese Begleitung bis in den Waggon! Wenn man dem „Glaubensgenossen" nur das Fahrgeld gäbe, mer hätte denn da die Garantie, dass er wirklich und sofort abfährt? Er könnte gar mit seinem jüdischen Kaftan und den fliegenden Geberden sich häufig auf der Straße zeigen, und das wirkt doch peinlich. Was sollen denn die Christen von uns denken! Trum wird er fein begleitet bis zum Waggon. So heißt es in den Wohlthätigkeitsberichten. Begleitet? Oder hieße es nicht richtiger — er wird* abgeschoben? * Tie Repräsentanten der Berliner jüdischen Gemeinde find brave Leute. Von den religiösen Ceremonien halten sie zwar nichts. Aber sie wollen doch, dass man nicht daran rühre. Wie es mit ihrem „Glauben" bestellt ist, verrathen sie nicht. Aber sie haben doch ein warmes, jüdisches Herz sür ihre „Glaubensgenossen". Sie wollen jüdisches Elend mildern, und darum haben sie jetzt so eine Eentrale für die Wohlthätigkeitseinrichtungen geschaffen. Sie machen's den Armen jetzt bequem. Früher mussten sie sich durch alle Vereine, Stiftungen, Eommissionen durchschnorren. Jetzt können sie an einer Stelle ihren Jammer abladen. Das gibt doch eine bessere Uebersicht, und wie sagt doch der Berliner?: „Ordnung muss sind." Auch an die unglücklichen „durchreisenden Glaubensgenossen" vergessen sie nicht. Und als jüngst der Millionenetar unserer Gemeinde beralhen wurde, da sprachen sie auch von diesem Titel. Die todten Zahlen wurden lebendig. Sie begannen zu reden. Eine dumpfe, klagende Sprache. Und in die Monotonie der Verhandlung klangen quälende, verzweifelte Unlertöne hinein. Jäh-plötzlich rang es sich Bahn. Ein Etwas, das lange eingekerkert lag und das nun die Schranken durchriss. Ein Etwas, das die Herren nicht begriffen, nicht begreifen konnten oder mochten — “ ein undifferenziertes Schmerzgefühl schuf sich Lust. Und das kam so. Mir eisiger Calculatorenmiene begründete der Referent die Forderung. Früher brauchte man sür die ^durchreisenden Glaubensgenossen" OoOO Mark pro a. ho Jetzt werden 11.000 Mark gefordert. Weil man jetzt ein neues Princip durchführt. Früher gaben sie den Aermslen eine Karte bis zur nächsten größeren Station. Sollten sie dort sehen, wie sie weiter kommen. Und schließlich: dort gibl's ja auch Juden. Tie brauchen ja auch nicht ungeschoren zu bleiben. Nun aber traf es sich, dass jene nicht allzu fern von Berlin gelegenen Gemeinden mehr und mehr verarmten. Ter Zug in die Großstadt! Tie Petitionen regneten nur so aus die Berliner Gemeinde herab. Das Schreckbild, das man verscheucht wähnte, tauchte immer wieder auf. Und so beschlossen die Herren, jene „Durchreisenden" fortab möglichst bis zur Grenze zu „schicken"; vielleicht auch weiter. Zu schicken?... Glicht abzusch leben??! „Aus den Augen!" so denken die Herren. Ob auch aus dem Sinn, timt is tlie que.-noi.. Prof. Tr. Lew in — der rechte Typus jener Männer, die am Eingangsthor des Zionismus stehen, aber die Klinke nicht finden können, die sie suchen — empfand mir Bitternis die Halbheit der Bestimmungen: „Meine Herren, was soll denn das heißen, unsere Brüder so weit wie möglich zu befördern! Wo liegt denn für uns Juden die idiima Thule? Wir müssen darnach trachten, unseren Brüdern die Möglichkeit des Wurzelfasfens zu geben. Sie müssen aufhören, in der weiten Welt umherzuflottieren!" Ter Vorstandscommissär halte dafür nur ein Achselzucken: „Ja, was sollen ivir denn machen? Wir können sie ja nicht ins Ausland schicken. Und dann?... Wer Schiffskarten hat, den bringen wir bis zum Hafen." Ein anderer Redner bat, diese letzten Worte um des Himmels Willen nicht zu verbreiten. „Was soll daraus werden? 'Diese Menschen werden die größere Unterstützung als eine Prämie betrachten." Ein tiefes Schweigen lastete aus dem Saale. Selbst der temperamentvolle Professor Lewin schwieg. Er sagte sich wohl auch: Was sollen wir denn machen? Und das unsäglich trübselige Bewusstsein völliger Machtlosigkeit, auf d i e s e m Wege etwas zu leisten, das sich in der peinlichen Stille zeigte, erhielt noch eine gründliche Stärkung: Ein alter Herr, der ergraut ist in den Liebeswerken sür unsere unglücklichen Brüder, machte die nüchterne Bemerkung: „Ich wollte nur noch darauf Hinweisen, dass in letzter Zeit die Zahl derjenigen, die nach Amerika gehen, ungleich geringer ist, als jener, die in ihre alte Heimat sich zurückbegeben."-Die Herren riefen hocherstaunt: „Hört, hört!" und .. . traten in die Berärhung der Beköstigung jüdischer Zuchthäusler und Gefangener an den hohen Festtagen ein. Wir sind nicht so glücklich, wie die Herren Repräsentanten der jüdischen Gemeinde Berlins. Unser Blick bleibt hasten an jenem düsteren Bild — ein feuchter Blick! Und unser Herz kann sich nicht losreißen von jenen flottierenden Brüdergestalten, die von Land zu Land — moderne Ahasvere — wandern, und die noch nicht Wurzel gefasst haben — in den Zuchthäusern!... Auch wir wollen die Judenthräne trocknen, Judenelend mildern. Aber wie es sich für Schwache geziemt! Der Starke achtet es gering, nach Schillers Wort, die kleine Ouelle zu verstopfen, weil er dem Strome mächtig wehren kann. Weil wir dieSchwachen sind, darum müssen wir die Quellen jüdischen Leides verstopfen. Mählich, aber mir der Gewalt des Naturgesetzes bricht sich dieser Gedanke Bahn. In negativem Sinne zunächst noch. Das heutige Wohlthätigkeitssystem hat seinen Bankerott erklärt. Jene Berathung in der Repräsentanz hat zwar kaum zehn Minuten gedauert; aber sie hat ein Schauspiel geboten ' mit weiter, wolkiger Perspective. Das Schauspiel war eine Tragödie. Es konnte den Titel führen: „Die Tragödie der jüdischen Wohlthätigkeit." Zweitausend Jahre mühten sich unsere Besten, das Maß der Judennoth zu leeren, auszuschöpfen. Und man schöpfte fort und fort, und doch wollte das Maß des Elends nicht weniger werden. Wie kam das nur? Langsam dämmerte die Lösung der Räthsel herauf. Man raunte sie sich in die Ohren. Zunächst. Tann aber schrie man laut und verzweifelt hinaus in die Welt: „Womit wir geschöpft, die Becher, sie sind ja durchlöcherten Bodens!" Das war eine tragische Erkenntnis. Es sollte noch tragischer werden. Wie ein Fluch lastete es auf unseren Wohlthätern. Sie wussten ja den Schöpfbecherdurchlöchert — und doch, sie schöpften damit weiter, resigniert: „Was können wir denn machen?" An das Wort der unglücklichen Medea muss ich denken: „Video nieliora proboque; deteriora sequor.* („Ich sehe das Bessere und erkenn' es auch an; aber dem Schlechteren folge ich doch!") Einst durften sie sich sagen, dass in der neuen Welt auch den Juden des Ostens eine neue Welt erstehen würde. Dort glüht eine andere Sonne, dort leb: die Freiheit. Einst sangen die Braven dithyrambische Hymnen auf Amerika, das Neuland für die Verfolgten. Sie fangen mit tönender Stimme, und die Fanfaren schmetterten. Heute versuchen sie auch noch das Hohelied amerikanischer Freiheit — zumal für die Juden — zu singen: die Fanfaren sind verstummt und die Stimmen klingen krächzend, als ob die -Kehle eiserne Faust zuschnürle. Amerika ist das Land der Riesenschrittentwicklung. Es har in hundert Jahren erreicht, wozu Europa Jahrtausende gebraucht. Die neue Welt ist eine alte geworden, fast eine ältere... Das Gespenst der Judenfrage gehr dort um, nicht mehr um die mitternächtliche Stunde. Es schreitet am hellen Tage durch die Broadways. So lange hat man abgeschoben, bis sich im Eastend New-Porrs ein Elend auigchäufl, das 000.000 Menschen umspannt. Aus ihrer Welt sind die armen Brüder gerissen, und in der neuen fassten sie nicht Wurzel. Nicht nur materiell! Sie sind geistig heimatlos geworden. ES ist ein Jammer, denn die Treibhauspflanzen jüdischer Wohlthätigkett gehen zugrunde, wenn sie der rauhe Hauch der Wirtlichreit erlasst. 'Eure tiefe Sehnsucht durchwühtt diese armen Ver)ucysvbjecte jüdischer Wohlthätigkeit. «ie sehnen sich heun in ihr altes Ghetto, nach Rrpsland und Polen, nach Galizien und Rumänien, in ihr altes Leid. Wohin sind wir gekommen: Sehnsucht nach dem Leid! Ja, die jüdische Wohlthätigkeit! Das jüdische Herz! Ter Sturm der Zelten hat es nicht tangiert. Es weint nur den unglücklichen Brüdern; es blutet, wenn ein Schmerz den Volksgenossen zermürbt. Und doch ist unser Elend nicht gestorben. Alan gab dem Einzelnen, was ihm gebürte: Z'dokoh. Aber dem Volke hat man vertagt, was dem Volte gebürt. Ni an gab auch ihm Z'dokoh. „Aber einem Volke" — sagte Herzl in der Berliner Versautmlung — „kann man nicht nur Wohlthätigkeit helfen. Durch Wohlthätigkeit wird die Bettelei nicht vermindert, sondern vermehrt." Uns thut Anderes noch! „Werst ihn hinaus! Er zerreißt mir das Herz!" Das ist Euer Leitsatz, jüdische Wohlthäter. Abschieden — und damit wollt Ihr dre Judennoth, das zweilausendjährige Leid löschen? Sjaiiclu tsiuipbcuas! rs Tribüne. Sei): geehrter Herr Docior'. Das bescheidene Verdienst, dem ersten jüdischen Sludentcnvereine an der k. k. Universität in Wien den Slawen „Vorwärts!" gegeben zu haben, nehme ich für mich in Anspruch. Smolensky übersetzte ihn in's Hebräische. Die Sitzung fand im Unken Hinler stübchen des kleinen Wirtshauses nächst dem Dianabade ftcxtt. Hochachtungsvoll Dr. Friedr. S. Krauß. Geehrter Herr Redacteur! Anlässlich des 30. Semester-Jubiläums der „Kadimah" beabsichtigen die alten Herren der Verbindung, eine Geschichte der «Kadimah" herauszugeben. Wir erlauben uns, an alle Herren, welche der „Kadimah" jemals angeh örten oder nahestanden, die Bitte zu richten, uns bei diesem schwierigen Unternehmen gütigst zu unterstützen, indem sie ihre Erinnerungen über ihren Aufenthalt in der „Kadimah" schriftlich fixieren und das Resuttat so rasch als möglich Herrn Dr. N. Birnbaum, II., Rembrandrstraße 11, einsenden. Von