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Die Welt · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Nedacrion oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankierte Briese werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. 4 Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. 0 Kr., ganzjährig <°> fl. — 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland ♦ ganzjährig 13 Mk. 70 Ps., halbjährig 6 Mk. 8S Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. -'>0 5top., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egyptne ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. SC) Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr 13. Wien, 1. April 1988.2. Jahrgang. Bsbaction und Administration: IX.. Türkenstraße 9. Telephon Nr. 8805. EI-EI B-El Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Einzelne Nummern 15 kr. n-H 0P~ Da Ende Mär; eine grötzerr Anzahl von Abonnements abgelaufen ist, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rerl;t;eitig vorzunehmen, damit in der Anstellung des Blattes keine Unterbrechung einlrete. Die Administration. Dreyfus in Deutschland. Von S. Lublinski. Der Fall Dreyfus musste von Anfang an gerade in Deutschland das größte Aufsehen erregen. Denn während der Sack geklopft wurde, meinte man den Esel oder vielmehr die böte noire Deutschland, diesen verhassten Erbfeind, der den Franzosen zwei blühende Provinzen, einen Raub alter Zeiten, wieder abgenommen hatte. Das deutsche Volk wünscht sreilich aus mehr als einem Grunde mit der Nachbarnation in Frieden zu leben und begrüßte daher mit Freude und frohem Erstaunen jedes Zeichen des abnehmenden Chauvinismus. Diese Zeichen hatten sich in den letzten Jahren gehaust, und die optimistischen Propheten hofften schon aus eine rührende, officielle Versöhnung vor den Augen des erstaunten Europa. Aber auch ruhigere Staturen, die recht gut wissen, dass gut Ding Weile haben will, verfolgten diesen Wandlungsprocess in Frankreich mit gespanntester Ausmerksamkeil. Sie sahen wohl voraus, dass der Gedanke einer Völkerverbrüderung und eines Anti-Chauvinismus noch viel zu jung und biegsam wäre, um die alten Gewalten und Vorurtheile im Sturme zu bewältigen. Man ahnte schwere Niederlagen und heftige Kämpfe, die aber das Gute haben würden, den Chauvinismus zu beruhigen und vielleicht auch ein wenig zur Selbstkritik anzuregen. Nun kam die Affaire Dreyfus und brachte diesen vorausgesehenen Kamps viel früher als man ahnte. Der Vater dieser Spionageaffaire ist zweifellos der Chauvinismus. Fast eben so sehr, wie der Juden-, hatte hier der Deutschenhass die Hand im Spiel, um die Volksleidenschaften zu erhitzen und von vornherein eine dem Angeklagten feindselige Stimmung zu verbreiten. Damals wusste die französische O öffentlich keit noch nichts von Russland und hätte wohl auch nie geglaubt, dass der heißgeliebte Alliierte in Paris Spione unterhalte. Diese Lesart tauchte erst in letzter Zeit unter sehr verdächtigen Begleiterscheinungen auf, so dass man sie bis aus Weiters wohl für ein Märchen halten darf. Vor vier Jahren dachte man aber in Frankreich immer nur an Deutschland, und man entdeckte deutsche Spione. Der Chauvinismus wallte heiß empor, und man brauchte nicht zu erstaunen, dass er zunächst aus der ganzen Linie den Sieg gewann. Auch sreidenkende Franzosen hatten ja gar keine Veranlassung, sich eines Mannes anzunehmen, der ihnen damals noch als ein Spion erscheinen musste. In Deutschland freilich war man schon zu jener Zeit von der Schuldlosigkeit des Capitäns vollkommen überzeugt und bedauerte tief, dass dieser unliebsame Zwischenfall das auskeimende Verständnis wieder zerstörte. Denn natürlich benützten die Chauvinisten die angebliche Schuld des „Verräthers", um gegen Deutschland zu Hetzen, welches sogar schon die Osficiere des Generalstabes zu corrumpieren verstanden hätte. Ob Herr Paul Döroulöde den Fall Dreyfus zur Veranlassung nahm, ein neues Revanchegedicht vom Stapel zu lassen, ist mir nicht bekannt. Aber wenigstens Francois Coppöe ließ sich durch den verurtheilten Capitän poetisch inspirieren und schuf ein Theaterstück, welches, nach dem einstimmigen Urtheil der Pariser Kritik, sehr patriotisch und sehr schlecht war. Und dass Coppöe, der ja auch die Bewillkommnungsverse an den Zaren dichtete, zu den Deutschensressern sansphrase gehört, dürfte männiglich bekannt sein. Daher hatte Deutschland allen Anlass, schon am ersten Act der Tragödie, an der Verurtheilung des Capitäns, das größte Interesse zu nehmen. Durch die überraschende Wendung, die dann vier Jahre später dieses furchtbare Justizverbrechen in einem ganz neuen Licht erscheinen ließ, musste das deutsche Interesse zu einer tiefen, leidenschaftlichen Theilnahme werden. Man muss eben nur die Situation genau, ganz genau durchdenken und sich vergegenwärtigen, dass neben der körperlichen Erscheinung des unglücklichen Capitäns auch noch der Schatten eines großen Unbekannten — unbekannt, weil man ihn nicht nennen durfte — aus der Anklagebank saß: Deutschland! Dreyfus wurde verurtheilt und aus die Teuselsinsel geschickt — mit ihm der Schatten. Alsdann wurde von ehrenhafter Seite eine Revision des Processes angeregt, und es handelte sich darum, zwei Angeklagte und in schmachvoll infamer Weise unschuldig Perurtheilte wieder zu rehabilitieren — den Capitän und den Schatten. Und da sollte Deutschland an dem Process kein Interesse nehmen? Deutschland, welches sich doch sagen musste, dass um seinetwillen ein schuldloser Mann wie ein wildes Thier in einen eisernen Käsig gesteckt wurde! Nein, das war nicht möglich, und trotz des superklugen Geredes realpolitischer, getaufter Juden, welche Bismarck imitieren und missbrauchen, gelangte die Theilnahme für Zola in elementarer Weise zum Durchbruch.

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