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Die Welt · 1898-04-07 · 14 (7.4.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
14 (7.4.1898)
Date
1898-04-07
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Reu begrünt sich die Erde, auf den Wiesen sprießen die Veilchen, in den Feldern steigen die Lerchen und der Wald legt sein Sommerkleid an. Auch in den Menschen sprosst neue Freude, und selbst Faust, der rast- und friedlose, fühlt etwas vom alten, längst vergessenen Kinderfrieden in seine Seele einziehen beim Klange der Osterglocken. Ist doch Ostern das Fest der Auferstehung des Menschen wie der "Ratur, das Fest, an dem Verzweiflung sich mildern, untröstliche Trauer sich zu milder Wehmulh verklären und neue Lebenshostnung in gebrochene Herzen einziehen soll. So feiert die christliche Welt das Osterfest. Aber in die allgemeine Fröhlichkeit tönen dumpfe, gequälte Laute, Stöhnen der Angst und Schreie der Verzweiflung. Bald im Norden, bald im Süden, in Tisza-Eßlar und Corsu oder kanten am Rhein zittern die Parias der europäischen Gesellschaft vor den Pöbelhorden, denen der Blutaberglauben den Vorwand zu Mord und Plünderung gibt. So sieht die Cultur am Ende des 19. Jahrhunderts aus. Und wir erinnern uns der Vergangenheit. Wie oft, in früheren Jahrhunderten, wenn die Osterglocken von Frieden und Freude sangen, klang es unseren Vorfahren in die Ohren wie die Sturmglocken, die zur „Judenschlacht" riefen, zu namenlosen Gräueln. Wenn alles in Frühlingsfreude im Grünen sich ergieng, so schloss man das Ghetto und prügelte die unverschämten Juden tobt, die sich erkühnten, auch an Gottes Natur sich erfreuen zu wollen, denn „Wo ein grüner Halm, da kein Jude", hieß es im Lande. Oder man holte die Aeltesten der Gemeinde aus dem Ghetto und ließ sie, wie in Rom, vor dem Pöbel aus dem Corso Wette lausen, aber erst an dritter Stelle; zuerst kamen die edlen Pferde, dann die Hunde, zuletzt die Juden als die niedersten Lebewesen. Welch blutige Thränen haben die Osterglocken verschuldet, wie vielen Tausenden ehrenhafter und friedlicher Bürger haben sie vorzeitig zu Grabe geläutet. Und das waren unsere Väter! Und doch haben diese Männer, in ständiger Todesgefahr von Bosheit und Rohheit bedroht, auch ihr Passahsest gefeiert, haben es gefeiert mit einer Inbrunst, wie es die Christen um sie her nicht thaten, feierten sie doch ihre einzige Hoffnung, auch ein Auserslehungssest, das Fest der Erlösung aus der Knechtschaft, das Fest der nationalen Wiedergeburt. Auch uns, den Nachkommen, ist das Fest heilig, weil uns die Hoffnungen heilig geblieben sind, die unsere Väter daran geknüpft, die Hoffnung, dass wir einst aus eigenem Boden wieder werden Menschen sein dürfen. Die deutsche Volkssage lässt Faust, das Sinnbild des suchenden, strebenden Menschen, am Ostertage ein neues Leben beginnen. Glück will er nicht finden, das ist dem Menschen unerreichbar, wohl aber Zufriedenheit. Er sinder sie nicht im wilden Lebensgenuss, nicht im Liebesrausch, nicht im Taumel der Macht und nicht im ungehinderten Verkehr mit der übersinnlichen Welt. Faust findet den Frieden mit sich selbst, indem er für andere schafft, indem er das Land urbar macht und mit lebensfrohen, arbeitsamen Menschen bevölkert. Er möchte „mit freiem Volk aus freiem Grunde stehen", dann hat er sein Ziel erreicht. Auch wir Juden sollten ein wenig vom großen Goethe lernen, wie man Zufriedenheit erringt, wir, die ja auch so lange in Moderlust unter Urväter Hausrath gehaust, wir sollten hinaustreten unter die übrige Menschheit, sollten unfern Theil am Leben im Hellen Frühlingslichte und ein Eckchen von der Well verlangen, die ja für Eulturbestrebungen noch ein recht ergiebiges Feld bietet. Wenn das jüdische Volk dereinst seine "Auferstehung feiern wird im Lande der Väter, dann wird das Passahsest ein reines Fest der Freude sein, ein Fest, an dem Niemand bebt und zagt, auch der Fremde nicht. Tenn wir werden uns an diesem Tage erinnern, dass wir einst selbst Fremde gewesen sind, dass wir gebebt und gelitten haben und uns selbst erlöst. Vielleicht werden wenige von denen, die heute Mitarbeiten am großen Werke, sein Ende schauen. Vielleicht müssen die meisten von uns sich begnügen, wie Faust, vorahnend die Erfüllung des Lebenstraumes zu sehen. Aber im Streben nach dem Gelingen werden sie Zufriedenheit finden, die Zufriedenheit eines Lebens, das einer großen Idee gewidmet war. Glücklich wären unsere Väter gewesen, hätten sie den Anfang gesehen, glücklich sind wir, die ihn sehen tonnen Tie Worte der Hagada, die man früher sehnend und in gläubiger Zuversicht am Sederabend aussprach, die Worte, in welche sich zweitausend Jahre lang die Auserstehungshoffnung der jüdischen "Ration gekleidet, sind zu neuer Bedeutung erwacht. Und wenn uns trübe Stimmung beschleichen will beim Betrachten der Vergangenheit und der Gegenwart, wollen wir uns der Worte erinnern:

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