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Die Welt · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Article
[Kommentar] / A. W.
Date
1898-04-01
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 Nr 13. selben Platz geben". So oder ähnlich lauten die fast täglich einlangenden Zuschriften der Vertreter (oder die sich für solche Haltens der verschiedenen zeitgenössischen Strömungen innerhalb der Judenheit. Weiter erklärt „Woschod": „Wir sind nur unparteiisch und daher diese angebliche Eonnivenz gegen die Ansichten der Schriftsteller der anderen Richtung, eine Eonnivenz, die sehr viele, wenn nicht als Wandlung, so doch als Schwanken in principieller Hinsicht auslegen." „Man ist bei uns diese Unparteilichkeit bei Beurtheilung der Gegner nicht gewohnt, noch weniger das Hervorheben von Lichtseiten in den" gegnerischen Programmen. Gerade diese letztere Eigenschaft geht den Reubekehrten des Zionismus am Ultranationalismus ab." Es genügte die Rede von Max Rordau zu bringen, einige grundlose Anwürfe und Beschuldigungen gegen den Baseler Eongress zu widerlegen, einige Worte über die unleugbaren Verdienste der Nationalisten fallen zu lassen, um diesen Träumern, die Phantasien für reale Dinge annehmen, angereiht zu werden. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir gleich hinzufügen: Wir sehen die Glanzseiten des Zionismus, des Ultranationalismus nicht in dem Wesen dieser Bestrebungen, sondern in dem idealen Zug, von'dem sie getragen werden. Mögen diese Ideale unerreichbar bleiben, diese Träume unrealisierbar, das Streben nach dem Ideellen allein ist in unserem realistischen Zeitalter etwas. was auf Seelenadel und Gemüthswärme schließen lässt. Das ist der Grund, warum auch die Gegner dem Zionismus ihre Sympathien nicht vorenthalten können, ohne ihren Grundsätzen untreu zu werden." „Woschod" schließt programmatisch: „Wir hegen nach wie vor die tiefste Ueberzeugung, dass das Wohlergehen der jüdischen Masse nur in der russischen Heimat möglich ist, durch Anlehnen an die russische Eultur in ihren besten Erscheinungen bei gleich z eiliger Vervollkommnung (!) der inneren Seiten des Judenthums und Pflege der jüdischen Literatur, Wissenschaft und Geschicht e." Wie sich „Woschod" den Eiertanz zwischen der russischen Eultur und der „Vervollkommnung der inneren Seiten des Judenthums :c." denkt, das sieht unserer alten Bekannten, der Assimilation, verteufelt ähnlich. Die „Nichtträumer" an der Newa, die aus der Geschichte nichts lernen, wollen also russischen Juden die Erfahrungen ihrer westeuropäischen Brüder nicht zugute kommen lassen. Für uns, „die Träumer" in Oesterreich und Deutschland, Frankreich und England, jenseits des großen Wassers und am meisten in Russland, bleibt nur der einzige Trost, dass auch unsere Gegner uns die mi^on d'et.re nicht versagen können, was wohl bei keiner Träumerei der Fall ist. Wir wollen noch weiter die Glanzseiten unseres Programmes cultivieren. Die Zeit wird die Idealisten aus dem gegnerischen Lager auch zu uns bringen. A. W Der Anligoyisrnus in Zion. Von Jacques Bahar* *). Brief des Specialcorrespondenten der „Algier. Eolonial Jerusalem, 28. August 1 ‘.f'X Ein Sensationsproeess. Wie Ihnen gestern bereits meine Kabeldepesche angezeigt hat, ist heute der Tag, an dem vor dem Gerichtshöfe des großen Synhedrions von Jerusalem die Verhandlungen des Sensativnsprocesscs begonnen haben, der ganz Palästina in Ausregung versetzt. Ter Gegenstand des Processes ist übrigens ein ganz einfacher. Es handelt sich um die gerichtliche Verfolgung des Ehefredactenrs des Journales „Der A n t i g o y i ft" ***), namens Jfaac Nalhanicl Vierirwnd, der angeklagt erscheint, den Directvr der jerusalemitischen Ban- und Transportgesellschaft, den Grasen von Heiligenftätten, verleumdet zu haben. Tiefer Publicift, der über ein gewisses Talent verfügt, besonders auf dem Gebiete der Beschimpfungen und Erdichtungen, der in der Kunst der Travestie der Geschichte für den Gebrauch der Ungebildeten Hervorragendes leistet, hatte in einer heftigeit Prcsscampagne Herrn von Heiligenftätten beschuldigt, mit Hilfe eines Sduiucluui — ein hebräisches Wort, das „Bestechung" bedeutet — den Admiral Pahakob di San Torpedo, den Abkömmling einer alten spagniolisch-jüdischen Familie und palästinensischen Marineminister, für seine Zn'ccke gewonnen zu haben. Während aber in nuferen Ländern die Masse des Volkes sich im 'Allgemeinen auf Seiten des Verleumders zu befinden pflegt, ist die Bevölkerung Jerusalems Viermond besonders feindlich gesinnt. Nicht nur ihm, sondern auch der nuinerisch geringen aber sehr thätigen Partei der Antigoyisten, und zwar aus schwerwiegenden Gründen, welche mein Brief später noch erläutern soll. Um Ihren Lesern die Wichtigkeit klar machen zu rönnen, die man hier dieser Affaire zucrkennt, bin ich gezwungen bis auf den Ursprung des palästinensischen Judenftaates zurückzugehen. Der zionistische Staat. Als die Juden vor etwa hundert Jahren das Land ihrer Väter wieder in Besitz nahmen, kamen sie in dasselbe bereits mit einer einheitlichen Religion und einer entsprechenden Consti¬ *) Anmerkung der Redaction: Wir entnehmen dieses launige Phantasiestück dem Pariser „Siäcle" vom -2<>. März c. und den ll. Nummern. **> Ter hundertste Jahrestag des l. Baseler Eongresses vom 28. August 1S97. ***) Obwohl Algier seit einem Jahrhundert keine Juden mehr unter seiner Bevölkerung hat, wird man sich in Ihrem Lande erinnern, dass Goyi oder Goi im Hebräischen die fremde Nation und in weiterer Bedeutung den Nichtjuden überhaupt bezeichnet. Der Antigoyismus würde also das Gegenstück des früheren Antisemitismus darstellen, der das Ende des letzten Jahrhunderts mit Blut befleckte. (Note des Eorrespondenten.) tution und- Gesetzgebung. Es war der 6. Tag im Monat iSiw.-m, der erste Tag des seftetznotk-Festes, der Jahrestag der Verkündigung des Decalogs am Sinai, an diesem Tage wurde das neue Gesetz vor dem ganzen versammelten Volke öffentlich kundgegeben. Man verlas da den ersten Artikel der Constitution, der eine Art Erklärung der Menschenpflichten bildet. Im Gegensätze zum Dogma der französischen Revolution nämlich, haben die Nen-Juden, von dem philosophischen Principe ausgehend, dass der Mensch schon durch seine Geburt alle Rechte habe, keines davon erst proclamieren wollen, um desto sicherer zu sein, dass sie keines vergäßen. Gerade der Declaration der Menschenrechte schrieben sie nämlich den Verfall Frankreichs zn, weil man in diesem Lande bald nur Leute sah, die immer nur von ihren Rechten und nie von ihren Pflichten sprachen. Tie Folge dieser Doctrine war, dass man in Palästina sogar den Geist der politischen Kämpfe umgestaltete. Anstatt gegenseitig für sich Rechte in 'Anspruch zu nehmen, legten sich die Bürger Pflichten aus, wobei ein jeder darnach strebte, mehr zu erfüllen als sein Gegner. Erwähnen muss ich noch die Ver kündigung des einzigen Dogmas von der Gleichheit unter allen Menschen, deren Symbol (zwei gleiche, ineinander greifende Dreiecke, die einen Stern mit sechs Spitzen darstellen) aus dem palästinensischen Wappen prangt. Es kann also nicht mehr in Erstaunen setzen, dass die Juden jede Unterscheidung der Rasse, der Religion und des Glaubens in ihrem Lande abgeschafft haben. Die Fremden jeder beliebigen 'Abstammung hatten genau die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte, wie die Eingeborenen. Die bürgerlichen Rechte wurden sogar der flottierenden Bevölkerung zuerkannt. Was die politischen Rechte betrifft, so genügte es zu ihrer Erlangung, dass man das Zeugnis erhielt, die Gesetze vollständig zu kennen und wenn man den Eid aus die Gleichheit aller ablegte. Da der größte Theil der Aemter unentgeltlich verwaltet wird und alle durch Wahlen besetzt werden, so konnte ein Fremder, wenn er gewählt wurde, ebenfalls das Opfer bringen, eine Amtsperson zu sein. Das alles war das Werk der zionistischen Encyclopädisten des XIX. Jahrhunderts. Daraus resultierte eine enorme Einwanderung von Fremden aller Länder. Im Gegensatz zu dem, was anderwärts geschah, bekam Palästina nicht den Auswurs, sondern die Elite, Natürlich; denn die Hefe der Völker, welche nur Rechte zu reclamieren versteht, versuchte es nicht, sich in ein Land zu wagen, wo nur Pflichten in Frage kommen, während die erhabenen Geister, die begierig sind, sich auszuopsern, dort eben ein weites Feld für ihr Bedürfnis nach Ausdehnung ihres Menschenfreund - lichcn Wirkens fanden. Allerdings hatten sie auch ein bedeutendes materielles Interesse, wie man zugeben muss. FeuiUetou. ')

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