Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Article
- New-York [Nachricht]
- Date
- 1898-03-18
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Seite 11 Beide Centralen gehen nun daran, Conventionen einzubernfen, bei welcher Gelegenheit auch die Delegaten für den bevorstehenden Congress erwählt werden sollen. Allerdings gibt es auch Vereine, die sich keiner der beiden Centralen anschließen wollen. Eine Einheit wäre auch undenkbar, und wird es sich zweifellos als ersprießlich für den Zionismus erweisen, wenn die Zionisten sich in Parteien gruppieren und gruppiert bleiben. ComsMdkUM. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 15. März. (Orig.-Corr.) Seit einigen Monaten hat man in Galizien nichts von Juden-Excessen gehört. Und sie waren ja fast schon zur Regel geworden. ChodorOw, Schodnica, Tarnäw, PrzemyKlany n. s. s. sind die Leidensstationcn, die die galizische Judenschast in wenigen Alonaten durchgemacht hat, und innerhalb dieser Zeit sind mehr jüdische Existenzen ruiniert, mehr Hab und Gut vernichtet, mehr Thränen vergossen worden und ist die ganze precäre, in politischer wie in wirtschaftlicher Beziehung völlig aussichtslose Lage in viel crasserer Weise zu Tage getreten, als es bisher durch Jahre der Fall war. Aber es trat eine kurze Schonzeit ein. Ein neuer Marin trat aus, ein neuer Herr von Galizien, der erst Zeit gewinnen musste, um die Zügel fester zu ergreifen und die vereinzelten Ausbrüche der Volksinstincte zu einem systematischen antisemitischen Kampfe umzuwandeln — Pater Stojalowski. Wieliczka, eine Meile von Krakau entfernt, ist ein kleines, von einigen Tausenden zumeist armen und vom Gctreidehandel lebenden Juden bewohntes Städtchen. Tie polnischen ,.inie?zc/.any" i Itadtbürger) sind von jeher nicht sonderliche Judenfreunde, aber zu Ausschreitungen war es nie gekommen. Was nicht war, ist nun geworden. Bor 14 Tagen eröffnete Stojalowski einem Interviewer, dass der lärmende Antisemitismus Luegers für Galizien nicht anwendbar sei. „Wir halten den praktischen Antisemitismus ohne jede Firma für den besten" — gab er als sein antisemitisches Glaubensbekenntnis zum Besten und seine Anhänger haben diesen Wink mit dem Zamrpfahl verstanden. Es vergiengeu kaum einige Tage und der Psarrsprengel des Pater Szponder ist zum Schauplatz von Excessen geworden, welche die „Neue Freie Presse" folgendermaßen schildert: „Wieliczka, 14. März. Hier haben Freitag und gestern Ercesse gegen die Juden stattgefunden, die, Tank dem energischen Auftreten des Bezirkshauptmannes S z c z e r b i n s k i, darauf beschränkt blieben, dass an der Synagoge und einigen Häusern jüdischer Einwohner die Frnsterscheiben zertrüinmert wurden. Schon seit einigen Wochen gährte es in der Bevölkerung, u. zw. seitdem durch den hieher versetzten Reichsraths Abgeordneten S z p o n d e r Broschüren verthcilt und colporriert wurden, durch welche die bekannten Ammenmärchen gegen die Juden in die unteren Schichten der Bevölkerung getragen wurden. Im Laufe der vergangenen Woche wurde von Seite der antisemitischen Agitatoren das Gerücht verbreitet, dass sechs als Bauern verkleidete und bewaffnete Juden dem 1'. Szponder bei seiner Rückkehr aus .Krakau ausgepasst hätten, um ihn^zu erschlagen. Dieses Gerücht wurde zwar sofort von competentcr stelle dementiert, fand aber bei der ausgestachelten Menge Glauben, und die Folgen zeigten sich Freitag Abends. Aus allen Straßen rotteten sich Leute zusammen, die jedem vorübergehenden Juden Drohungen und Beschimpfungen zuriesen. Gegen Abend vergrößerten sich diese Ansammlungen, und ein Zug von ungefähr aoo Menschen, darunter auch Knaben, zog zur Synagoge. Hier wurde Halt gemacht und ein S t e i n b o m b a r d e m e n t gegen die Fenster der Synagoge und die nebenan liegenden Häuser jüdischer Bürger eröffnet. Nicht Eine Fensterscheibe blieb unversehrt. Die im Tempel zum Gottesdienste versammelten Juden waren durch diesen unerwarteten Eingriff in die größte Angst und Gefahr versetzt und konnten das Gotteshaus nicht verlassen. Erst nachdem es gelungen war, auf Umwegen einen Boten zum Bezirkshauptmann zu entsenden und dieser in Begleitung von Gendarmen erschien, zerstreute sich die Menge und die Juden vermochten ihre Wohnungen aufzusuchen. Die Belagerung der Synagoge hatte etwa anderthalb Stunden gedauert. Am nächsten Tage machte eine Deputation der angesehensten jüdischen Bürger Vorstellungen beim Bürgermeister und sodann dein: Bezirkshauptmann Szczerbinski, welch' Letzterer versprach, die Gendarmerie zu verstärken und nöthigenfalls Militär aus Krakau zu requirieren. Infolge des energischen Auftretens des Bezirkshauptmannes blieb die Ruhe Samstag ungestört. Gestern, Sonntag, rotteten sich, durch Zuzug aus der Umgegend verstärkt, wieder größere Massen zusammen und der Rummel sieng von Neuem an: es wurden wieder Fensterscheiben eingc schlagen. Tie jüdischen Bewohner sind in große Angst versetzt." Die Aufregung hat sich vielleicht schon gelegt, um morgen an einem anderen Orte wieder aufzubrechen und neue Excesse zu veranlassen. Ihr Ende ist nicht abzusehen, denn nicht im religiösen Fanatismus, nicht in der wirtschaftlichen Noth, sondern in der Absicht, die Juden politisch zu terrorisieren, liegt ihr Ausgangspunkt. L. Wiener-Neustadt. (Orig.-Corr.) Ich melde Ihnen wohl nichts Neues, wenn ich berichte, dass die Juden unserer Stadt gerade nicht die besten Zionisten sind. Im Gegentheill Sowie alle Städte im Lande Niederösterreich ihren conservativen Character bewahrt haben, so kleben auch ihre Juden an überlebten Principien und veralteten Ueberliefernngen und wehe dem Inden, der es wagt, sie in ihrer scheinbaren Ruhe und Zufriedenheit aufzurütteln. Und wenn es draußen stürmt und tobt und das Volk sich in fesselloser Leidenschaft gegen die Juden kehrt, so müssen diese doch innerlich stark und einig sein. Und einig sind sie. Der Cultusvorstand befiehlt und die Gemeindcmitglieder gehorchen. Und wenn auch diese Einigkeit im letzten Jahrzehnt noch nie das gewünschte Resultat gezeitigt und alle Wahlen mit einer geradezu beängstigenden Consequenz antisemitisch ausfallen, was thut's, es wird eiirmal schon besser werden. Die Wiener-Neustädter Inden hoffen es. Es wird aber nicht besser. Sie waren doch so brav, die Juden, jederzeit und gerade jetzt. Lilles Ungemach, das man ihnen angethan, wollten sie vergessen, um in brüderlicher Eintracht mit ihren „politischen Gegnern" die Erinnerung an die Märztage zu feiern. Im Festtagskleid, iu fröhlicher Stimmung, zogen sie in Hellen Schaaren znm Bersammlungslocal. Wie wurden sie aber enttäuscht, als sie erfuhren, dass „Nichtariern" der Eintritt verboten sei. Und so zogen sie heim in stiller Resignation, aber mit der Hoffnung im Herzen, „es wird schon besser werden." Budapest. i'Orig.-Corr.) Zahlreiche Bewunderer des Obersten Picqnart haben für ihn einen kostbaren Ehrensäbel. ansertigen lasten. Ueber diplomatische Intervention hat die Polizei nunmehr den Säbel consiscieren lassen. Als Grund wird angegeben, dass sowohl der Säbel, als auch die Scheide das ungarische Prädicat fiihren, was nur gestattet sei, wenn die Regierung die Erlaubnis hiezu ertheilt. Gegen den Verfertiger des Säbels wurde bei der Stadthanptmannschaft die Anklage wegen unbefugten Gebrauches des ungarischen Staatswappens erhoben, und er wurde zu zwei Tagen Arrest und :><>0 Gulden Strafe verurtheilt. Es wurde ein neuer Säbel ohne Wappen bestellt. Frankreich Paris. (Orig.-Corr.) Am K. März hielt der Antisemitenführer Max Rügis in Algier seinen Einzug. Tie ganze Bevöl kermig wartete im Hasen auf die Anknnft des Dampfers, der Rägis aus Marseille zurückbrachte. Kein Jude durfte sich aus den Straßen blicken lassen, alle jüdischen .Kaufläden wurden geschlossen als die Kunde von der Ankunft des Antisemiten Häuptlings sich in der Stadt verbreitete. Bulgarien. Sofia. (Orig. Cvrr.i Tie Zionisten Svffas haben abermals einen glänzenden Wahlsieg erfochten. Bei den Wahlen des Äor^ standes der an (5000 Seelen zählenden sephardischcn Cultns gemeinde haben sie den Beweis ihrer strammen Organisation erbracht und eine .Kraftprobe geleistet, die mir einem Schlage aus der verachteten und gewaltig unterschätzten Partei einen cinflnssrcichen Machtfactor der hauptstädtischen Jndeuschasr gemacht hat. Wie ein Alaun sind sämmtliche Zionisten Sofias an der Wahlurne erschienen und haben für den vorher vom Syuhedrivn des Centralvereines „Zion" ausgestellten und genehmigten Canditaten ihre Stimme abgegeben, und die Folge davon war, dass acht Männer gewählt wurden, die fortan im zionistischen Sinne die Leitung der Gemeinde besorgen werden, und die verpflichtet sind, dem zionistischen Cemralcvmitü über ihre Thärigkeir Rechenschaft abzulegen. Es ist dies seit einem Jahre bereits der zweite bedeutende Sieg, den der Centralverein „Zion" zu verzeichnen hat. Tenn vor kaum einem halben Jahre fassten die Zionisten auch in dem Vorstand der hiesigen