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Die Welt · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Article
Prag
Date
1898-03-25
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 Nr. 12 die Zunge gelähmt, und werden Geschichtchen von autoritativer Seite erzählt, die bisher nur als dunkle Gerüchte die Stadt durcheilten. Folgendes Factum will ich Ihnen mittheilen: 2hif dem Studententage in Leitmeritz, der unter dem Protectorate der deutsch nationalen Partei stand, hatten sich auch viele Prager Juden mit der deutschfreisinuigen, sonst aber ganz arisch-reinen Verbindung „Markomannia" eingefunden. Abgeordneter Wols, der unter großem Jubel die Festrede hielt, begann seine Rede mit folgender Ausführung: „Ich freue mich, dass wir Deutsche nun einig sind. Ich muss aber ausdrücklich betonen, dass nur Deutsche arischer "Abstammung das Recht besitzen, heute hier zu erscheinen. Diesbezüglich weiche ich tim keines Haares Breite von meiner Gesinnung ab." Darüber großes Entsetzen im Lager der schwarz-roth-goldenen Juden. Die „Markomannia" verließ mit ihren verschämten Gesinnungsgenossen den Commerssaab Nur einige unver—dorbene „Nichtarier" blieben zurück und tranken weiter auf die deutsche Einigkeit. Bemerkenswert ist es, dass der Ehrenpräsident des Commerses, "Abgeordneter Tr. Funke, gar keinen Anlass nahm, um auf Wolfs Ausführungen zu reagieren. Die „Markomannia" berief daraufhin in Prag eine Versammlung ein, an der nur „nichtarische" Germanen theilnahmen, und die mit einem Proteste gegen Wolf an ihrem Standpunkte vorläufig noch festhielt. Krakau, 22. März. (Telegr. der „N. Fr. Pr."). Die Krakauer Staatsanwaltschaft hat die von einem Geistlichen veröffentlichte antisemitische Broschüre: „Geheimnisse der Jude n", welche bereits in 5000 Exemplaren zur Verbreitung gelangt ist, nunmehr mit Beschlag belegt. Deutschland. Berlin. (Orig.-Corr.) Ter antisemitische Abgeordnete Müller hatte den Antrag eingebracht, eine vom Staate überwachte autorisierte Uebersetzung des Schulchan Aruch zu beschließen. Tie Petitionscommission des Reichstages lehnte jedoch den Antrag mit allen gegen zwei Stimmen ab. Hervorgehoben wird, dass die in der Commission sitzenden couservativen Abgeordneten gegen den antisemitischen "Antrag stimmten. — Obwohl die Juden auch gegen eine vom Staate verlangte und durchgeführte Uebersetzung des Schulchan Aruch im Grunde genommen nichts einzuwenden haben, wenn die Uebersetzung von berufener Seite erfolgt, so ist die "Abweisung dieses "Antrages doch insoferne bemerkenswert, als man daraus ersieht, dass die Antisemiten doch noch nicht so viele offene Gesinnungsgenossen im Reichstage zählen, als es nach dem Vorgehen der verschiedenen „freisinnigen" Parteien bei der "Aufstellung oder besser Nichtaufstellung jüdischer Reichstags-Candidaten zu erwarten war. — o — Kattowitz. (Orig.-Corr.) Tie antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" bringt einen nach dem Geschmack ihrer Leser hergerichteten Bericht über eine angebliche Verwundung eines christlichen Dienstmädchens durch ihren Tienstgeber, den Kaufmann Israel Grünbaum in Schoppinitz (Ober-Schlesien). Diese Verwundung soll — das Pasfafest naht ja he^an — zu rituellen Zwecken, um Christenblut zu gewinnen, erfolgt sein, tvie die „Staatsbürger-Zeitung" ihren Lesern erklärt. Thatsache ist, dass das Dienstmädchen ganz gesund aus dem Hause Grünbaums sich entfernt hatte, um mit Bewilligung ihrer Dienstgcber ihrer Mutter bei der häuslichen "Arbeit behilflich zu sein, und auf eine noch nicht aufgeklärte Weise Wunden au der Brust erhielt. Ta die Bewohner von Schoppinitz geneigt schienen, dem Blutniärchenwahnsinn Glauben zu schenken, wendete sich Grünbaum an die Staatsanwaltschaft in Beuthen und ersuchte um die sofortige Einleitung einer Untersuchung, welche der "Amtsvorsteher von Schoppinitz ihm auf sein vorheriges Verlangen abgeschlagen hatte. Die Staatsanwaltschaft verfügte die sofortige Untersuchung. Von einer Escortieruug Grünbaums zur Polizei war selbstverständlich keine Rede. Das war die Phantasie des Reporters, welcher den Wünschen der Leser der „Staatsbürger-Zeitung" auf diese sinnige Weise entgegenkam. — M — Frankreich Paris. (Orig.-Corr.) Am 13. und 14. März hielt Thibbeaud in Versoul und Dijon antisemitische Versammlungen ab, zu denen in beiden Städten die Stadtbehörden den größten Saal des Rathhauses zur Verfügung gestellt hatten. Die Stützen der Gesellschaft beider Städte wohnten den Versammlungen bei. Besonders zeichneten sich die Damen durch die Begeisterung aus, womit sie Thibbeaud Beifall klatschten, als er ausführte, dass alle Juden Verräther seien, und Frankreich sich von ihnen befreien müsse. Paris. (Orig.-Corr.) Im Frühling des Vorjahres fand ein blutiges Rencontre zwischen Juden von Mostaganem und Radfahrern statt, welche diese gröblich insultiert hatten. In der Ende Februar in Montpellier stattgefundenen Verhandlung wurden die Juden, sieben an der Zahl, trotzdem sie uachwiesen, dass es sich um einen Act der Nothwehr gehandelt habe, zu Gefängnisstrafen von 5 Tagen bis zu 10 Monaten und zu einer Geldentschädigung an die Radfahrer verurtheilt. Das Publikum, das der Versammlung beiwohnte, griff wiederholt mit antisemitischen.Kundgebungen in dieselbe ein und nahm den Urtheilsspruch mit großem Beifalle auf. England. London. (Orig.-Corr.) Wenn es noch irgend welcher Beweise bedurfte, wie nothweudig der Zionismus für die jüdischen Volksmassen in England ist, so wäre er durch den letzten Bericht des ..board of guardians“ vollständig erbracht. In 4286 Fällen musste dieser seltene Armen-Unterstützungsverein intervenieren und es handelte sich zusammen um circa 16.000 Menschen. Sein Gesammteinkommen betrug im Jahre 1897 42.611 Pf. St., um 1400 Pf. weniger als im vergangenen Jahre, und seine Ausgaben bezifferten sich auf 35.612 Pf., ebenfalls um 1369 Pf. weniger. Von den Unterstützten sind 90 % Eiugcwandecte. Wir sehen somit, dass 20 % Juden in dieser handelsreichsten und wohlhabendsten Stadt lediglich von der Wohlthätigkeit leben. Und über 1000 Pfund gibt der Verein aus, um die Juden zu repatriieren. Somit besteht auch in England ein jüdisches Massenelend und ein jüdisch-sociales Problem, dem nur noch der politische Beigeschmack fehlt. Tie edlen Männer und Frauen leisten im Vereine das Menschenmögliche, aber was können sie allein gegenüber solcher Noth ansangen. J. de H. % Nerkinsmchrichtkn. Wien. Im Vereine „Z i o n" II, Rembrandtstraße 11, wird Herr I. R. Brandes am 29. a. <-. einen Vortrag über das Thema „Pessimismus und Optimismus im Judenthum" halten. Beginn 7 Uhr abends. Gäste willkommen. Wien. «Verbindung österr.-schles. Hochfchüler „Jvria".) Die Wahlen für das Sommersemester im Convente vom 20. d. M. haben zu folgendem Ergebnis geführt: cand. med. Sandor Friedmann Erstchargierter (><)<• cand. jur. Arthur Immer- H 1 ü cf Zweilchargierter (XX), fand, ehern. Hugo Wertheim Driltchargierler «XXX^- Gleichzeitig wurde Herr Dr. Nathan B i r n b ä u m in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um den Zionismus zum Ehrenburschen der Verbindung ernannt. Wien. Die akademische Verbindung „Liban 0 nia" beehrt sich, die Mittheilung zu machen, dass ihre i. a. B. Siegfried Leeb und Richard Sonnenschein am 19. d. M. zu Thierärzten promoviert wurden Wien. Tie akademische Verbindung „L i b a n 0 n i a" hat das Sommersemester am 17. März mit einem zahlreich besuchten Commerse im „Hotel Stephanie" eröffnet. Erschienen waren außer den Wiener akademischen Verbindungen und dem Verein jüdischer Mädchen „Hadassa" zahlreiche Gönner der Verbindung. Der Commers nahm einen sehr animierten Verlaus und dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Wien. Der Verhaus- und Talmud-Thoraschulverein „Cheh Tow* veranstaltete Samstag, den 19. März im Festsaale des Thiergartens, II., Schüttelslraße, einen Vortragsabend, dessen Reinerträgnis der neugegründcten Schule des Vereines, in welcher meistens arme und verwaiste .Kinder unterrichtet werden, zufließt. Brünn. Die jüdisch-akademische Ferialvcrbindung „Z e p h ir a h" in Brünn veranstaltete am 26. Februar 1898 einen Vortragsabend, bei welchem Herr Prof. Dr. Max Grün seid aus seinen „Skizzen über das mährische Ghetto" vorlas. Er erntete mit seinen Ausführungen, in welchen er die jüdisch-nationale Tendenz betonte, reichen Beifall. Czernowitz. Der akademische Verein „Z e p h i r a h" in Czernowitz veranstaltet einen Cyclus von allgemein zugänglichen

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