Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Article
- Ein einziges Buch [Rezension]
- Date
- 1898-03-25
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Nr 12 der Epilog „Ein moderner Schriftsteller in.. ."Jerusalem" behandeln die neuere und allerneueste Zeit. In feiner Theilnahme für da» Mdifche Leben von einst und jetzt, in der liebevollen Versenku in dem wärmen Jntereffe fiir jedes kleine Detail verre sich "per Jude, der in altgläubiger Umgebung aufgewachst M ist und der mit ganzem Herzen an den unwiederbrmglrch yDplorenen Dingen hängt, die ihm das Glück der Kindheit bed aber in deni überlegenen Humor, in der kühlen Ablehnw gg^r Versuche, die darauf abzielen, die Welt jener Kindt wieder herauszubefchwören, in der methodychen Maserung idealer Bestrebungen kommt der moderne, frühgeo (%&$£ Zweifler zum Vorschein, den Beispiel und wohl auch P erssörrliche Erfahrung gelehrt haben, wie theuer einem der O kommt, Poesie in Wirklichkeit, Träume in Leben überse 1DOf(en. Das allumfassende Verständnis, mit dem Zano ^ill spielend so grundverschiedene Welten wie den luftleeren Ra Don Spinozas Intelligenz und die absolute Verneinung aNcs reinen Denkens ini Chassidismus, die mystische Äeid ensseh- 4^ Josefs des Träumers und die sonnenklare LebcmÄ,reude eines Lass^lle, die klug entsagende Selbstbeschränkung eines. Mendels',ohn und die thöricht-weise Ungebundenheit. eines Maimon beherrscht, ist das Merkmal des Genies. Die 'dichterische Ge.staltnngskrast versteht sich bei Zangwill von selb st: in seinern neuesten Werke offenbart sich das Geheininis seiner Ku.nst vielleicht mehr noch als in seinem Meisterstücke Oie Kind,er des Ghetto". In jenen englischen Literatenkreisen, welche immer noch die Dichter in Schulen einzutheilen belieben^ wir'o Zangwill zu den Realisten gezählt; die unbarmherzige Schilderung des Milieus hat ihm offenbar die schmeichelhafte Eti quette verschafft. Aber wenn Zangwill Realist ist, so Md ferne Schöpfungen realistisch in einem ganz besonderen *2>i'nu?.. Jeder seiner Helden ist die lebendige ^D-rkörperung seiner Zeit. So ist das neueste Buch Aangwills eine Culturgeschichte des Ghettos in epischer Form. ^Freilich wäre eine solche Charakteristik ebenso unvollständig als irreführend, wenn ich nicht rasch hinzusügte, dass der Epiker idie ihm von der alten Aesthetik gesetzten Grenzen selbstherrlich l durchbricht. Zangwill steht seinen Gestalten ganz objecttv gegen- Ä>er, das wüssten wir, auch wenn er es nicht in dem Vorworte zur amerikanischen Ausgabe des Buches besonders betheuert hätte. Wer sich so liebevoll in die labyrinthischen Gemüthstiesen des Balschem vertieft, der braucht nicht erst zu betheueru, dass er über den Parteien steht, und nur die seelische Wahrheit im Individuum wie im ganzen Volke sucht. Aber in Zangwill's Buch kommt neben dem objectiven Darsteller auch der Philosoph zu Wort, der die vom Dichter erzählten Thatsachen der Vergangenheit interpretiert und wie ein Orakel um Auskunft über Gegenwart und Zukunft befragt. „Woher kommen wir und wohin gehen wir?" — — — Tie Menschheit ist müde geworden, die uralte Frage immer und immer wieder zu stellen, ohne eine Antwort zu finden; wir Juden haben sie entweder als Versündigung gegen die Vorschung ausgegeben oder in greisenhafter Vergesslichkeit und Sorglosigkeit, von Gewesenem und Kommendem absehend, alles Denken dem Augenblicke zugewandt. Zangwill's Buch ist darnach angethan, die Zufriedensten und Kurzsichtigsten aus ihrer Trägheit zu reisten. „Was soll aus dem Judenthum werden, nachdem die Ghettomauern gefallen sind?" „Welcher Zukunft geht das Judenthum in seinen inneren Angelegenheiten bei der fortwährenden Berührung mit der nichtjüdischen Welt entgegen?" Diese Fragen bilden eigentlich den Kern des Buches, wie schon die Anordnung der einzelnen Capitel bezeugt. Mit Venedig sängt das Buch an und mit Venedig hört es aus; in der ersten Geschichte sehen wir, wie der tragische Zwiespalt zwischen Ghetto und "Außenwelt in der Seele des Kindes beginnt, in der letzten, im „Chad-Gadya", führt derselbe Zwiespalt den Untergang des Mannes herbei. Was dazwischen liegt, ist Kamps, Niederlage, Agonie. Das Judenrhum des Ghetto ist nach Zangwill gleich der Mumie, die man sorgfältig von der Berührung mit Luft und Licht bewahren muss, soll sie nicht in Staub zerfallen. Tie Geschichte von Maimon und Mendelssohn bringt diese Mte. _ aber im Munde eines Zangwill ganz neue Lehre am schärfsten zum Ausdruck. Mendelssohn erzählte davon, wie sehr der altgläübige Rabbiner Hirsch Janow seine deutsche Peru tateuchübersetzuiig "verfolgte. „Und doch", fchfte der Weise von Berlin, „vertraue ich auf die Zeit und das neue Geschlecht. Ich will wetten, dass die Uebersetzung, die ich ffür meine Kinder angeserttgt habe, von den seinigen gelesen werden wird." Als Mendelssohn das sagte, bemerkte Maimon, wie die nach der neuesten Mode gekleideten reizenden Töchter des Philosophen einen eigenthümlichen Blick wechselten und skeptisch die Augenbrauen in die Höhe zogen. Aus seinem Todtenbetie erinnerte sich Maimon dieses Blicks, denn da vernahm er die Kunde, dass sowohl Dorothea und Henriette als auch Felix, der Sohn Abrahams, getauft waren . .. „Die altgläubigen Rabbiner hatten Recht und Mendelssohn war ein Thor!" ^7? jWir kennen diese nicht ganz einwandfteie Theorie, welche von Smolensky mit ebensoviel Eifer als Geschick vor etwa einem Vierteljahrhundert in die Welt gesetzt wurde: es ist das die Haltung des weltfremden, daher allen Compromissen feindlich gesinnten osteuropäischen Juden. Alles oder nichts! Zangwill ist nichts weniger als lveltftemd, aber Blut ist dicker als Wasser, und die Geistes- und Gemütsverwantdschaft mit diesen exttemen Vertretern des Judenthums tritt bei aller Objecttvität des Dichters an mehr als einer Stelle hervor. Das alte Glück, die Innerlichkeit und Enge des Ghetto macht ihn immer wieder zu dem beredtesten Lobredner der vergangenen Zeit. Das hat er mit Heine, mit Lassalle, mit allen großen Juden, welche mit der Welt außerhalb des Ghetto gekämpft und von ihr niedergerungen wurden, gemein; nur ist die Haltung bei Zangwill, dem kraftvollen Dreißiger, der sich die ganze angelsächsische Leserwelt unterworfen hat, von besonderer Bedeutung . . . Wie Heine, ist Zangwill Romanttker und Spötter in einer Person, und er weiß es am besten, dass alle Klage um das Ghetto die todte Welt nicht mehr beleben wird, auch wenn es jemandem einsallen sollte, das Todte beleben zu wollen. Also das Ghetto ist todt — was nun? Ist das Judenthum wirklich die Mumie, die an der Sonne in Staub zerfällt? Zangwill kennt unser Ideal, welches das Ghetto ablösen soll, sehr genau; er hat es in seinem großen Romane „Tie Kinder des Ghetto" discuttert, er hat mit den Theilnehmern des Baseler Congresses gejauchzt und geweint — und doch steht er dem Gedanken skepttsch gegenüber. Dem Gedanken? Das eigentlich nicht; dazu ist er zu viel Poet, ein zu guter Jude, ein zu scharfer Denker. Aber er fürchtet die Thal. Das ist ein charakteristischer Zug in dem Wesen Zangwill's, den wir bereits berührt haben: Poesie und Wirklichkeit sind ihm zwei getrennte Welten, jeder, der einen poetischen Gedanken in die Wirklichkeit übertragen will, ist ein Thor. Ein Juden, staat? In Gedanken wunderbar! In der Wirklichkeit gräulich! »Gesetzt, der Tempel wäre bereits erbaut. Et apres? Dann wird der Baumeister die Rechnung überreichen. Tie Leute werden dinieren und einander schmunzelnd unanständige Anekdoten erzählen, es wird fashionable Schneiderinnen geben, die Synagoge wird alle verfolgen, die größer sein werden als sie, der Berusspriester wird einer beisallsklatschenden materialisttschen Welt vom Idealismus predigen, die Presse wird von Capitalisten und Politikern abhängen, rc., rc." Das heißt mit anderen Worten: Ihr Zionisten wollel einen eigenen Staat, um zu sein wie die anderen Völker — schant euch die einmal an und fragt euch, ob es der Mühe wert ist! Gegen dieses Argument lässt sich nichts einwenden mit einem Poeten ist schwer stteiten. Aber Zangwill steht in seinem Verhältnisse zum Zionismus, so originell seine Einwendungen formuliert sind, nicht allein; in den Prämissen, welche den zionistischen Gedanken erzeugt haben, ist er ganz mit uns einverstanden, nur zögert er, die sich von selbst ergebenden, Schlussfolgerungen zu ziehen.