Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Article
- Märztage
- Date
- 1898-03-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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9lt. 12 lung hinüberleiten will. Als William Penn nach dem transoceanischen Continent hinübergieng, um dort den ersten Staat zu gründen, nahm er den Lehrsatz mit: „Gesetz ohne Freiheit ist Sklaverei, Freiheit ohne Gesetz ist Anarchie." Was damals auf den Staat bezogen wurde, wird heute für jedes einzelne Individuum in Anspruch genommen; Collectivismus und Anarchie sind Wandnachbarn, aber um sie wirksam abzuwehren, haben Individualismus und Gesetz einen festen Bund geschlossen. Dieser Bund ist das wahre Mittel gegen die Revolution von früher, die wirkliche Losung für die Evolution von heute. Und mit dieser Losung segelt der Zionismus südöstlich, um Goethes Wort zu wiederholen. Ter Revolutionär Moses Heß that es schon vor dreiundvierzig 'Jahren, sein Buch, das ein einziger Sehnsuchtsschrei war, wurde ein Hausbuch seiner jüdischen Zeitgenossen in Deutschland, die doch nicht ahnten, wohin seine Sehnsucht gieng. Es musste sich erst zeigen, wie verzweifelt wenig gerade die Juden den Märztagen des Jahres 1848 zu danken haben, bis man ihn begriff. Ganz im Stillen, wie ein Keim unter der Erde wächst, bis er den Weg zum Sonnenlichte findet, hat dann der zionistische Gedanke Wurzel gefasst, sich verbreitet und concrete Gestalt angenommen. Nicht etwa, als ob er an sich etwas bleues gewesen wäre: er war der Refrain aller Gebete, der Feiertagsfpruch aller Feste in der Diaspora, nur verschüttet von der Phantasmagorie der Assimiliation. Die Vorläufer des Zionismus haben auf dem still und mit Ausschluss des öffentlichen Interesses abgehaltenen Kattowitzer (Kongresse den Staub von dem heiligen Gedanken abgestreift, practischen Inhalt jedoch gab ihm der Congrefs von Bafel. Ist aber zwischen den Märzlagen von 1848 und der zionistischen Bewegung von heute wirklich nur ein negativer Zusammenhangs Hat der Zionismus seine moderne Renaissance nur dem Umstande zu danken, dass sich den Juden die Joeale der Achtundvierziger-Revolution nicht erfüllt haben? Rein, es gibt auch einen positiven Zusammenhang, einen sehr positiven sogar. Das Jahr 1848 war das Todesjahr des Weltbürgerthums, das Geburtsjahr des Rationalitätsgedankens. Die Revolutionen hatten Rousseau und Voltaire, Heine, Victor Hugo und Mar Stirner zu Herolden und Predigern gehabt; als sie ab^ geschlossen waren, kamen die Evolutionen an die Reihe, deren Herolde Darwin und Schopenhauer waren. Erhaltung und Fortpflanzung der Art wurde die Parole, die Rationen besannen sich auf sich selbst. Auch über die Juden ist unter schmerzlichen Erfahrungen diese Selbstbesinnung gekommen, und was der Rativnalverein den Deutschen war, das ist der Zionismus den Juden. Es ist charakteristisch genug, dass nach der letzten großen Huldigung für das Weltbürgerlhum, nach der Schillerfeier von 1859, unmittelbar die Gründung des Rationalvereins folgte. Indem die Juden gedrängt wurden, zu erkennen, dass sie einem haltlosen Ideal zu Gefallen ihre nationale Besonderheit verleugnet hatten, erneuerte sich ihnen die alte Sehnsucht nach Heimat und Zusammenhang, jedoch nicht mehr im nebelhaften Schimmer eines Phantoms, sondern in ganz concreten Formen. Ties ist die Entwicklungsgeschichte des Zionismus, im Lichte der Märztage von 1848 betrachtet. Was damals für das Bürgerthum und dessen Befreiung erstritten wurde, haben die Juden miterstritten, aber, wie die Folge gelehrt hat, nicht für sich. Ihnen ist es Vorbehalten geblieben, die Cremieur, Riesser, Laster dafür zu ehren, was sie den Anderen miterkämpsl haben, nicht ohne gleichzeitig zu zeigen, dass die Juden niemals Mangel haben können an edlen, hochgesinnten Männern, wenn sie darauf angewiesen sind, für sich selbst um ihre menschliche und nationale Lebenswürdigkeit zu kämpfen. „Südöstlich diesmal segeln wir." Der rweile Zionisten-Congrrss. Instruction für die Wahlen zum Baseler Zionisten-Congresse. I. Tie Wahlen der Delegierten zu dem am 28., 29. und 30. August 1898 in Basel stattfindenden Zionisten-Congresse werden auf Grundlage der bezüglichen, am vorjährigen Zionisten-Congreffe gefassten Beschlüsse durchgeführt. II. Diese Beschlüsse sind: a) Jeder Zionist, der berechtigt sein will, Delegierte zum Congresse mitzuwählen, zahlt jährlich freiwillig für zionisttsche Zwecke mindestens einen Schekel im Betrage von 1 Franc =- 1 Schilling V* Dollar lj3 Gulden 40 Kopeken — 1 Mark. (Punkt 2, Abth. 1 des Organisationsstatutes, S. 151 des officiellen Protokolles). b) Jede zionistische Ortsgruppe wählt einen Delegierten znm Congrefs. Ilebersteigt die Mitgliederzahl einer Gruppe 100, so wählt sie für jedes weitere Hundert oder einen Bruchtheil einen weiteren Delegierten. Kein Delegierter kann mehr als 10 Stimmen auf seine Person vereinigen (Punkt 2, "Abs. 1 des Organisattonsstattltes S. 158, Absatz ö und S. 159, Abs. 4 des officiellen Protokolles. III. Nach diesen Bestimmungen ist die Schekelzahlung die Grundlage der Wahlberechtigung. Die Quittung über den bezahlten Schekel bildet die Wahllegittmatton. kV. Tie Wahl geschieht nach Orten. Jeder Ort bildet einen Wahlbezirk. In Städten, welche aus mehreren Bezirken bestehen, bildet jeder Bezirk einen Wahlbezirk. V. Inhaber von Schekelblocks haben die Schekelgelder und Mitgliederverzeichnisse bezw. die Juxten der Schekelquittungen spätestens am 15. Juni 1898 an das Congressbureau nach Basel einzusenden. An diesem Tage werden die Schekellisten für den diesjährigen Congrefs geschlossen. Später einlangende Listen werden nicht mehr berücksichtigt. VI. Das Congressbureau in Basel legt die Listen in Truck und versendet sie an die Blocksinhaber zur Bertheilung an die legitimierten Schekelzahler. Bis 15. Juli werden Reclamationen gegen etwaige Auslassungen, unrichttge Einttagungen u. s. w. entgegengenvmmen. Tie Telegicrtenwahlen müssen bis Ende Juli vollzogen sein, und das Resultat derselben unter Anschluss der vonl Schekelblockinhaber und einem Schriftführer beglaubigten Wahlprotokolle dem Congressbureau nach Basel in der ersten Augustwoche bekanntgegeben werden. VII. Einberufer und Leiter der Wahlen sind an jedem Orte die Inhaber von Schekelblocks. Sind an einem Orte mehrere Inhaber von Schekelblocks, so haben sich diese über den Einberufer und Leiter der Wahlversammlungen zu einigen. VIII. Die Delegierten brauchen nicht aus der Mitte der wählenden Schekelgruppc gewählt zu werden. Kleine Schekelgruppen, welche keinen eigenen Delegierten zu entsenden in der Lage sind, können mit anderen Gruppen zusammen einen Delegierten bevollmächtigen. Schekelgruppcn, welche allein oder zusammen mit anderen aus w> lchem Grunde immer aus ihrer Mitte keinen Delegierten entsenden können oder wollen, steht es frei, aus der Liste der vorjährigen Congressmitglieder nach vorhergegangeuer Anfrage einen zu wühlen. Sie können sich auch an das Congressbureau um Auskunft wenden. Im Aufträge des Congressbureaus wird demnächst eine Pnblication erscheinen, die das größte Interesse aller Zionisten erwecken dürfte. Es ist dies ein Buch über Palästina, worin unter Berücksichtigung der gesammten modernen Literatur eine Darstellung der jetzigen Zustände des Landes gegeben werden soll. Tie Redaction ist in den Händen von Leo Rafaels. & Die Woche. Wien, 24. März 1898. Ter österreichische Reichsrath ist wieder versammelt. In einem beispiellosen Lärm giengen die Berathungen vor mehreren Monaten unter, und mit Getöse haben sie wieder begonnen.