Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-03-25
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 Seite 3 Die Abgeordneten Wulf und Schönerer führen den Reigen, und sie üben eine unverkennbare Macht auch auf die gemäßigteren deutschen Fractionen aus. Wohin wird es aber mit dem Parlament kommen, wenn die Opposition sich abermals bis zur Obstruction verdichtet? Dann stehen wir vor der Möglichkeit eines Versassungsconslictes, von dem die Urheber der Unordnungen viel weniger zu befürchten haben, als die Mitläufer und Nachläufer. Diese Erkenntnis musste sich eigentlich jedem ruhigen Betrachter ausdrängen, aber wird das vom Mitlansen und Nachlausen abhalten? Und so dürfen wir wohl auch in der Aera Thun daraus gefasst sein, dass die kurzsichtigen Politiker, die sich heute von ihren gestrigen Feinden, den deutschnativnalen Antisemiten, blindlings führen lassen, aus einem Fehler in den anderen taumeln werden, bis ans Ende. Bis zu welchem Ende? In Algier hat man Herrn R6gis, den Anstifter der Indenmassacrcs, schandenhalber verhaftet, weil es am Ende ja doch unschicklich wäre, wenn dieser talentvolle Plünderer aus seinem Raubzug blos mit einem Kammermandat hervorgienge. Man sperrt ihn also ein bisschen ein — „ Gerechtigkeirspslege" sagt ■ dann der Herr Minister aus der Tribüne. Für Herrn Rögis kann es aber gar keine bessere Wahlagitation geben, als diesen Arrest. Das hat sich sogleich gezeigt. Man begann nämlich augenblicklich die seit dem letzten Excesse frisch eingeschnittenen Fenster der Iudenhäuser auf's Neue zu zertrümmern. Wenn die Wahl Rögis zweifelhaft gewesen sein sollte, so erscheint sie nach seiner Verhaftung vollständig gesichert. Er kommt bei diesem harmlosen Instizabenteuer mit Leichtigkeit aus seine Kosten, die sich ohnedies nicht sebr hoch belaufen, wenn ntcr» bedenkt, dass der Agitationssond aus jüdischer Habe zwangsweise bestritten wird. Tie Eßterhazy-Partei — es gibt eine solche, seitdem der Herr Major a. D. die dunklen Existenzen ovationssähig gemacht har — tritt jetzt für den Grundsatz ein: „Frankreich den Franzosen!" Die Naturalisation soll erschwert, eine Fremdensteuer eingesührt werden.- Hätte man in Frankreich immer so gedacht, dann wäre man von Rousseau augesangen über Napoleon bis zu Gambetta bei manchem großen Manne vor dem Dilemma gestanden, ob man ihn als Nationalhelden feiern oder als „Fremden" besteuern solle. Unter dem ausrüttelnden Einfluss von Russland und Deutschland wird sich China ohnedies früher oder später entschließen müssen, seine Mauer abzubrechen. Vielleicht wünscht die Eßterhazy-Partei diese Mauer für Frankreich zu erwerben. Das Baumaterial dürste billig zu haben sein, und Dauerhaftigkeit wird garantiert. Nur mit den Bauplänen müsste man vorsichtig sein. Ein neuer Eßterhazy könnte ein Bordereau davon anserligen und wieder Unfug damit treiben. Aus allen Wersten, an den Usern aller Meere werden Panzerschiffe gebaut, Kriegsflotten gerüstet. Die wichtigsten Kämpfe, die bevorstehen, werden zu Wasser ausgesochteu werden. Vielleicht keimt da eine große Zukunstsidee: Tie Mächte vereinigen sich, dass die fruchtbare Erde nicht mehr vom Schlachtengewühl zerstampft werde, und bestimmen den weiten Ocean als den fortan ausschließlichen Tummelplatz des Krieges. In Prag haben sich in den jüngsrverflossenen stürmischen Tagen um den Abgeordneten Wolf auch jüdische Studenten geschaart. Wie er sie behandelte, darüber ist ausführlich nichts bekannt geworden. Benöthigt hat er sie einigermaßen, da in den Zeiten der Noth alle wichtigen propagierenden Elemente zur Hilfe herangezogen wurden. Es muss ein merkwürdiger Zauber von solchem Umgang ansgehen, denn wie oft sie sich auch schon die Nase verbrannt haben, keimen manche Juden doch keine höhere Wonne, als die, zu den schwarz-roth-goldenen Fleischtöpfen riechen zu dürfen. In Wien waren einmal Azteken ausgestellt. Um ihre dumme Vergesslichkeit zu veranschaulichen, hatte man einen Apparat construiert. An einem Baumast hieng ein Balken, an einer Schnur befestigt. Zog Jemand an dieser Schnur, dann klappte der Balken herunter und schlug den Dümmling aus den Kops. Tie Azteken hatten das von einemmale auf's andere vergessen und zogen unaufhörlich an der lockend herabbanmelnden Schnur, wie sehr ihnen auch von den vielen Schlägen der Schädel brummen mochte. — So ungefähr benehmen sich manche Juden. In den böhmischen Bezirken, wo sich die Deutschen gegen die Tschechen energisch zusammenthun, lässt man auch die Juden mit heran, weil sie eine willkommene Verstärkung bilden. Ta war in Saaz eine Versammlung gut besucht, und der Vorsitzende, der die Erschienenen einlud, Platz zu nehmen, fügte, offenbar mit Rücksicht aus den Raummangel hinzu: „Tie Juden können stehen". Und die Juden standen, — als Symbol für die Rolle, die sie zu spielen gewohnt sind, und man lachte und fand die Sache ganz in der Ordnung: Tie Inden können Stehen. Vielleicht sehen sie sich, wenn ihnen die Beine lahm geworden, schließlich doch nach einer Gesellschaft um, in der sie niedersitzen dürfen. Immer, wenn das Passahsest herannaht, taucht der Blntblödsinn irgendwo ans. Das ist schon ein ständiger Saisonwitz geworden, sv typisch, wie die immer wiederkehrenden Norizen von den verfrühten Maikäfern und den ersten Schwalben. Diesmal war es Reichenau, wo eine Köchin sich einbildete, ihre jüdische Zimmerfrau zapfe ihr im Schlafe Blut ab. Sie hatte eben in einem Fünskreuzerroman von einer ungarischen Gräfin gelesen, die es liebte, ihren Mägden zur Ader zu lassen, und sie war so erschüttert von diesem Meisterwerke, dass sie Hallucinationen bekam. Die arme Frau, die das Pech hatte, diese begeisterte Köchin zu beherbergen, musste klagbar werden. Das Gericht schickte die Küchenfee nachhause und empfahl ihr eine bessere Lectüre. Allerdings erst, nachdem man von drei Aerzten hatte constatieren lassen, ob sie wirklich kein Blut verloren. In Oberklee bei Saaz ertappte eine Frau, die ihr Kind allein gelassen, als sie wieder nach Hause kam, fünf Zigeunerinnen dabei, wie sie das Kind stehlen wollten. Wäre die Frau eine Stunde später gekommen, so würde sich der Verdacht nicht gegen die Zigeuner gerichtet haben, und die ahnungslosen Juden hätten vielleicht rothe Ostern erlebt. & Die „Kadinrah". Zur Feier ihres XXX. Semesters. Von Tr. Tiegmund Werner. Es war im Jahre 1882. In endlosem Zuge wälzte sich Elend und Grauen über die Grenzen Russlands. Tie große Austreibung der russischen Juden war im Werke. Unsere Großväter erzählten uns schaudernd, welchen furchtbaren Eindruck einst der Jammer der aus Russland flüchtenden großen Armee aus sie gemacht hatte. Unvergessen lebte diese Jugenderinnerung iu dem Herzen der Greise fort. Und da haben wir es wieder erlebt. Tausende und Abertausende flohen unaufhaltsam aus Russland, den Feind hinter sich, das grinsende Gespenst der 'Roth vor sich. Tas war eine große Armee, deren Elend noch furchtbarer zum Herzen aller sprechen musste: denn als ruhige, friedliche Bürger ihres Landes hatte sie das Schicksal von Landesseinden getroffen, unverschuldet, mitleidslos. Tas war dieGründungszeitdcr „Kadimah".Unterdiesem gewaltigen, unauslöschlichen Eindruck traten jüdische Studenten in Wien zusammen. Sie wussten, was diese Mahnung zu bedeuten habe. Sie waren sich auch klar, was sie zu thun hatten. „Sie waren mit sich im Reinen". Ihr Programm war demnach auch kurz und einfach. Be-