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Die Welt · 1898-03-18 · 11 (18.3.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
None (sequence 1)
Language
German
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J3-E Aedariion l Erscheint jeden Freitag. * 3-Ej Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit-' Wie« die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. Telephon Nr. 8805. Unfrankierte Briese werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. ja-1 2 Manuscripte nicht zurückgesendet. j 3-- Ltiilgspmlk: ganzjährig esterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. -- 6 Kr., ganzjährig 6 fl.-- 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland 1*3 TH Slit tirtTfiTrt^vtrt il Sllt 1 F. T '~ZW^ sW.T.fAMSk Nr 11. Wien. 18. Mär; 1898. 2. Jahrgang. Problematische Naturen. Von Tr. Friedemann (Berlin). Als die preußische Krone in unablässigen Kämpfen die Macht der Adels-Landtage gebrochen und dem Adel die Stellung eines Dieners seines Königs gegeben hatte, zog sie gelegentlich auch bürgerliche Beamte in den Staatsdienst. Schon Friedrich der Große hatte im siebenjährigen Kriege Bürgerliche zu den Officiersstellen zugezogen, aber nach dem Friedensschlüsse mussten sie den Abschied nehmen. Selbst nach den Freiheitskriegen wurden sie nur vereinzelt zugelassen und mussten sich mit den minder vornehmen Stellen in Husaren- und Artillerieregimentern begnügen. Die Verwaltung blieb ihnen so gut wie verschlossen. Das Land war verarmt, jede freiheitliche Regung ward im Keime erstickt, die geringste Kraftäußerung des Individualismus wurde mit schweren Festungsstrafen geahndet. Spielhagen schildert in seinen „Problematischen Naturen" die Menschen, welche unter solchen Verhältnissen entstehen mussten. Der innere, durch moderne Ideen gezeitigte Freiheitsdrang ließ das Bürgerthum die Ketten als unerträglich empfinden, die es bisher mit selbstverständlichem Gleichmuthe getragen hatte. Eine furchtbare Nervosität bemächtigte sich der Gebildeten. Man wollte Mitarbeiten am Gemeinwohl, aber man konnte es nicht, man wollte schaffen und man sollte resignieren. So entstanden Männer, die ihre Kraft in Nichtigkeiten vergeudeten, im aussichtslosen Kampfe gegen die Uebermacht, verzweifelnd mit sich und der Welt zerfielen, um endlich den verfehlten Lebenslauf durch eine Kugel, oder, wenn das Glück günstig, in ehrlichem Kampfe auf der Bamnkade zu beschließen. Wir Juden haben ähnliche Zeiten zu bestehen. Seit so vielen die Philosophie stillen Leidens mit der Religion abhanden gekommen war, seit man das Dasein nicht mehr als Prüfungszeit auffasste, begann man seinen Antheil an dem frisch pulsierenden Leben der Allgemeinheit zu nehmen. Man wollte mitkämpfen, mitleiden, ein Theil vom großen Ganzen werden. Der Jude wollte Mensch mit Menschen sein, was ihm ja solange versagt gewesen, er wollte alles, was er von Schaffensdrang in sich fühlte, auch anderen mittheilen können. Solange die kapitalistische Epoche dauerte, während welcher man das Geld der Juden brauchte, duldete man dies Streben. Dann aber kam der Rückschlag. Im gesellschaftlichen und im Staatsleben wurde der Jude wieder Paria, sah er eherne Mauern um sich emporwachsen. Sein Thun-Wollen, der in ihm lebende kategorische Imperativ der Pflicht, am großen Menschheitswerke theilzunehmen, wurde verhöhnt, mit der Rohheit zurückgewiesen, welche den Antisemitismus zum dauernden Schandfleck im Leben der europäischen Völker stempelt. Die schwächeren Charactere griffen zum letzten Rettungsanker, zur Taufe. Die Stärkeren aber verzehrten sich in ohnmächtigem Kampfe mit der Uebermacht. Welche Qual, welche Verzweiflung der ewig Zurückgewiesene empfindet, welche Nervosität den redlich Wollenden ergreift, der zum Dank für seinen guten Willen vom Pöbel als Abschaum der Menschheit verhöhnt wird, das weiß nur der Jude. Ich erinnere mich der Gefühle, mit denen ich als Knabe auf dem Schulwege mich von den Mitschülern als „Jude" geschmäht hörte, des Gefühls wüthender Machtlosigkeit gegenüber der Uebermacht, der Scham und des verletzten brennenden Ehrgefühls. So etwas vergißt sich nicht. Solche Gefühle haben Disraeli beseelt, als er seinen „Vivian Grey", seinen „Contarini Fleming" schrieb. Wer die Beschreibung von des Letzteren blutigen Schülerkämpfen um antisemitischer Angriffe willen gelesen hat, der weiß, mit welchem Hass die jugendlichen Seelen vergiftet werden. „Ich fuhr wieder auf ihn ein, er kämpfte, aber er war wie eine Schlange gegen einen Tiger. Meine Schläge fielen mit der Genauigkeit einer Maschine, sein blutiges Gesicht war nicht wiederzuerkennen. Ich glaube, dass er über meine wahnsinnige Miene entsetzt war.. ., ich hörre nicht auf, seinen Kops zu bearbeiten, bis meine Faust in sein Gehirn einzudringen schien, und nach zehn Gängen fiel er um, ganz blind. Er konnte nicht rechtzeitig wieder auf die Füße kommen. Ich sprang vor und stemmte meine Füße auf seine Brust. „Schlage mich nicht mehr", rief ermatt. „Bitte um Verzeihung" schrie ich. „Niemals," antwortete er. Ich erhob meinen Arm. Einige wollten sich in's Mittel legen. „Fort", rief ich, „fort." Ich ergriff den gefallenen Anführer, schleppte ihn zur Thüre hinaus wie Achilles den toten Hektor. Am Ende des Weges war ein Misthaufen. Aus den hinaus schleuderte ich seinen Körper." Dasselbe Empfinden lässt den 14jährigen Ferdinand Lassalle in seinem Tagebuche die Hoffnung aussprechen, bald erwachsen zu sein, uw das Blutbad von Damaskus mit Blut rächen zu können.

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