Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Article
- Czernowitz [Nachricht]
- Date
- 1898-03-25
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 JPKOWcT Seite 11 Vorträgen unter dem Titel: „Der Zionismus im Bilde der Geschichte". Der Präses des Vereins, L. Presser, hält den ersten Vortrag, betitelt „Zionssehnsucht", Samstag, den 10. März 1808 im Saale der israelitischen Cultusgemcinde. Basel. Vergangenen Samstag Albend hielt in unserem „Jung Zion" Herr Dr. L. Hausmann einen mir sehr lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die Bedeutung der hebräischen Sprache für die Gegenwart". Von der allgemeinen Stellung der hebräischen zu den modernen Sprachen ausgehend, zeigte der Redner in einslündigem Vortrage, dass es zum Verständnis sämmtlicher jüdischen "Schriften, sowie zur Gewinnung eines regen Interesses in erster Linie nölhig sei, die Sprache der Väter in ihrer Grammatik zu studieren. Ueber den geistvollen Vortrag, dem bald andere folgen sollen, entwickelte sich eine rege Discussion, und unter dem Jubel seiner einstigen Schüler fand sich der geehrte Herr bereit, in unserem Vereine den Unterricht in hebräischer Sprache, Geschichte und Literatur leiten zu wollen. Sofia. Der Centralverein „Z i o n" veranstaltete Samstag den 12. Adar (5. März) einen literarisch-musikalischen Abend, verbunden mit einem Tanzkränzchen. Ueber 500 Gäste hatten sich eingefunden, die allen Gesellschaftsclafsen angehörten. Eingeleitet wurde der Abend durch eine bulgarische Rede des Präsidenten Carl Herbst, worauf die einzelnen Vorträge folgten. Erwähnt zu werden verdienen M. Samoiloff, der ein hebräisches Gedicht vortrug, Frl. H y g e s ch und Herr I. N a t a n s o n, die ein Duett sangen, FrL R. Gründe r g und Frl. V. R a d b i l für ihre Declamationen bulgarischer Gedichte, Herr N. Farchi für seinen Vortrag in spagniolifcher Sprache und Herr L. M o skovitsch für seine im Jargon gehaltene Rede. Der Feier wohnten auch viele Bulgaren bei, die sich von der Mächtigkeit des jüdischen Nationalgefühls sehr ergriffen zeigten. Zkitschristemmdscha«. Zur Frage der verlorenen zehn Stämme, die manche Gelehrte in Afghanistan gefunden haben wollen, bringen die „Trustir.g and toiling“ noch weitere Details, die für die Identität der Afghanen mit den genannten Stämmen sprechen sollen. So das bei ihnen bestehende Institut der Leviratsehe und die Todesart durch Steinigung. Dr. Moore soll gewisse alterthümliche Inschriften in Afghanistan entdeckt haben, die nur nach erfolgter Uebersetzung ins Hebräische interpretiert werden können: ähnliche Entdeckungen soll' auch Dr. Stein in den Gegenden von Tirah gemacht haben. Bei allen Fehlern besitzen auch die Afghanen so viele wertvolle Eigenschaften, dass die modernen Hebräer sich gar nicht zu schämen hätten, wenn man jenen Nachweisen würde, sie seien Nachkommen der „Verlorenen zehn Stämme". — L. In der Halbmonatschrift „La plume". einem Blatte, das literarische, künstlerische und sociale Interessen verfolgt, publiciert Adolphe Rette einen längeren Artikel über den Antisemitismus in Frankreich. Der Artikel, der geradezu glänzend geschrieben Ein einziges Buch. (.1. Zangwill, Dreamers of the Ghetto London, Heineniann.) Von Leo Rafaels. Einen Tag, bevor ich das sehnsüchtig erwartete Buch aus London erhielt — cs ist erst diese Tage zur Ausgabe gelangt - bekam ich die "Anzeige eines englischen Kritikers christlicher Confeffion und arischer Abstammung zu sehen. Tie grenzenlose Verlegenheit des armen Mannes dem Buche gegenüber amüsierte mich, indem sie mein Mitleid erweckte: ich las die lange Kritik zu Ende und erfuhr nun die eine weder überraschende noch sehr interessante Thatsache, dass der Kritiker weder Zangwill noch Zangwills Wollen versteht. Aber e i n Wort ist mir im Gedächtnisse geblieben, das erste des Aufsatzes: „Es ist schwer, das Buch zu beschreiben, denn wir wissen uns keiner Parallele zu demselben zu erinnern." In diesem Punkte stimmen wir mit dem Kritiker überein. Das Buch von den „Träumern des Ghetto" ist ein einziges Buch, es ist ohne Parallele in der Literatur, es ist eine "Anomalie. Aber nicht etwa durch die Form, nicht durch die "Anordnung, nicht durch einen unerhörten Stil; einzig und allein durch das Thema: Es handelt von einer weltgeschichtlichen Erscheinung, die keine Parallele hat im Gedächtnisse der Menschen. Das Judenthum in der Zerstreuung ist eine Anomalie, zu deren Erklärung alle Weltgeschichte und Bölkerkunde nicht reichen: ist, bespricht den Antisemitismus mit Rücksicht auf den Fall Drepfus, als dessen Urheber der Autor nennt: die Clericalen, die ihre Zeit bereits gekommen glauben, die Panamisten, welche die öffentliche Meinung auf andere Gebiete leiten wollen und diejenigen, welche in Anbetracht der bevorstehenden Wahlen dem Volke Sand in die Augen streuen wollen, um es in gewissenloser Weise für die niedrigsten persönlichen Zwecke auszubeuten. Dann geht Rette zur Schilderung'Drum onts und seiner journalistischen Knappen über. Er meint unter anderem, Drumont sei ein äffischer Nachahmer V e u i l l o t s, dessen Doctrine gewesen: „Wer die Macht hat, für den trete ich ein!" Rur gebe es einen kleinen Unterschied zwischen Veuillot und seinem Nachbeter. Der Erstere sei ein Schriftsteller ersten Ranges gewesen, während Drumont, eitel bis zum Wahnsinn, auf engem, confessionellem Standpunkt stehend, kein Sophisma, keine Verdrehung, keine Verleumdung unbenutzt lässt, um einer fixen Idee zu dienen. Als Beispiel, wie Drumont arbeitet, führt Relte folgende gelungene Zusammenstellung an: „Jedes Unheil, das Frankreich widerfährt, ist von den Juden verschuldet: die Adeligen ralliiren sich der Republik, um auch ihren Antheil an der vollbesetzten Tafel zu haben — da steckt der Jude dahinter. Die Regierenden lügen und stehlen, wie es ihre Vorgänger gethan haben und ihre Nachfolger thun werden — das ist die Schuld der Juden. Der Clerus liegt vor den Ministern im Staube — der Jude ist schuld daran. Eine Hungersnoth wüthet in Algier — der Jude hat sie verschuldet. Die Engländer, Russen und Deutschen düpieren unsere Diplomaten und listen Frankreich das Geld ab — das haben natürlich wieder die Juden veranlasst. Die Panzerschiffe kommen nicht vom Fleck, wenn man sie endlich aus dem Hafen herausgebracht hat — wieder der Jude dahinter; wir haben Regenzeit — natürlich, weil die Juden den Regen brauchen: die Influenza herrscht — sicher die Juden die Ursache: Herr X. hat durch sein reichliches Diner von gestern noch heute Beschwerden — sehen Sie, das sind nur die Juden schuld: und so fort bis zum hellen Wahnsinn." Und dabei will Drumont glauben machen, er fei Raffenantisemit! Natürlich hält das nicht lange vor. Er vergisst dies, wie so viele andere Lügen und Fälschungen an denen z. B. sein Buch „la France juiveso reich ist, und fällt auch über die Protestanten her. Er behauptet, die Reform in Frankreich sei aus Deutschland importiert, und deshalb könne sie in Frankreich nie Boden gewinnen. Relte kommt dann auf die Redacteure des Trumont'schen Blattes zu sprechen, deren Thätigkeit er einer geradezu vernichtenden Kritik unterzieht. „Sie würden im Bunde mit ihren Gesinnungsgenossen Frankreich zu dem machen, wozu Spanien von ähnlichen Fanatikern gemacht wurde, zu einem Leichnam." Rette bespricht dann die Fehler, welche nach seiner Ansicht den Juden anhaften, und welche er aus der Lerdensgeschichre des jüdischen Volkes zu erklären sucht — Charakteristisch für das heutige Frankreich ist die humorvolle Nachschrift, die Rette seinem Artikel gibt. Sie lautet: „0. S Ist es nöthig zu erwähnen, dass mir „mein Freund" Rothschild ein Geschenk von einer Million gemacht hat, damit ich diesen Artikel publiciere?" l k t 0 N. Ein Buch aber, welches dieses Gesammtproblem darzustelleu unternimmt, ist uothwendigerweise eine "Anomalie, der gegenüber alles Literalurwissen und jede hergebrachte Methode den Kritiker heimtückisch verlässt. Biele auserlesene Geister haben sich von dem Probleme quälen und erbauen lassen, aber keiner hat es bis jetzt von so vielen Seiten betrachtet, keiner ist so tief eingedrungen, keiner hat die einzelnen Erscheinungen mit soviel gegenständlicher Selbstentänsiernng gesehen. Zangwill's Studien umfassen die letzten vier Jahrhunderte — er datiert das Ghetto vom sechzehnten Jahrhundert an — und erstrecken sich so ziemlich aus alle Länder der Welt, in der das Judenthnm Sonderrypen entwickelt hat. „Ein .Kind des Ghetto" und „Josef, der Träumer" führen uns nach Venedig in die Zeit der ausblühenden Renaissance, „Uriel "Acosta" und „Ter Glasschleifer" machen uns mit den Nachkommen der Marranen in Holland bekannnt, „Ter türkische Messias" schildert die Juden in der Türkei, „Ter Balschem" zeigt uns die Juden der osteuropäischen Länder im achtzehnten Jahrhundert, in „Maimon, der Narr, und Nathan der Weise" begegnet sich Ssten und Westen in Berlin: die übrigen Bilder „"Aus einer Matratzengruft", „Ter Erlöser des Volkes", „Tie Sphinx mit der Primel", „Ter Eongress der Träumer", „Pilgerfahrt nach Palästina", „Ter Versöhner des Ehristenthums", „Ter fröhliche Kamerad", „Ehad Gadya" und