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Die Welt · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Article
New-Yorker Brief
Date
1898-03-25
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr- 12 Seite 7 New-Vorker Brief am 10. März 1898. Tie Brooklyner „C h o w e w e Zion" hat beschlossen, das Purimfest mit der Aufführung eines zionistischen Theaterstückes zu feiern. Der Hauspoet des Vereines. Herr Jacob L. Schnitzer, war rafch zur Hand, und das von ihm geschriebene dreiactige Melodrama „Der ewige Wanderer" konnte gestern vor einem mindestens tausend Personen zählenden Publicum in Scene gehen. Das Stück ist kein Kunstwerk, es entbehrt auch der Bühnentechnik, aber dem Zwecke, dem Zionismus neue Anhänger zu sichern, hat es vollkommen entsprochen und an manchen Stellen recht packend gewirkt. Tie erste Scene lässt uns eine Schaar verzweifelter Juden fehen, die, an die Grenze ihres Geburtslandes gesetzt, ihrer zwangsweisen Wanderung kein Ziel zu setzen vernrögen. Ta naht den Verzweifelnden sich in Gestalt eines lebenserfahrenen Juden ein Retter, der ihnen verspricht, sie in das Land der Väter heimzuführen. Das bloße Versprechen wirkt belebend, es richtet die Gebeugten auf und in froher Begeisterung stimmen sie Jubellieder an. Ter zweite Act führt uns an den Hof des Sultans, wo ein christlicher Geistlicher auf das menschenfreundliche Wirken seiner Kirche hinweift und für diefe Palästina beansprucht. Ta erscheint der Führer der Juden. Er zeigt dem Sultan die Brandmale an feinem Körper, ebenfoviele Zeichen christlicher Menschenliebe. Er entwirft ein packendes Bild des Judenjammers und legt das Anrecht der Juden auf Palästina klar. Ter Sultan, tiefgerührt von den Worten des Juden, verspricht, sich seines verfolgten Stammes anzunehmen und im letzten Siete sehen wir die Juden, unter Vorantragung einer weißen Fahne mit sieben Sternen in Palästina einziehen. So schlicht die Handlung war, sie wirkte, und angesichts der neuen jüdischen Fahne erhob sich ein brausender Beifallssturm. Der Aufführung folgte eine animierte Tanzunteryaltung, die bis zum frühen Morgen währte. Der Verband der Zionistenvereine geht nun daran, regelmäßige Wochenbulletins herauszugeben, damit alle dem Verbände angehörenden Zionisten über den Stand der Bewegung genaue Kenntnis haben sollen. Die Bulletins werden von nächster Woche an in Deutsch und Jargon erscheinen. Reverend Zodikoff ist vor einigen Tagen nach Europa gereist. Der Zionismus in Amerika hat in ihm eine tüchtige Kraft verloren, die nun der Bewegung in Europa zugute kommen wird. LI. 8. & Tribüne. Kifchineff, •">. (17.) März 1898. 31 n die Löbliche Redaction der „W e l t". In Nr. 10, Seile 5 Ihrer iverthen Wochenschrift haben sich in der Mittheilung „Aus Russland" des Herrn Sch. einige Fehler eingeschlichen, die vielleicht dadurch entstanden sind, dass ich vom geehrten Herrn Sch. missverstanden wurde. Erstens habe ich gar nichl behauplel, dass „d a s Volk s e i n e S e h n s u ch t und l a n g e s H o f f e n indie Baseler Formel zusammengefasst" habe. Ich meine, dass diese Formel nur eine Eompromissformel für die Befriedigung aller Parteien war und doch sehr wenige tieferdenkende Zionisten befriedigt hat. Desto weniger konnte sie das alte Hoffen des Volkes befriedigen, welches schon ganz gewiss nichl bloß nach „einem m i t I u d e n gefüllten Gemein wese n", sondern unbedingt nach „einem jüdischen Staat, aufgebaut aus jü bischer Tradition und jüdischen Forderunge n" lechzt und sich sehnt. Ich habe nur behauptet, dass das Volk der Idee des politischen, offenen Zionismus viel mehr Sympathie entgegenbringt, als der bisher bloß üblichen langsamen Eolonisierungsmethode. Zweitens habe ich nur über die -Absicht der zionistischen Vereine Russlands mitgetheilt, sich Projectionsapparate und geeignete Bilder anzuschaffen, um die Volksgeschichte anschaulich wiederzugeben, nicht aber, dass die gute Absicht schon ins Leben gerufen worden ist. Am Ende aber wurde ich gänzlich missverstanden in der „Gegner"-Frage. Als einer der Zionisten (.die nur so lange diesen Ehrennamen verdienen, als sie von rein demokratischen Princivien ausgehen und ihre Volksrettungspläne aus Volksideale basieren», bin ich immer und stets der Ansicht gewesen, dass echte Zionisten nur einen echt jüdischen, nach mosaischem, nicht aber nach römischem Rechte eingerichteten Staat beabsichtigen, und konnte keinesfalls dieses „Calcul" als einen gegnerischen beleuchten. Wenn der geehrte Herr Sch. die „Ehowewe Zion", die von einem höheren Lohn für das Martyrium der Juden, als einem einfachen, von Juden gefüllten bourgeoisen Gemeinwesen sprechen, als Gegner des Zionismus ansieht, so ist es meiner -Ansicht nach grundfalsch : in so einem Sinne rühme ich mich, auch so ein Gegner pur snng zu sein. Ich sprach nur davon, dass, während die politischen Zionisten die offene, noch vor dem Baseler Congress ausgestellte Formel des politischen Zionismus als einzig richtige Methode zur Erzielung der Volksideale annehmcn und die intellectuelle -Arbeit nur als unbedingte Forderung für die Vorbereitung des Volkes zur politischen Selbständigkeit betrachten, die Gegner des rein westeuropäischen Zionismus überhaupt von den politischen Plänen wenig erhoffen und außer der intellectuellen -Arbeit ihre Energie nur aus die langsame Eolonisation verwenden. Meiner Ansicht nach ist diese Gegnerschaft auch eine formelle und wird nach den ersten Erfolgen der politischen Partei schwinden, und ich möchte nur eins herbciwünschcn: dass dieser unglückselige Wortkampf der zu einem und demselben Ziele strebenden Volksparteien schneller zu einem Frieden ausgehen soll, der wahrhaftig mehr den reellen Gefühlen beider entspricht. Hochachtungsvoll Ein Zionist aus Bessarabien. & Meltchronik. Freiherr v. Lueger. Wie verlautet, soll Tr. Lueger ebenso wie die Bürgermeister von Budapest und Serajevo, anlässlich des Regierungs-Jubiläums des Kaisers in den Freiherrnstand erhoben werden. Bundesbrüderschaft. Bei den jüngst in Wien stattgefundcnen Gemeinderathswahlen hatten in mehreren Bezirken die Teutfchnationalen mit den „Judenliberalen" ein Bündnis zur Bekämpfung der Christlichfocialen geschloffen. „Schulter an Schulter" schritten die Verbündeten zur Wahlurne, erfüllt von der Parole, die der deurfchnationale Abgeordnete K. H. Wolf bei einer Wählerverfammlung in folgende Worte gekleidet hatte: „Stuf in den Kampf gegen christlichen Socialismus und Jude nthum, auf in den Kampf für Deutfchthum und Freiheit." Ungarische Studenten. Am 15. März hielt in Budapest der Landesstudenrencongrefs eine Sitzung ab, und in dieser äußerte sich der Antisemitismus unter einem beträchtlichen Theile der Studentenschaft in energischer Weife. Es kam zu turbulenten Scenen zwischen Antisemiten und Liberalen, so dass die Sitzung noch vor Erledigung der Tagesordnung geschloffen werden musste. Tie Studenten zogen in zwei getrennten Gruppen aus dem Versammlungslokale. Zur Lage der Juden in Russland. Nun dringen neue Gerüchte in die Leffentlichkeit über die Fragen, die das ruffische Ministerium in den Bereich der Erörterungen im Schoße der Jndencvnnniffion, deren Constituierung wir unlängst signalisierten, zu ziehen gedenkt. Es sollen, wie die russischen Blätter melden, genaueste Untersuchungen darüber angestellt werden, welchen Berufskategorien die auf Grund der im Gesetze verzeichneten besonderen Vorrechte i u D ö r f e r n und M a r k rf lecken außerhalb des Ansied lungsrayous wohnhaften Juden augehören. Zugleich snchr das Ministerium festzustellen, welche Beschäftigungen die durch das Brantweinmonopol brotlos gewordenen jüdischen Schänker nunmehr ergreifen. Wie viel Juden zählt Russland? Tie Zahl der Juden in Russland ist eigentlich ein großes Räthsel. In Ermangelung einer diesbezüglichen Statistik ist man lediglich auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Muthmaßungen angewiesen. Ter eine glaubt zwei bis drei Millionen, ein anderer mehr als fünf, ein dritter gar zehn n. s. w. Sinn lässt sich aber eine viel glaubwürdigere Wahrscheinlichkeitsrechnung in folgender Weise aufftellen. Russland zählt 126,411.000 Einwohner, davon 63.-253.000 Männer. Im letzten Jahre wurden zur Assentierung 968.333 Männer gestellt, also ein Stellungspflichtiger auf 64 Männer.

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