Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 14 (7.4.1898)
- Article
- Völkerfrühling
- Date
- 1898-04-07
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 j*$*r Nr. U „Dies Jahr feiern wir hier das Fest als Knechte, zum kommenden Jahre aber als freie Männer, kommenden Jahres in Jerusalem!" Das ist unsere Hoffnung in diesen Tagen. & Die Woche. Wien, 6. April 18S8. Die Rührigkeit der ausländischen Antisemiten hat auch bei uns den Schaffensdrang geweckt. Namentlich das leuchtende Beispiel der Rumänen und Franzosen dürfte es gewesen sein, das den legislatorischen Ehrgeiz unserer antisemitischen Abgeordneten reizte, und so wurde denn kürzlich ein Antrag „aus den Tisch des Hauses" niedergelegt, der sich mit dem Einwanderungsverbot für Juden beschäftigt. Diese erste That des praktischen Antisemitismus wird dem Tisch des hohen Hauses sicher zur Zierde gereichen. Nur eines mutbet uns an diesem Gesetzantrag wie unbewusste Ironie an. Man geberdet sich in diesem Tocument, als sollte den Inden die Pforte des Paradieses geschlossen werden, als sei es das Elysium, das man ihnen verbietet. Ob das nicht doch ein wenig übertrieben ist? Gar so himmlisch werden es die armen Teufel, die sich ans russischen und rumänischen Verfolgungen hieher flüchten, doch nicht finden. Und ob sie die Gesinnungsgenossen Schneiders und Gregorig's für Engel halten können, mag man sich selbst beantworten. Wieder werden von diesem beantragten Verbot nicht die sesshaften in behaglicher Wärme eingebürgerten Juden getroffen, sondern nur die ärmsten der Armen, die Flüchtlinge, die mit der Sehnsucht nach einer Heimat im Herzen von Scholle zu Scholle getrieben, immer aus dem Regen in die Traufe kommen, man mag ihnen Landesgrenzen verschließen oder öffnen. Weil man in Wieliczka — immer nach rumänischen, französischen und algerischen Mustern — die Juden misshandelt und geplündert hat, fand der Staatsanwalt von Krakau, dass es genug sei der Aufreizung und confiscierte eine kleine Hetzschrift. Nun beschuldigt man die brutalisierten Juden in Wieliczka, dass sie die österreichische Pressfreiheit knebeln. Es ist sonderbar, wie rasch man an die Feblbarkeit von Beamten glaubt, wenn sie für die Juden entscheiden, und wie stolz man auf die unabhängige Gerechtigkeit ist, wenn gegen die Juden geurtheilt wird. Der Caffationshof in Paris hat das Urtheil gegen Zola aufgehoben. Rein juristische Gesichtspunkte dienten dieser Entscheidung zur Motivierung. Das ist an sich eigentlich recht geschickt. Man nimmt Zola sein Märtyrerthum, und lässt im Uebrigen alles beim Alten. Die Berathungen des Kriegsgerichtes die jetzt angeordnet werden, schieben sich dann lange hinaus, so gewinnt man Zeit, und vielleicht erweist der unbegreiflich zähe Dreyfus seinem Vaterland inzwischen noch den letzten Dienst und stirbt. Alles wäre gut gegangen, hätte der Senatsprocurator Manau in seiner Rede vor dem Cassationshof nicht ein tiefes Compliment vor Zola und seinen Genossen gemacht. Indem er ihren guten Glauben anerkannte, aus die Makellosigkeit ihres Lebens, auf den Ruhm, den sie Frankreich gebracht, hinwies, sprach er ein vernichtendes Urtheil über alle, die jetzt gegen Zola, Picquart und Clemenceau Hetzen, und erschütterte auch die Autorität der kriegsgerichtlichen Erkenntnisse über Dreyfus und Eszterhazy. Auf's höchste gereizt fallen "mm die antisemitisch-roy alistisch - eszterhazysch-gesinnten Parteien über den Senatsprocurator her. Aber Manau steht im achtzigsten Lebensjahr — also jenseits aller Maßregelungen. Tiefer Greis allein, der dem Tode in's Auge sieht, und vom Leben nichts mehr erwarten kann, durfte es wagen, in Frankreich die Wahrheit zu sagen. Wenn man wirklich unbeeinflusste Richter sprechen lässt, dann kommt die Wahrheit zu Tage. So lange hat Herr Mercier geleugnet, das Kriegsgericht gegen Dreyfus beeinflusst zu haben. Und nun beweist Clemenceau, dass es einige französische Generale gibt, welche diese angenehme Gewohnheit haben. Er beschuldigt den General Billot der versuchten Einflussnahme auf den Caffationshof, und führt viele Zeugen dafür an. Wenn es jetzt noch nicht am Tage ist, mit welchen Mitteln Dreyfus zum Berräther gestempelt wurde, dann wird man in Frankreich nie mehr zum Bewusstsein kommen. Der Zufall will es, dass zugleich mit dem Urtheil des Cassationshofes neue Details über Eszterhazy bekannt werden. Es wird ihm nachgewiesen, dass er ein langjähriger Documenten-Lieferant für's Ausland gewesen, ja dass er noch Documente lieferte, als Dreyfus schon auf der Teufelsinsel war. Nichts macht die Aufopferung Dreyfus' erschütternder, als der Gedanke, dass der Verrath andauert, während der vermeintliche Berräther die grausamste Rache erdulden muss, die jemals ein Volk an einem Einzelnen geübt. Nun wurde auch der Schleier von der verschleierten Dame gehoben, und man erblickt — zwei Officiere darunter. Ter galante Nimbus, der die Eszterhazy-Rettung umgab, ist zerstört. Vielleicht erfährt man noch die Namen jener Officiere, die Eszterhazy sicherstellten, als er mit dem Revolver in der Hand von dem stemdländifcheu Diplomaten Discretion erzwingen wollte. Tie Woche der ungesäuerten Brote naht heran, das Fest des Auszuges aus Egypten. Groß ist Mizraim jetzt geworden, das Land der Knechtschaft, es dehnt seine Gemarkungen über ganz Europa, und bis in die neue Welt reichen seine Colonien. Wo immer aber in diesen Tagen jüdische Lippen den alten Spruch beten: „Gelobt seist Du, Ewiger, mein Gott, der mich hinausgeführt hat — —", da erwacht allmälig die hoffnungsvolle Zuversicht in die tausendjährige jüdische Energie, die nur voll zu erwachen braucht, um wieder herausgeführt zu werden aus dem Lande der Knechtschaft, die Zuversicht zu dem alten mächtigen Willen nach Befreiung, der trockenen Fußes durch die Meere schreitet. ü (Srnmnbiu-gldiaft Eine Paffahbetrachtung von O. Erter. Am Vorabend des Paffahfestes gibt es in jedem frommen Judenhause ein umständliches Festmahl. Bevor die Speisen aufgetragen werden, liest der Hausherr den um den Tisch versammelten Familienangehörigen die Erzählung von dem Auszüge Israels aus Egypten vor, symbolische Zuthaten kostend, welche an die Leiden in Mizraim erinnern, und am Schlüße ertönt, gleichsam wie ein lautes Aufathmen, der Ruf: „Zum künftigen Jahre in Jerusalem!" Das ist heute noch so, wie es vor tausend und fünfhundert Jahren war; der unauslöschlichen Sehnsucht lässt sich nicht gebieten, und alle symbolische Deutelei kann daran nichts ändern, dass in dem Rufe „Zum künftigen Jahre in Jerusalem" und in der schauernden Erinnerung an die egyptischen Plagen sich die nationale Continuität der Juden ausdrückt. Man kann sie verleugnen, aber man kann sie nicht leugnen. Und man begnügt sich gleichwohl nicht damit, sie zu verleugnen: man leugnet sie auch. Das Ideal einer jüdischen Gemeinbürgschaft liegt noch im Nebel, obgleich zu seiner Verwirklichung doch viel realere Gründe drängen als diejenigen, welche die Gemeinbürgschaft der Deutschen Oesterreichs bewirkt haben. Die Deutschen Oesterreichs stellen sich in Reih und Glied, um ihre nationaleu Güter zu vertheidigen; haben die Juden nichts zu vertheidigen, erleiden sie keine Anfechtung, ist es die „beste aller Welten", in welcher der Antisemitismus den Staat, die Gesellschaft, das Recht durchwuchert?