Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-03-18
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 jfciCrtWr Seite 3 Ein deutscher Arzt hat unlängst die Greuel geschildert, die sich bei dem Transport spanischer Verwundeter zu tragen. Von Cuba aus werden die Unglücklichen in großen Schiffen nach der Heimat übeifführt, ohne Pflege, ohne Nahrung, in verseuchten, gruftähnlichen Cabinen. Die Gesellschaft, welche den Schiffstransport mit großem Gewinne besorgt, hat es verstanden, alle anderen Concurrenzunternehmen, die ffch bei bedeutender Billigkeit zu menschlichem Verfahren verpflichten wollten, aus dem Felde zu schlagen. So fordert dieses Capital nicht viel weniger Opfer als der Krieg selbst. Welch ein Wuthgeschrei würde sich in ganz Europa über diese „Lngelmacherei" erheben, wäre jene Gesellschaft nicht vollständig judenrein und über jeden semitischen Verdacht erhaben. Dass das Recht, wenn es jüdisch ist, Unrecht sein soll, könnte noch angehen. Dass aber das judenreine Unrecht Recht wird, sollte niemand wollen. Eine jüdische Arbriterstadt. Von Karlincr. Der Eiser und die Opferwilligkeit, mit welcher die großen und kleinen europäischen Elationen in allen Welttheilen nach Absatzgebieten für ihre nationale Arbeit suchen, drückt unserer Zeit den Stempel auf. Wir leben im Zeitalter der Arbeit und diese muss die Basis jedes modernen Staats- und Gemeinwesens sein. Können nun wir Juden ein arbeitsfähiges und arbeitskräftiges Volk abgeben, oder haben wir im Laufe der Jahrhunderte die Fähigkeit zur physischen Arbeit verloren, wie unsere Gegner und leider auch viele der Unsrigen, in ihrer" Kurzsichtigkeit behaupten? Vielleicht werden die folgenden Zeilen mit ihrer sachlichen Darstellung bereits bestehender Verhältnisse dazu beitragen, manchen Zweifler an der Kraft des eigenen Volkes eines Besseren zu belehren. Russland vor allem, als Herberge von mehr als der Hälfte der gesammten Judenschaft, erscheint uns maßgebend für das Wollen und Können der Juden, und hier ist es auch, wo wir uns von ihrer Leistungsfähigkeit überzeugen können. Bekannt ist die Thatsache, dass in Südrussland 20.000 jüdische Ackerbauer wohlorganisierte Dorfgemeinden mit jüdischen Schultzen (Dorfältesten) an der Spitze bilden, deren Bedeutung auch die Regierung anerkannt hat, indem sie zur Leitung und Ueberwachung derselben eine eigene Behörde einsetzte. In neuerer Zeit hat sie daselbst sogar eine jüdische Elementär-Ackerbauschule errichtet. Ebenso dürfte es bekannt sein, dass in Westrussland, dem großen russischen Juden-Ghetto, das Handwerk in allen seinen Zweigen fast ausnahmslos in jüdischen Händen ist, so dass sogar Kirchenbauten von jüdischen Bauhandwerkern aufgeführt werden. — Die Hufschmiede in den Dörfern Litthauens sind zum größten Theile Juden, und das Fuhrwesen zum Transporte von Personen und Lasten in der Stadt, wie auf dem flachen Lande, wird von Juden besorgt: bei den primitiven Wegen und dem harten Klima Russlands ein beschwerliches und aufreibendes Geschäft.*) An dem Aufschwünge der Industrie in den letzten Jahrzehnten haben die Juden in Russland nicht allein mit ihrem Unternehmungsgeist und ihrer Intelligenz als Fabrikanten und Techniker theilgenommen, sie haben auch ein beträchtliches Arbeiter-Contingent gestellt. Nachdem wir der Vollständigkeit halber diese bekannten Und oft erwähnten Thatsachen berührt haben, wollen wir zur eingehenden Schilderung einer jüdischen Fabriksstadr übergehen. *) Anmerkung. Bei den weitgehenden Judenausweisungen in den Achtzigersahren sahen die Behörden sich veranlasst, Ausnahmen für die jüdischen Hufschmiede zu machen, da es schwer siel, Ersatz für dieselben zu schassen. Unser Fall erscheint von besonderem Interesse dadurch, dass an einem eittlegenen, von den großen Jndußriecentren Russlands weit entfernten Orte jüdische Intelligenz, jüdische Energie und jüdische Arbeitskraft ohne jegliche Einwirkung von außen, selbständig eine Arbeitsstaüt geschaffen haben. Inmitten der großen, unwirtlichen RokitNosüMpfe, welche im Westen Russlands einen Länderstrich von der Größe des Königreiches Sachsen bedecken, liegt wie eine Oase die Stadt Pinsk mit einer Einwohnerzahl von 80.000 Seelen, wovon 28.000 Juden. Bis vor ungefähr zwei Jahrzehnten fand sich in dieser Gegend keine Spur irgend einer Industrie, jetzt finden wir dort, dank der Unternehmungs- und Arbeitslust der jüdischen Bevölkerung, einen schönen Anfang einer großen Industrie, die aller Voraussicht nach einer noch weiteren Entwicklung entgegengeht. Hier sehen wir bei den verschiedensten Abstufungen des Betriebes von der großen, mit allen technischen Hilfsmitteln der "Neuzeit versehenen, mehrere hundert Arbeiter beschäftigenden Fabrik, bis herab zum kleinen Handbetriebe die mannigfaltigsten Erzeugnisse entstehen. An der Seite des jüdischen Fabrikanten Nrrden wir hier nicht allein ein jüdisches commercielles und technisches Personal, sondern auch den jüdischen Eerkführer, den jüdischen Maschinisten, den jüdischen Heizer und ausnahmslos jüdische Arbeiter. Folgende Aufzählung, die aus Vollständigkeit durchaus keinen Anspruch macht, wird das Gesagte' einigermaßen illustrieren. Es bestehen daselbst: Eine chemische Fabrik; eine größere Oelfabrik mit Dampfbetrieb: eine Fournierfabrik (1.",o Arbeiter); zwei Schneidemühlen (zusammen "><) Arbeiten; eine Zündwarenfabrik (400 Arbeiter); eine Schuhnägelfabrik (.200 Arbeiter); eine Stearinkerzenfabrik 1120 Arbeiter): eine Korkwarenfabrik (80 Arbeiter); eine Parquettensabrik; eine Brauerei; mehrere Tabakfabriken (zusammen N(K) Arbeiter). Eine größere .Korkwarenfabrik, die einer christlichen Firma gehört, beschäftigt unter ihren l.",0 Arbeitern zum größten Theile Juden, ebenso die einem Franzosen gehörige Schiffswerfte, welcheDampfschiffe und Baggft-maschinen baut. Reben diesen größeren Betrieben ändert wir dort noch eine große Anzahl kleinerer, wie: Kessel- und Nagelschmieden, Gelbgießereien, Messingdrehereien, Gerbereien, Seifensiedereien, kleine Bierbrauereien, eine Darmsaitenfabrik, eine Melaffefabrik, eine Tallesweberei, mehrere kleine Leinölmühlen 2c. Berücksichtigt man, dass alle diese Etablissements und Werkstätten nicht etwa von Philanthropen gegründete Arbeitshäuser sind, um arme Juden zu beschäftigen, sondern aus Gewinn angelegte Unternehmungen, die den Cyncurrenzkampf mit in- und ausländischer Industrie zu bestehen haben, so ist es selbstverständlich, dass eine strenge Organisation und eine tüchtige, fleißige und rvohldisciplinierte Arbeiterschaar in denselben vorhanden sein muss. Wenn um 6 Uhr morgens dieDamPfpfeifen an allen Enden der Stadt ertönen, dann sieht man die jüdische Arbeiterschaar sich in Strömen durch die Gaffen ergießen und an die Arbeit eilen. Ein ZuspätkomMen gibt es nicht, wartet doch auf jeden seine Arbeit, die ein Theil des Ganzen ist, und wie überall, so treibt ja auch hier der Concurrenzkamps den Fabriksherrn zur Strenge. Dieselben Dampfpfeifen geben am Freitag Nachmittag das Signal zur Einstellung der Arbeit, de-nn strenge Sabbatruhe wird gehalten in dieser Lftbeilerstadt, und eilenden Schrittes kehrt jeder zurück — nicht et Ml um in die Schänke zu gehen sondern heim in den Schoß seiner Familie.