Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Article
- Chief-Rabbi Dr. Gaster [Nachricht]
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S Nr 12 Chief-Rabbi Dr. Gaster ist, wie der „Jewish World" berichtet, seit einiger Zeit krank. Die Aerzte, die das Leiden lediglich auf geistige Ueberanstrengung zurückführen, haben dem Patienten für längere Zeit Ruhe und Schonung empfohlen. Baron Bela Atzel über die Tempelmauer. In einer Erwiderung auf den gegen den Hochadel gerichteten Artikel des jüdischen Schriftstellers Dr. Vagsonyi appelliert ein angesehenes Mitglied der Aristokratie, Baron AtzOl an dessen Gerechtigkeitsgefühl und erzählt dabei seine Eindrücke aus Jerusalem: „Ich war einmal in Jerusalem bei der mächtigen Steinmauer, dem einzigen Ueberreste des einstigen prachtvollen Tempels König Salomos, als dort traurige, in zerfetzte Kleider gehüllte Männer, den Kopf an die Wand gestützt, andächtig beteten. Ich beobachtete das Gesicht der alten Inden, jenes Gesicht, das Gefühl und Empfindung zum Ausdruck brachte, und horchte auf die Stimme, die gen Himmel drang. Und diese Stimme, die hier erklang, war der schönste, erhabenste Gesang, den ich je in meinem Leben hörte. Huldvolle Worte der gekrönten Häupter, das Lied der Patti's, die Schallvibrationen so mancher Demosthenese verwischten sich in meiner Erinnerung, aber diese Stimmen — niemals. Nirgend und niemals in den vier Welttheilen, nicht in der Peterskirche, nicht in der Sostemoschee, nicht in der Pagode zn Madura, nicht in dem Tabernakel der Mormonen haben die Betenden einen solch' tiefen Eindruck auf mich gemacht, wie die Thränen der armen Juden — weil ich es sah und fühlte, dass diese zitternde Stimme, der Thränenstrom aus dem Herzen gerechter Menschen kommt, aus dem Herzen, das die einstige Größe seiner Nation, die Sünden der Väter. seine eigenen Leiden mit wahren Worten, mit echtem Gefühle betrauert. Das wahre Wort, das echte Gefühl war es, das mich rührte. Dann sah ich, dass ein armer, in Lumpen gehüllter Jude einem noch ärmeren, elenderen, ein Almosen reichte. Ich, der Christ, der mit Goldstücken in der Tasche dem jüdischen Bettler nichts gab, stand nun beschämt vor dem armen Juden, der sich seines Mitmenschen erbarmte. In meiner Beschämung griff ich in die Tasche und gab mein ganzes Geld bis zum letzten Heller hin. Ich gab meine schöne goldene Uhr hin und kaufte mir eine billige Nickeluhr. Seit 16 Jahren sah niemand eine goldene Uhr bei mir. Die Nickeluhr wird mich immer an die Mauer in Jerusalem erinnern. Uud seit jenem Tage nehme ich die Nickeluhr in die Hand, wenn ich fürchte, dass ich mich von der Leidenschaft hinreißen lassen, oder dass ich ungerecht sein werde, und meine Erregung — ist vorüber. Denken Sie an die Mauer, denken Sie an meine Nickeluhr. Seien Sie gerecht und schreiben Sie niemals mehr einen solchen Leitartikel!" Das diesjährige Michael-Beer-Stipendium der Berliner Akademie der Künste, welches statutengemäß nach ausgeschriebener Concurrenz nur jüdischen Künstlern ertheilt wird, wurde dem Wiener Maler David Mos6 zuerkannt. Es betragt 2250 Mark und verpflichtet zu einjähriger Studienreise nach Italien. David Mosv hat in der letzten Jahresausstellung im Wiener Künstlerhaus mit einem Tryprichon „der Student" die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Die Juden in Buchara. Im Khanate Buchara, welches in der Interessensphäre Russlands liegt und unmittelbar au das centralasiatische Gebiet Russlands grenzt, soll den russischen Juden der Aufenthalt ebenso verboten werden, wie in Turkestan. Tie russischen Juden, die in diesem Gebiete das Aufblühen der Baumwollanpflanzungeu mächtig gefördert haben, haben auch auf die in Buchara einheimischen Juden einen wohlthätigen Einfluss ausgeübt und sie culrurell gehoben. Als den rusiischen Juden der "Aufenthalt in Turkestan gänzlich verboten wurde, siedelten sich viele in Buchara an. "Ihm sollen sie auch dieses Gebiet verlassen. Die Chaluka-Einnahmen aus Galizien betragen für das Jahr 1897 64.065 Gulden 39 Kreuzer. Wenn mau bedenkt, dass diese Geldbeträge zumeist aus Kreuzersammlungen in Geldbüchsen bei minderbemittelten Leuten zusammeulaufen, so ersieht man daraus, wie tief in unserem Volke die Liebe und Opferwilligkeit für Zion wurzelt. Aber gerade angesichts dieser großen Beträge, die sich alljährlich steigern, muss daran erinnert werden, dass eine zeitgemäße Reform des Chaluka- Weseus dringend geboten wäre, soll das Frömmler- und Schmarotzerthum allmählich beseitigt und an Stelle seiner Züchtung eine lediglich für Kranke und Arbeitsunfähige bestimmte Wohlthätigkeitspflege eintreten, während für Arbeitsfähige Werkhäuser, wie sie der Odessaer „Choveve Zion" plant, oder dergleichen Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden müssen. Aus Tunis werden Judenexceffe gemeldet. Schon seit längerer Zeit macht sich in den unteren Classen der arabischen Bevölkerung eine Gährung bemerkbar, am 26. und 27. März kam der Hass zum Ausbruch. Es fanden in der Achurgasse von Tunis blutige Zusammenstöße zwischen Arabern und Juden statt: mehrere Juden wurden verwundet, zwei Magazine von Juden wurden geplündert. Bestrafte Gxeedenten. Am 24. März fand vor dem Bukarester Schwurgerichte die Verhandlung gegen eine Reihe von Personen statt, die sich seinerzeit an den bekannten Excessen gegen die Juden bethciligt hatten. Tie Vertheidigung hob hervor, dass die Angeklagten sich nur von ihrem Nationalgefühl leiten ließen, als sie gegen die Juden excedierten. Tie Geschworenen schlossen sich dieser Auffassung vollständig an und sprachen sämmtliche Angeklagte frei. Eine Ritualgeschichte. Bor einigen Tagen verschwand in Kuttenberg (Böhmen) die 12jährige Tochter eines christlichen Bürgers, ohne dass die besorgten Eltern eine Ahnung hatten, was mit dem Kinde geschehen sei. Sofort verbreitete sich unter der Bevölkerung das Gerücht, die Juden hätten an dem Mädchen einen „Ritualmord" begangen. Die Bevölkerung gerieth in Gährung, und der Juden bemächtigte sich große Angst. Endlich nach mehreren Tagen der Aufregung wurde das verschwundene Mädchen ausgeforscht. Es hatte sich ohne zuhause etwas davon zu sagen, zu Verwandten nach Czaslau begeben, denen es eingeredet hatte, seine Eltern hätten es hingesendet, damit es sich von einer Krankheit erhole. Jüdische Naturalisierungsgesuche. Wie die französischen Zeitungen vor einiger Zeit meldeten, beabsichtigten die Pariser Coulissiers sich in Brüssel niederzulasseu. Tie belgische Abgeordnetenkammer hatte nun kürzlich über eine große Anzahl jüdischer Naturalisierungsgesuche zu entscheiden. Während die Kammer aber sonst Naturalisationsgesuche ohne Debatte genehmigte, wurden sie diesmal mit einer einzigen Ausnahme abgelehnt. Die Errichtung eines Rabbinerseminars in Russland. Endlich scheint es mit der Errichtung des Rabbinerseminars Ernst zu werden. Im Schoße der unermüdlichen „Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung unter den Inden Russlands" ist zu diesem Behufe ein ComitO eingesetzt worden, welches bereits einige Sitzungen abgehalten hat. Da auch die nothwendigen Mittel bereits zustande gebracht worden sind, so wird eine Anstalt ins Leben treten, deren Mangel die jüdischen Gemeinden Russlands seit der Schließung der berühmten Rabbinerschule in Wilna sehr schwer empfunden haben. Nationalbibliothek in Jerusalem. G. I. Feinberg in Irkutsk spendete behufs Errichtung eines neuen Zimmers in der Nationalbibliothek von Jerusalem 2000 Francs. Personalnachrichten. Klara Zupuik, Tochter des Herausgebers der „Drohobyczer Zeitung" uud Obmanns des Zion-Vereines, hat sich mir Tr. Herman P e r l st e i n aus Czernowitz, verlobt. Am 25. März feierten Herr Leo und Frau Anna Brandt das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Das Jubelpaar, das stets für bumanitäre Zwecke, besonders in jüdischen Kreisen, ein warmes Herz und eine offene Hand gezeigt hat, erhielt eine große Anzahl von Gratulationen und Ehrengaben. Besonders sei die Gabe des Vereines „Providentia" erwähnt, welcher Frau Brandt, die gleichzeitig ihr Jubiläum als Schriftführerin des Vereines begieng, einen stilvoll gearbeiteten silbernen Lorbeerkranz mit Goldknospen überreichte, der auf ei