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Die Welt · 1898-04-07 · 14 (7.4.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
14 (7.4.1898)
Article
Gemeinbürgschaft
Date
1898-04-07
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 14 Seite 3 Gemeinbürgschaft! Es ist kein anmuthiges Wort, aber was es bezeichnet, ist eine gute Sache. Bücher haben ihre Schicksale, Worte auch. Bei den Geschicken^von Büchern halten wir uns nicht auf; es ist davon genug erzählt worden. Nur zwei besonders ausfallende Beispiele — zum Zwecke der Illustration, wie die Juristen sagen — wollen wir citieren. Arthur Schopenhauers epochemachendes Buch „Die Welt als Wille und Vorstellung" blieb dreißig Jahre fast völlig unbekannt; dann wurde es plötzlich einem ganzen Zeitalter zum Evangelium. Max Stirner, recte Caspar Schmidt, war trotz seines Buches „Der Einzige und sein Eigenthum" vier Jahrzehnte verschollen und vergessen, jetzt ist er zahllosen Leuten ein Heiliger und sein Buch ist ihnen ein wahrer Katechismus. Mit dem Schicksale des Wortes Gemeinbürgschaft verhält es sich nicht anders. Es war ursprünglich ein Juristen-Terminns mit festgefahrener Bedeutung und gehörte in die Sippschaft jener schwerfälligen Zusammensetzungen, in denen gemein bald mit allgemein und bald mit gemeinsam identificiert ist. Gemeiurecht, Gemeinsprache, Gemeinsinn, Gemeinwohl, Gemeinplatz sind von dieser Familie. Plötzlich aber, man kann nicht sagen, wie und wann, erhielt das vierschrötige Wort Gemeinbürgschaft einen politischen Sinn, einen nationalen Stempel, und jetzt ist es im Parlament, in den Zeitungen täglicher Stammgast; es bedeuret in seiner neuen Ilmprägung durch die Deutschen Oesterreichs: Alle für Einen, Einer für Alle! Es ist nun nicht unsere Sache, der Gemeinbürgschaft der Deutschen in Oesterreich das Horoskop zu stellen: wir wollen auch nicht auf ihr Beispiel reslectieren, denn sie hat Voraussetzungen, die nicht die unseren sind. 'Aber ein Ideal von Gemeinbürgschaft schwebt auch uns vor, von einer Gemeinbürgschast, die sich überallhin erstrecken sollte, wo Juden wohnen, und in der Stimmung, in welche uns das Passahfest, das Fest der überstandenen Bedrängnis, versetzt, dünkt uns nichts naheliegender, als von der jüdischen Gemeinbürgschaft zu reden, die noch nicht vorhanden ist, aber zu welcher der Zionismus das lebenskräftige Saatkorn ausstreut. Ter Zionismus ist der Beginn der jüdischen Gemeinbürgschaft, die international sein wird in geographischem, aber national in jedem anderen Betracht. Wir dürfen uns in dieser Gewissheit weder durch die Protestierenden, noch durch die Resignierten beirren lassen; als Volk haben wir in Mizraim gelitten, als Volk haben wir durch zweitausend Jahre sehnsüchtig unserer Vorfahren gedacht, welche von der pharaonischen Geißel befreit wurden, und nur als Volk können wir unseres Daseins wieder froh werden, nach den ungeheueren Bitternissen der Zerstreuung, derengleichen in aller Geschichtsweite es nimmer gegeben hat. Lange hatten wir verlernt, uns als Volk zu fühlen. Die Heimat lag uns so sern wie das Glück, und schließlich wurden wir, wie es Heimat- und Glücklosen oft genug ergeht, so stumpf und so genügsam, dass wir ein Bischen flüchtigen Sonnenscheins, wenn es uns ins Fenster schlüpfte, mit dem Glücke, und jede Scholle, auf der man uns duldete, mit der Heimat verwechselten. Wir wurden am Ende sogar bettelstolz in der sremden Livree, als man uns gestattete, uns als verfassungsmäßig berechtigte Staatsbürger zu fühlen, unter der Bedingung nattirlich, dass es uns nicht beikäme, etwas Anderes unter uns zu pflegen als die Gemeinschaft des Glaubens. Das thaten wir denn auch unter uns, sehr unter uns, als „anerkannte Religionsgenvssenschaft", bis wir eines Tages nahe daran waren, den Glauben der Väter um das Linsengericht unverbürgter staatsbürgerlicher Vollbürtigkeit dahinzugeben. ' Da nun schlug die Smnde des Zionismus, welche die Selbstbesinnung ist. Glicht mehr und nicht weniger. Und gewiss, wer sich auf sich selbst besinnt hört auf, in widernatürlicher Verähnlichung mit den Andern sein Heil zu suchen und der „süßen (Gewohnheit des Daseins" zuliebe fatalistisch hinzunehmen, dass die Anderen ihm den Willen zur Verähnlichung als dolvse 'Aufdringlichkeit auslegeu. Es ist der Fluch der Heimatlosigkeit, dass sie entnervt, abstumpft, zerreibt. Wann wird dieser Fluch von uns Allen genommen.sein? Tie Frage ist an Alle gestellt, an diejenigen zumal, bei denen noch Vorsicht der bessere Theil der Tapferkeit ist. Beachtenswert aber wird sie erst an dem Tage sein, an welchem die jüdische Gemeinbürgschaft etabliert ist, die selbstverständlich nur eine nationale sein kann. Was wäre denn sonst zu verbürgen außer der geschichtlichen Continuität, die uns als Volk mit unseren Anfängen verknüpft, und die nicht in synagogalen und lithurgischen Bräuchen und Ceremonien, sondern in unserem Blute fortlebt? Nur dem seichtesten Rationalismus können die großen idealen Zusammenhänge unverständlich sein, die in uns wieder lebendig geworden sind. Als Rabbi Jochanan sich in einem Sarge aus dem belagerten Jerusalem hinausschmußgeln ließ, um von Vespasian die Erlaubnis zur Gründung einer Talmudschule in Jamnia zu erbitten, schuf er seinem Volke die Möglichkeit, sich im Lehrhause aufrechtzuhalten, bis die Zeit gekonimen wäre zur nationalen Wiederauferstehung. Wem kommt dabei nicht in den Sinn, dass es wie ein seiner Vollendung zustrebeuder Kreislauf ist, wenn jetzt die Mission Jamnias znrückwirkeu soll dorthin, wo Rabbi Jochanan sie begann, um durch die Erhaltung der Lehre den Fortbestand der nationalen Gemeinschaft zu sichern? Und wer will leugnen, dass kleinmüthiger Verzicht im klaffenden Widerspruche sein würde mit Allem, was unsere Lehre und unsere thränendurchströmre Geschichte predigen'. Oft ist uns eine schöne Anekdote durch den Kopf gegangen, welche der Talmud enthält und die der Stimmung des Passayfestes eine sehr bedeutsame Richtung zu geben vermag. Ermattende Schwüle herrscht im Lehrhanse; es ist ein heißer Sommertag. Ein alter Lehrer erörtert eine sehr verwickelte Gesetzesbestimmung, aber über seiner gründlichen Untersuchung ist allmälig das gesummte Auditorium eingenickt. Um die Schläfer zu wecken, ruft der Greis so laut er vermag: „Es nun* in Egypten eine Frau, die auf einmal sechshuuderrtauseud Männer zur Welt brachte!" Tie Schläfer recken sich ungestüm in die Höhe. „Wer war diese Frau?" fragen sie durcheinander, sich die Augen reibend. Und der greise Lehrer erwidert gelassen: „Tie Frau war Jochebed, die Mutter des Moses, der allein jene sechshunderttausend bewastuete Männer aufwog, die aus Egypten auszogenTie Nutzanwendung übertragen wir 'Allen, welche sie angeht. Aus dem schweren, ermattenden Schlafe, in den uns die furchtbare Schwüle unseres Schicksales versetzte, weckt uns der Nus zu nattonaler Wiederauferstehung. Und voller jedenfalls, zuversichtlicher und erfüllungsfreudiger klingt diesmal in frommen Judenhäusern am Passahfeste die Losung: „Zum künftigen Jahre in Jerusalem!" Sie ist nicht mehr ein resignierter Seufzer, der ungehört verhallt, nicht mehr ein irres Lallen im Traume. Der Athem der Wirklichkeit durchweht sie. Und wenn heute noch unsere Gemeinbürgschaft nicht errichtet ist, morgen wird sie da sein. Gott zürnt nicht ewig. & Abschieden: Von Theodor Zlocistr. Ein düsteres Bild zieht mir vor die Seele. Dunkel umrandet. Armselige Auswanderer wollen Unterstützungen. Es sind müde Gesellen. Der Bart ist zerzaust, und das Haar ist wirr, und die Kleider zerlumpt. Weib und Kind führen" ste mit sich. Und sic alle reden ein krauses Idiom, aus dem nur hin und wieder ein annähernd reindeutsches Wort herausklingt. Sie weinen und ringen die Hände. Aus altem Heim sind sie vertrieben. Plötzlich. Oder sie kehren zurück aus der neuen Welt, um wieder die alte aufzusuchen . .. Am Tisch im Bureau der Armencommission — der Tisch ist natürlich mit grünem Tuch bezogen — steht gelangweilt ein Beamter. Gott, das hört er jeden Tag zehnmal. Erst lässt er die Leute warten, dass sie in banger Erwartung schier vergehen. Tann fährt er sie an, oder er redet freundlich mit ihnen, just wie seine Laune es eingibr. Einmal — ich hatte den schmerzhasten Genuss, einer solchen Scene beizuwohnen — gab so ein armer Teufel einen hebräischen Empfehlungsbrief ab. Mil dem Amtssiegel des Rabbiners von . . . Wie der Name dieses russisch-polnischen Nestes bien, wein ich nicht mehr. „Wenn Sie 'nen hebräischen Brief bringen, werden Sie überhaupt rausgeschmissen," sagt drakonisch der Mann von der Armencommission. Natürlich gehl's so blutig nicht ab. Der „Polakkc" kriegt ein paar Mark und sein Eisenbahnbiller. Das hcitzl: er bekommt das Billel nicht gleich. Er muss am selben Tag oder am nächsten sich an dem oder jenem Bahnhof cinsinden. Und da kommt der

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