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Die Welt · 1898-03-18 · 11 (18.3.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
11 (18.3.1898)
Article
Problematische Naturen
Date
1898-03-18
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 11 Und wenn solche kindische Knabenträume vergiengen, wenn der Mann, der aus einem solchen Knaben erwuchs, das Aussichtslose des Widerstandes und die ihn rings umgebende Hemmung seiner Schaffenskraft begriff, dann entstanden die problematischen Existenzen, von denen unsere Zeit, unsere Parteien wimmeln. Wie viel gesunde Kraft wurde infolge des äußeren Druckes in widersinnigem Streben, in Äußerlichkeiten, in toller Jagd nach sinnlichen Vergnügungen vergeudet, durch welche man sich vor sich selbst retten wollte. Und Tausende sind in die Reihen der Revolutionsparteien getreten. Tausende ziehen heute selbst den Barrikadenkampf, den gewaltsamen Umsturz, dem jetzigen unhaltbar gewordenen Zustand vor. Der Jude ist von Natur der Friedlichste, Ruhigste aller Bürger, nach seiner ganzen conservativen Veranlagung die natürliche Stütze der Throne. Was muss er gelitten haben, wenn ihm der Umsturz als letztes Heil erscheint. So war es, bis der zionistische Gedanke auftauchte. Wenn er den Massen die Erlösung aus der materiellen Roth versprach, sie eine ehrliche und geachtete, wenn auch arbeitsschwere Existenz auf eigenem Boden erhoffen ließ, so brachte erden Gebildeten die Befreiung von dem entsetzlichen geistigen Zwange, der sie bisher bedrückte. Die Nervosität begann zu schwinden, weil man wieder hoffen konnte, die Beschimpfungen und der Hohn der Gegner verletzten nicht mehr, weil man in der Arbeit nach einem idealen und erreichbaren Ziele die Selbstachtung wiederfand. Im Kampfe für Andere, die noch ärmer und gedrückter als wir westeuropäischen Juden sind, kämpfend für unsere Brüder in Russland, Rumänien, Galizien können wir Mitarbeiten am Wohle der Menschheit, können wir uns selbst ethisch heben, indem wir um Anderer willen uns selbst verleugnen. Nur der ist glücklich, der um anderer willen streben kann, wir waren bisher unglücklich, weil man uns diese Möglichkeit versagte. Und wenn man uns den alten thörichten Vorwurf macht, dass unsere Bewegung unsere eigenen wenigen Freiheiten gefährde, so antworten wir, dass wir das Errungene hauptsächlich deshalb schätzen, weil wir es möglicherweise für Dritte zum Opfer bringen können. Die Woche. Wien, 17. März 18W. Diese Woche hat den „alten Achtundvierzigern" gehört. Sie sind hervorgekommen aus ihren Pensionen und wattierten Ausgedingen, haben ein bisschen geprahlt, ein bisschen geweint, und mit gebrechlichen Stimmen das 6au(t6Lmus igitur gesungen, obwohl sie keineswegs juvenes dum sunt. Es fällt uns nicht ein, die alten Herren herabzusetzen, wenn sie auch zumeist für „Revolutionäre" erstaunlich behagliche Carrwren gemacht haben. Zwar wenn wir die Namensliste der noch erhaltenen Legionäre durchsehen, wollen in uns allerlei Gedanken aufzucken, ob es denn nicht besser gewesen wäre, die achtundvierziger Legende ruhig weiter verstauben zu lassen. Im Sonnenlicht eines hellen Märztages nehmen sich diese Ueberbeibsel eher kläglich aus. Aber dennoch haben wir Respect genug vordem, was der Traum und die Illusion unserer Väter war, um nicht laut aufzulachen. Eines muss uns freilich gestattet sein, nämlich die Untersuchung der Frage, was denn uns diese alte Geschichte noch angeht. Was haben wir modernen Menschen noch mit jenen Märztagen gemein? In den bürgerlichen Kreisen, die seit fünfzig Jahren im Giebel der damaligen Phrasen umherwandeln, ist ja schon die Aufstellung einer solchen Frage ein schmähliches Verbrechen, und wer sich nicht vor dem Schibboleth „Achtundvierzig" verneigt, gilt sofort als ein arger Reaktionär. Wie anders war der Boden beschaffen, auf welchem die Juden vor fünfzig Jahren standen, auf dem sie kämpften, Saat ausstreuten. Und den sie für fruchtbar hielten. Welche Ernte haben sie damals erhofft — ab erste ist nicht in die Halme geschossen. Wie mochten die Väter sich damals im allgemeinen Brüderlichkeitsrummel das Los künftiger Generationen ausgemalt haben. Und wie steht es heute mit all' den Anpassungsträumen, den Versöhnungsillusionen, Rach einem halben Jahrhundert heißen Bemühens, dem es an Ehrlichkeit und Opfermuth nicht gefehlt hat, ist der Assiwilierungskrach gekommen. Der totale Zusammenbruch all' der Luftschlösser, aufgebaut unter dem blauen Märzhimmel von 1S4x. Was vor fünfzig Jahren geglaubt wurde, wird heute verhöhnt, und worüber man damals gelacht hätte, das glaubt man jetzt. Das Resultat dieser fünfzig Jahre ist die Wiederbelebung des Blutmärchens, und in dieser Woche ist es mit allerTurbulenz zur Abwechslung einmal in Wieliczka aufgetaucht. Weil man aber die Juden nicht gut ohne Grund anfallen konnte, schrie man aus, sie hätten sich an den Verbreitern dieser Geschichten rächen wollen. Für dieses „Wollen" stürmte der Pöbel von Wieliczka die Synagoge,— so sehen die Märztage von aus. Rachsucht und Blutdurst das wird den Juden, die man sonst als so lächerlich, so schimpflich friedfertig hinstellt, augenblicklich nachgesagt, wenn es nur für irgend eine Gelegenheit halbwegs taugt. Aus Budapest sollte an Picquart ein Ehrensäbel abgesendet werden. Dieser Ehrensäbelwird consequent „das Mordinstrument" genannt.Welch ein Volk von Wüterichen, das inmitten des friedlichen, waffenlosen Europas Mordwerkzeuge „vertheilt"! Dass ein Ehrensäbel als das Symbol der Waffenehre, der Ritterlichkeit gilt, daran erinnert man sich bei diesem Anlass absolut nicht. Alle Zeughäuser, alle Arsenale sind vergessen, man wäscht die Hände eilends in Unschuld, stellt sich zahm und milde, — und nur Juda steht unter den liebeerfüllten Culturnationen mit blutiger Mordwaffe da. Der Judenhass allein scheint große Seelen doch nicht ganz ausfüllen zu können, —- es muss auch ein Mandat dabei sein. Was hat Herr Rögis davon, wenn er die Judenmassacres in Algier so trefflich inscenierte, wenn er nicht in die Kammer gelangt? Was hat er davon, dass er die Juden nicht leiden Mag, wenn er nicht Deputierter wird? Er candidiert in Mnstapha. Wenn aber der eingeborene Deputierte gleichfalls auf Grund des antisemitischen Programmes gewählt werden möchte, fordert Herr Rägis den unbescheidenen Gesinnungsgenossen zum Duell und spießt ihn ein bisschen auf. Man muss etwas für seine politischen Neberzeugnngen thun. Praktischer ist der Graf* Greffulhe, der die unsicheren Chancen eines Zweikampfes vermeidet, und mit Capital arbeitet. Er bot seinem Gegencandidaten Bretonne, der auch Antisemit ist, 50.000 Francs für die Ueberlassung des Mandates. Und Bretonne fand sich geneigt, dem Herrn Grafen gegen fünfzigtausend Francs das köstliche Recht, in der Kammer auf die Juden zu schimpfen, feierlich abzutreten. Graf Greffulhe wird voraussichtlich bestrebt sein, aus seine Kosten zu kommen. Er wird viele Reden gegen die Corruption halten, lange wohleinstudierte Reden gegen jüdische Bestechungen, und der Präsident wird ein Einsehen haben müssen mit diesem Deputierten, der sich's fünfzigtausend Francs kosten ließ, sich öffentlich moralisch entrüsten zu dürfen.

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