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Die Welt · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Article
Wie viel Juden zählt Russland? [Nachricht]
Date
1898-03-25
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seile 8 Nr- 12 Rechnet man nun die 50.640 stellungspflichtigen Juden in dieser Weise um, so bekommt man 3,240.000 jüdische Männer. Zusammen dann 7 Millionen Juden in ganz Russland! Jüdische Soldaten in der rassischen Armee. Die letzte Recrutierunz hat zu folgenden Resultaten geführt: Christen Juden Stellungspflichtig waren .... 919.332 50.460 Affentiert wurden. 264.894 15.934 Percentuell stellten somit zum Heerescontingent. 28 92 31-58 % Bei gleichem Percentsatz würden stellen. 266.215 14.613 Eine Ritnalgeschichte. In Chrzanöw (Galizien) verschwand vor kurzer Zeit ein bei dem jüdischen Fleischer Ephraim Bachner bedienstetes Mädchen. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, verbreitete sich nun in dem Städtchen das Gerücht, der Jude habe das Christenmädchen geschlachtet re., :c. Der Fleischer und seine Angehörigen geriethen in die größte Gefahr. Die aufgeregte Bevölkerung drohte mit Todschlag, Plünderung. Durch einen Zufall stellte es sich heraus, dass das Mädchen wohlbehalten bei einem Mädchenhändler weile, an den es sich behufs Gründung einer bequemeren Existenz gewandt hatte. Moderne Plakate. Das galizifche Städtchen Andrychau hat in der letzten Zeit seinen Reichthum an Straßenplakaten um eine höchst moderne, actuelle Plakatserie vermehrt. Die Plakate, die der Bürger bei seinem Morgenspaziergang an den Straßenecken angehestet findet, tragen die Aufschrift: „Erschlaget die Juden, mordet die Bestien!" Die Plakate finden einen sehr aufmerksamen Leserkreis. Matka Schwarzenkopf. Bezugnehmend auf die in unserem Blatte veröffentlichte Besprechung der „Maika Schwarzenkopf", theilt uns die Verfasserin Frau von Zapolska mit, dass sie selbst den dritten Act geschrieben hat, und dass Komiker Modzelewski nur einige Couplets und Einlagen dazu gemacht hat. Frau von Zapolska hat in letzter Zeit ein neues Drama aus dem jüdischen Volksleben „Jojne Firulkes" vollendet, dass demnächst im Warschauer Odeon-Theater aufgeführt werden soll.. Die Gattin des deportierten Capitäns Dreyfus hat an den Minister der Colonien, Lebon, folgendes Schreiben gerichtet: „In all' seinen Briefen empfiehlt mir mein Gatte, trotz meinem innigen Wunsche, mich zu ihm zu begeben, hier zu bleiben und alles anzuwenden, um über den schrecklichen Rechtsirrthum, dessen Opfer er ist, Austlärung zu schaffen. Aber ich denke, dass es meinePflicht nunmehr i st, d a s S ch i ck s a l meines Garten auf der Insel, wo er deportiert ist, mit i h m zu t h e i l e n. Er war krank und siecht langsam dahin in grauenhafter, unverdienter Strafe. Trotz feiner Seelenstärke und seinem Heroismus gelingt cs ihm nicht immer, mir seine Leiden zu verhehlen. Ich flehe Sie an, Herr Minister, nur zu gestatten, ihn im Bagno aufzusuchen, ihn wiederzusehen. Das Gesetz gewährt diese mir von Ihren Vorgängern nicht ertheilte Erlaubnis sogar den Frauen offenkundiger Verbrecher. Ich rufe das Gesetz an, ich rufe Ihr Mitleid an. Was können Sie davon befürchten, dass ich bei meinem Garten auf dieser fernen Insel weile. Ich unterwerfe mich voraus dem über ihn verhängten Regime und werde dessen ganze Strenge mit ihm theilen. Genehmigen Sie :c. :c." Das Gesuch der unglücklichen Frau wurde abschlägig beschieden. Die Inden an der Pariser Börse. In der französischen Kammer vom 8. März sagte Cremieux: „Man hält auch an der Pariser Börse die Juden möglichst fern. In der Syndicatskammer der Pariser Wechselagenten herrscht eine antisemitische Strömung." Bezeichnend ist folgender Vorfall: Unter dem Ministerium Rouvier wurde ein jüdischer Candidat von der Syndicatskammer abgewiesen. Rouvier nahm jedes Mitglied der Kammer einzeln ins Gebet und fragte, was man gegen den Candidaten vorzubringen habe. Man antwortete ihm, er sei kurzsichtig, und es könnten dadurch Verwechslungen entstehen. Der Finanzminister gab sich mit dieser Ausrede nicht zufrieden und veranlasste eine Abstimmung. Der jüdische Candidat erhielt eine einzige Stimme. Später gab jeder der Wechselagenten dem Minister im Privatgespräch die Versicherung, er habe diese Stimme abgegeben. Mk stonißische Kewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. Kokesch, Hof- «nd Gerichts-Advoeaten in Wie«. I., Singer straße Ä5, zu sende«. / Bielitz-Biala. Dank der intensiven Agitation der hiesigen Jüdisch-nationalen Ferialverbindung „Emunah" ist der zionistische Gedanke unter das jüdische Volk hier getragen worden, und so war es uns möglich, der hiesigen jüdischen Bevölkerung Gelegenheit zu bieten. Genaueres über den Zionismus aus dem Munde eines Berufenen zu hören. Gestern, den 14. d. M., fand hier im Saale des „Kaiserhof" ein zionistischer Abend statt, zu dessen günstigem Verlauf die Anwesenheit des Herrn Tr. Siegmund Werner sehr viel beigetragen hat, denn sein Rus als Redacteur der „Welt" gieng ihn: voran und lockte so Manche heran, die bei derartigen Veranstaltungen zu fehlen pflegten. Und sie wurden in ihren Erwartungen nicht getäuscht. In trefflicher Weise erklärte Herr Dr. Werner den gespannt Lauschenden die Idee des Zionismus mit Worten, die „von Herzen kommen und daher zu Herzen dringen". Herr Dr. Glaser, Rabbiner in Biala, legte hierauf mit jugendlichem Eifer vor der Versammlung sein Glaubensbekenntnis zum Zionismus ab, und begeistert rief er aus: „Ich kann es mrt Stolz sagen: ich bin Zionist!" Ein Ruf, dem ein tosendes Bravo folgte. Herr Prof. Feuer st ein strengte sich an, den Zionismus als Rückschritt zu bezeichnen, vergaß aber dabei, das „Wie" anzuführen. Er verflieg sich sogar zu der naiven Frage: „Ja. warum sollen denn gerade die armen Juden auswandern müssen, warum machen Sie pch nicht auch an die Reichen?" Herr Rabbiner Dr. Steiner aus Bielitz glaubte, sich den Protest-Rabbinern anschließen zu müssen. Mit bewunderungswürdiger Dialectik widerlegte Herr Dr. Werner an der Hand von Thatsachen all» Eontraredner, so dass folgende, von' Herrn Dr. Lehrfreund eingebrachte Resolution fast einstimmig angenommen wurde: „Die am 14. März 1898 im „Hotel Kaiserhof" versammelten jüdischen Bielitz-Bialaer Bürger und Bürgerinnen und die zionistische Studentenschaft von Bielitz-Biala danken dem Abgesandten des Wiener Actionscomitös, Herrn Dr. Siegmund Werner, für seine Ausführungen und erklären, dass sie nach wie vor demActionscomitö das unbedingte Vertrauen entgegenbringen, dass es die Sache der Juden zu einem glücklichen Ziele leiten werde. Mit besonderer Befriedigung und der größten Spannung sehen die Versammelten dem im Älugust stattfindenden Baseler Eongreffe entgegen, indem sie hopen, dass er für die in ihren Rechten verkürzte Judenheit besonders Wichtiges und Ersprießliches durch seine Beschlüsse erreichen wird." Nach Annahme dieser Resolution lud der Vorsitzende, Herr D r. S t e r n b e r g , die Versammelten ein, sich der hiesigen Ortsgruppe des Verbandes „Zion" in Wien anzuschließen, und es war eine Genugthuung, anzusehen, wie so mancher Jude mit Begeisterung sich hindrängte, um seinen Namen auf dem aufgelegten Anmeldebogen einzuschreiben. —ff. Kolonie«. In unserem vor Jahren gegründeten Zionsvereine „B e t h I s r a e l" herrscht, seitdem unser Delegierter am B a s e l e r C o n g r e s s, Herr Dr. R o s e n h e ck. in zwei großen, zahlreich besuchten Volksversammlungen über den „B a s e l e r C o n g r e s s", und der unermüdliche zionistische Agitator Herr Löbel Taubes über „Die Stellungnahme zum Zionismus" referierten und die vollständige Uebereinstimmung der Vereinszwecke mit den für alle Zionisten bindenden Eongressbeschlüffen klargestellt wurden, ein sehr reges Leben. Besonderes Interesse zeigt die hiesige jüdische Bevölkerung den jedesmaligen Vereinsveranstaltungen. Dies zeigte die hier vor Kurzem von einem gastierenden „Jüdischen Theater", über Veranlassung des Vereines erfolgte Aufführung des Stückes „Die Sehnsucht nach Zion". Dank der rührigen Agitation unseres Vereines war der Theatersaal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt, und als die Klänge des Liedes „Die Sehnsucht nach Zion", besonders aberdesSchlussrefrains:„Aheim,Aheim nach Jerufchalaim zurück!" ertönten, wollte der Applaus kein Ende nehmen. Dasselbe Bild und dieselbe Begeisterung zeigte auch das zu Gunsten des Vereines aufgesührte Tendenzstück „Messias Zeiten" von Goldfaden. Den Glanzpunkt unserer Veranstaltungen aber bildete das am 12. d. M. von^ unserem Vereine veranstaltete Purimf e st. Der große Gemeinderathssaal, woselbst das Fest stattgegesunden, war schon lange vor der anberaumten Stunde dicht gefüllt, so dass sehr Viele, die etwas später gekommen, keinen Platz mehr finden konnten. Nach den trefflichen Begrüßungsworten des Herrn LöbelTaubes intonierte die Musik, unter der Leitung unseres Vereinsmitgliedes, des Virtuosen Herrn Kalman Hirom, süße Zionsmelodien, worauf ein förmlicher Sturm von Applaus erfolgte. Herr Dr. Rosenheck hielt sodann eine formvollendete Festrede," welcher einige kurze, für die orthodoxen Besucher berechneten Bemerkungen des Herrn Slopkowitzer folgten.

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