Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Article
- Eine jüdische Arbeiterstadt
- Date
- 1898-03-18
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 Jfoj$WdC Nr. 11 In den Fabriken, die auch Nachtbetrieb haben, wird die Arbeit am Samstag Abend wieder ausgenommen. Arbeiter und Arbeiterinnen versammeln sich in der Fabrik, die Feierragskleider werden in eigens hiersür bestimmten Räumen gegen die Werktagskleider vertauscht, der Werksührer macht „Hasdole", die Dampfmaschine wird in Bewegung gesetzt und die Wochenarbeit beginnt. Ta hier alle jüdischen Feiertage berücksichtigt werden, so zählt man im Jahre gewöhnlich 2S0 Arbeitstage, und bei ununterbrochenem Betrieb wechseln die Tag- und Nachtschichten die Nachtarbeit wöchentlich ab, weshalb aus jeden Arbeiter i 4o Arbeitstage und 140 Arbeitsnächte _a 11 Stunden jährlich entfallen. Ter Londoner „Economist" brachte vor kurzem die Geschichte der Achtstundentag-Bewegung, und zählte die sehr geringe 'Anzahl der Firmen aus, die in den letzten paar Jahren dem Drucke der Arbeiter und der verheerenden Strike nachgebend diese Nesorm versuchsweise eingesübrt haben. Bon der Judenstadt in den Nokitnosümpsen hat der Berichterstatter wohl nichts gewußt, sonst hätte er erwähnen müssen, dass dort vor IO Jahren eine jüdische Firma den Betrieb ihrer groß angelegten Napsölmühle aus der Basis des Achtstundentages mit U Arbeiterschichten organisiert halte. Einer der ersten Versuche, wenn nicht der allererste in Europa! Noch ein zweites Moment, das von großer socialer Wichtigkeit ist, und mit der jüdischen Anschauung über Ehe und Familie in engem Zusammenhänge steht, tritt hier hervor. Tie jüdische Arbeiterin verläßt mit ihrer Verheiratung die Fabrik, um sich ihrem neuen Wirkungskreise zu widmen. Wögen die Verhältnisse noch so drückend sein, so verläßt sie doch nie mehr ihre stinder und ihren häuslichen Herd, uni in die Fabrik znrückzukehren. Auch technisch stehen diese Werke aus der Höhe der Zeit, und so manche Fabrikanten und T.chniker aus den verschiedensten Gegenden Russlands sehen sich veranlasst, nach Pinsk zu pilgern, um neue Arbeitsmethoden und neue Verfahren kennen zu lernen: sind doch diese aus Judenhänden hervorgegangeneit Erzeugnisse als gut und gewissenhast ausgesührt aus in- und ausländischen Märkten bekannt. Verlassen wir nun das Gebiet der Industrie im engeren Sinne und wenden wir uns einem zweiten großen Arbeitsselde zu, aus dem die fleißigen Bewohner dieser arbeitsamen Stadt ebensalls unter harter Arbeit ihr Brod verdienen. Pinsk ist ein Binnenhafen mit regem Handel «die Siadl liegt au einem schiffbaren Flusse, der die Sümpfe durchschueidel) und der Warenverkehr daselbst beschäftigt einige hundert .Hafenarbeiter, die ausnahmslos Juden sind: welche 'Anforderungen an .straft und Ausdauer an diese stategorie von Arbeitern gestellt werden, das kann nur der beurtheilen, der das Ein- und Ausladen der Schisse im Hasen einmal beobachtet hat. Ein graubärtiger Jude, der mir einem t<>0 st lg. schweren Getreidesack beladen auf einem schmalen, schwanken Brette über den tiefen Fluss schreitet, ist eine Erscheinung, die der westeuropäische Jude sich kaum vorzustellen vermag, und doch — Tag für Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sehen wir den ganzen Sommer hindurch diese Armen unverdrossen unter ihrer Last dahinschreiten, gilt es doch in der kurzen Ravigalwnszeit des russischen Sommers das Brod für das ganze Jahr zu verdienen. Tiefe Hafenarbeiter bilden eine geschloffene Zunft, der das Gefühl der körperlichen Ueberlegenheit ein gewisses Selbstbewusstsein verleiht. Jüdische Bootruderer, die den Verkehr mir den benachbarten Ortschaften unterhalten, sind eine häufige Erscheinung, ja in dem bunten Gewühle des Wochenmarktes sieht matt häufig die wertergebräunte Jüdin mit tief in die Stirne reichendem ..Scheite!" austauchen: das Ruder in der Rechten, ihre Ware in der linken, drängt sie durch das Menschengewoge; sie ist aus dem nächstgelegenen Dorfe herübergerudert, um ihre kargen, landwirtschaftlichen Produkte — eine Henne oder wenige Eier, seilzubieten. Halbnackte Leute bis zur Brust im Wasser stehend, treiben schwimmende Holzstämme gegeneinander, andere, mit Mühe ihr Gleichgewicht erhaltend, springen von Balken zu Balken, um sie aneinanderzureihen — es sind Floß- Binder. In Deutschland, wohin diese Flöße exportiert werden, spottet so mancher antisemitische Holzhändler über „die Abneigung der Juden gegen physische Arbeit" und ahnt nicht, dass die Flöße, die er in Empfang nimmt, von armen Juden unter schwerer Mühsal, ja nicht selten unter Lebensgefahr, gebunden wurden. Auch hier in Pinsk, wie in ganz Westrussland, werden, wie schon eingangs erwähnt, alle Handwerksarbeiten von Juden besorgt. Wir finden hier zahlreiche Schneider, Schuster, Tischler, Schlosser, Maurer, Zimmerleute, Dachdecker 2c. Leider finden nicht alle den nothwendigen Erwerb, und das Los dieser Armen ist um so trauriger, als die Einschränkungsgesetze die Freizügigkeit der Juden fast gänzlich unterbinden und ihnen die Möglichkeit rauben, in anderen Gegenden Russlands, wo Mangel an Handwerkern herrscht, 'Arbeit zu suchen. Mit diesem in Umrissen gegebenen Bilde eines geschlossenen jüdischen 'Arbeitsgebietes, das übrigens in Russland durchaus nicht vereinzelt dastebt, glauben wir den Beweis erbracht zu haben, dass die Inden, aus einander angewiesen, auch ohne fremde Mithilfe eine ineinandergreisende, alle Schassensgebiete umfassende Thätigkeit entfalten können. Die Arbeitsfähigkeit aus geistigem Gebiete hier zu erwähnen, haben wir unterlassen: besitzt unser Volk dieselbe ja in so hohem Maße, dass sie ihm sogar als Rayenfehler angerechnet wird. Uns war es nur darum zu thun, dem alten Vorurtheile von der Nnsähigkeil und Unlust der Juden zu körperlicher 'Arbeit entgegenzutreten. Sk Die englische Zionisten-Conferenz. Es liegen nun die vollständigen Berichte über den Tag von Elerkenwell Town-Hall vor, Aus Allem geht hervor, dass es ein für die gesammte Bewegung erfreulicher Tag war. Tie englischen Zionisten haben gezeigt, dass sie sich dem allgemeinen Gedanken unter,zuvrdnen wissen. Ist man erst im Princip einig, so findet sich alles Weitere. Hegemvniesragen kann es zwischen den einzelnen Eomitös nicht geben. Ter Eongress bestimmt sein Bureau, und dieses dient nur der Sache. Es dient, damit ist Alles gesagt. Wenn wir noch etwas Besonderes herausheben sollen, so wäre es eine Andeutung des Obersten Goldsmid. Er ließ in seiner großangelegten Rede die Erwartung durchschimmern, dass auch die anderen namhaften jüdischen Körperschaften Englands unserer Bewegung näherkommen würden. Wir theilen diese Erwartung. Wir haben in kurzer Zeit schon gar Biele sich bekehren gesehen. Auch die Sprödesten werden daran glauben lernen, uns ist darum nicht bange. Eindrücke. Von I. de Haas. Es war ein großer Erfolg, das bedeutendste Ereignis der vergangenen Woche'. Feind und Freund stimmt darin überein, dass die Zionisten einen großen Sieg errungen haben, und es ist nicht gerade, leicht, von dem kalten englischen Juden ein Wort des Lobes zu erhalten. Um den Erfolg begreiflich zu machen, ist es nöthig, einige Thatsachen anzuführcn, die mit dein Zionismus nicht in Zusammenhang stehen. Tie jüdischen Eultnsgemeinden Englands legen zwar in London ein deutliches Zusammengehörigkeitsgefühl an den Tag, sind aber m den Provinzen in keiner anderen Weise, weder untereinander, noch mit der Metropole vereinigt,