Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Article
- Die Juden in Palästina
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13 Seite 5 Frieden und Wohlstand hier unter dem Scepter des Sultans leben, als ein Element der gemischten Bevölkerung, aber zunehmend an Macht und Bedeutung. & Unter jüdischen Proletariern. Von Dr. S. R. Landau. V. Bialystok. (Schluss.) Nack) dem Rabbiner Mohilewer ist Doctor Josef Chazanowicz die merkwürdigste Persönlichkeit dieser Stadt. Welcher intelligente Jude in Russland kennt nicht diesen Namen. Der angesehenste und beschäftigteste Arzt in Bialystok, hat er sich durch seine Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit für die nationalen Zwecke des Judenthums weit hinaus über die Grenzen seines Wohnsitzes einen Namen erworben. Man kennt ihn als einen der Gründer und den eifrigsten Förderer der jüdischen National- Bibliothek in Jerusalem. Als im Jahre 1802 zur Erinnerung an den 500. Jahrestag der Judenvertreibung aus Spanien das „Midrasch Abarbanel" in Jerusalem gegründet wurde, da wusste Dr. Chazanowicz, was er fortan als seinen Lebenszweck zu betrachten habe. Er beschloss, sich dieser Bibliothek zu widmen mit allem, was er war und hatte und zu erwerben hoffte. Seitdem hat Dr. Chazanowicz 7000 Hebraica und über 800 Judaica hinuntergeschickt. Seine^'Kleider sind fadenscheinig, sein Junggeselle n-Haushalt ist der bescheidenste, aber für "alles Geld, das er als Arzt verdient, kaust er Bücher," lässt sie neu einbinden und führt sie dann aus eigene Kosten ihrer Bestimmung zu. Vor einigen Wochen expedierte er erst 27 Pud*) und bezahlte über 50 Rubel Fracht: nun liegen schon wieder mächtige Bücherstöße in seinem Arbeitszimmer, schön gebunden und wohlgeordnet, von ihrem Besitzer mit Wohlgefallen und innerer Genugthuung betrachtet. Jbre Zusammenstellung kostet Dr. Chazanowicz nicht nur Geld, sondern auch viel Arbeit und Mühe. Er muss alle antiquarischen Bücherkataloge und bibliographischen Mittheilungen genau studieren, sich auch sonst von seltenen Bücherexemplaren Kenntnis verschaffen und dann erst korrespondieren, oft bei Privatbesitzern noch bitten und flehen. Eine alte Bibel oder ein seltenes Gebetbuch zieht er bei seinen Patienten dem größten Honorar vor: wenn ihm Jemand ein Buch verspricht, scheuter auch zehn und zwanzig Besuche nicht, um in dessen Besitz zu gelangen. *) Ein Pud hat 25 Kilogramm. Dr. Chazanowicz sammelt nicht bloß Bücher, sondern auch Bilder und Photographien aus dem jüdischen Leben und der jüdischen Geschichte. Findet er in irgend einer Zeitschrift eine in dieses Gebiet einschlagende Illustration, und wenn auch nur einen Holzschnitt, so lasst er davon eine Photographie ausnehmen, die er seiner Sammlung einverleibt. Wir finden auch darin die seltensten Portraits der größten Juden der letzten Jahrhunderte: Politiker, Rabbiner. Schriftsteller. Künstler u. s. s. Die Leser dieser Zeilen könnten dem seltenen Manne keine angenehmere Ueberraschung bereiten, als wenn sie ihm gelegentlich einen Bilderausschnitt zusenden. Die Früchte seiner Arbeit gehören uns allen. Und die Sammlungen in der jüdischen Nationalbibliothek von Jerusalem sind der beste Beweis für den praktischen Sinn und das zielbewusste Streben der zionistischen „Ideologen". Der Name Chazanowicz ist aber auch mit einer politischen Affaire verknüpft, die vor mehreren Jahren die gesammte öffentliche Meinung Russlands aufregte. Damals hat ein polnischer Arzt in Bialystok einem jüdischen Knaben, der, von kindischer Naschsucht beherrscht, in seinem Garten einen Apfel pflückte, mit Lapis auf der Stirn das Wort „Dieb" eingebrannt. Ein Schrei der Entrüstung entrang sich aus der Brust aller gesitteten Menschen in Russland. Die europäische Presse, insbesondere die englische, beschäftigte sich eingehend mit dieser unmenschlichen That, und die Engländer veröffentlichten auch das Bild de? Knaben. Als Inspirator der auswärtigen Presse und der darin gegen Russland enthaltenen Angriffe wurde, besonders aus Betreiben des polnischen Arztes, der sich gleich seines jüdischen Concurrenten entledigen wollte, Dr. Chazanowicz hingestellt. Er wurde aus Bialystok auf zwei Jahre verbannt, die er in Lodz zubrachte: dem unmenschlichen Verbrecher geschah nichts. Den Knaben schickte die Judengemeinde nach Amerika. Und dann wurde es wiederum stiller. Neue Ereignisse lösten das alte ab. Wie überall in Russland, so macht sich auch hier die Wirkung des Monopols in sehr nachtheiliger Weise unter den Juden fühlbar. In der ganzen Stadt von (»u.000 jüdischen Einwohnern hat kaum e i n Jude die Bewilligung zum Branntwein- und Bierausschank erhalten und auch der nur deshalb, weil er auf eine in der Umgebung gelegene lucrative Waldschenke zugunsten eines Christen verzichtete. Die christlichen Bierbrauerei-Besitzer durften mehrere Bierhallen eröffnen, die jüdischen nicht. Viele Existenzen sind vernichtet und haben keinen Erwerb: sie wissen auch nicht, wozu sie greifen sollen. Außerdem kommt ein Zuzug ähnlicher Existenzen aus den kleinen Provinzstädten, die hier Beschäftigung und Brot zu finden hoffen. Aber sie werden bald enttäuscht. Die kleine Barschaft ist schnell verzehrt, und dann wissen sie erst recht nicht, was sie anfangen sollen. In Bialystok gibt es nur Beschäftigung für qualificierte Arbeiter, hauptsächlich für Weber und Tabakarbeiter. Nach einer beiläufigen Schätzung leben hier über 2000 jüdische Weber, über 500 Spulerinnen und mehrere Hunderte jüdischer Appreteure, Schererinnen*) und Nuperinnen**). Auch in den umliegenden Städtchen gibt es jüdische Handweber, so in Kossore 50, Buten 50, Ro/.anc 250, Grodek 500 u. s. w. Die Juden finden jedoch nur Dank dem Umstande Beschäftigung und Verdienst, dass die Webereien zum größten Theile handwerksmäßig betrieben werden. In den Spinnereien ist aber schon die Dampskrast zur ausschließlichen Herrschaft gelangt, und obwohl gerade dabei die unqualificierten jüdischen Arbeiter eine genügende Beschäftigung finden könnten, werden sie von den zahlreichen jüdischen Fabriksbesitzern ausgeschaltet — wegen des Sabbaths. Wir kennen diese Rücksichts-- losigkeit schon von Czcfftochau her und werden noch in *) Auch Kettenmacherinnen genannt. **) Die Aufgabe dieser 'Arbeiterinnen besteht in der Reinigung und Reparatur der sertiggestellten Stücke.