Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1898-03-11
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 «PWWdt: Nr 10 Abends. Professor Waschmann halte ein Kunstwerk geliefert, ein Relief in Bronce, den Zionismus symbolisierend: ein jüdischer Hirte, der gegen Zion wandelt. Dass bis in die Morgenstunden flott getanzt wurde, ist selbstverständlich. Äm ic>. d. M. findet präclse um halb S Uhr Abends im Saale des Kaufmännischen Vereins ein von Bertha und A. G. von Suttner veranstalteter V o r l e s c a b e n d statt, an welchem der Rccitator R. Faelberg die Tragödie „Ca las" von Victor Stern zum Vortrage bringen wird. Die vor mehreren Jahren schon vollendete Dichtung gewinnt augenblicklich dadurch eine besondere Actualität, dass sich an den historischen Full Culus der nicht minder historische Fall Dreysus anlehnt. Wien. (Ehrung.) In der am 27. Februar a. c. stattgehabten 11. Generalversammlung des Krankcn-Unlerstützungsvereins „Liwias Ehe n" wurde über Antrag des Ausschussmitglieves Anton L o e w und nach einer wirkungsvollen Ausführung die die Festversammlung mit lebhaftem Interesse begleiten:, Herr Tr. Theodor H e r z l in Wien zum E h r e n m i t g l i e d e dieses Vereins ernannt. Prerau. Ter Ferialverein jüdischer .Hochschüler „Massad ah" für Mähr.-Weißkirchen und Umgebung veranstaltet anlässlich des Purimsestes am Ul. Rtärz e. im Restaurant Haas in Prerau einen Festcommers mit nachfolgendem Tnnzrränzchcn. Beim Commerse wird med. Alfred Löw über den Zionismus sprechen. IkitslhMknrundschau. Aus Memel berichtet man dem „Hamcliz" über einen Vortrag unter dem Titel „Der Zionismus in der altjüdischen Literatur und neuzeitlichen Geschichte", den unser hervorragender Gesinnungsgenosse Herr Dr. R ü l s im dortigen Literatur-Vereine jüngst gehalten hat. Der Vortrag dürfte nach der Meinung des Berichterstatters im Druck erscheinen, und wir behalten uns die Besprechung desselben vor. Eine interessante Mittheilung macht der Correspondent über ein Gespräch mit Dr. Rülf, in welchem ihm der ehrwürdige Rabbiner den Ursprung seiner zionistischen Gesinnung wie folgt schildert: „Es war in den Fünszigerjahren, also vor mehr als vierzig Jahren, als ich als junger Rabbiner in einer hessischen Gemeinde erst kurze Zeit fungierte. Da wurde in Marburg eine Versammlung von Gemeindevertretern veranstaltet, in welcher über die Lage der Juden in Hessen, über die Mittel zur Erlangung der bürgerlichen Gleichheit durch Reformen :c. berathen wurde. Drei Tage dauerte die Tiscussion, die zu keinem Resultate führen wollte. Tie Alten behaupteten hartnäckig ihren orthodoxen Standpunkt gegen die Jungen, die mit aller Heftigkeit für die Vernichtung alles Altjüdischen einrraten. Während dieser Debatten saß in einem Winkel des Saales ein stattlicher Mann, der keine Lust zeigte, in die Tiscussion einzugreifen, dagegen aber fleißig Notizen machte. Ich hielt ihn für den Eorrespodenten irgend einer Zeitung, überhaupt für einen Nichtjuden. Am dritten Tage ries ihm plötzlich der Vorsitzende zu: „Lieber Herr Dr. Meyer, wollen Sie sich nicht zum Worte melden?" „Ich kann hier leider nicht mitsprechen, denn ich fürchte, missverstanden zu werden", antwortete er. Auf die wiederholte Bitte des Vorsitzenden, er mochte doch seine Meinung äußern, bemerkte Dr. Meyer: „Alle diese Vorschläge sind nichts als eitel Kinderspiel, und Sie können damit nichts erreichen. Ihnen, meine Herren, fehlt nur Eines, das Sie vielleicht nicht begreifen werden, die nationale Selbsterkenntnis. Ihr'Jungen, die Ihr alles Jüdische abstreisen zu müssen glaubt, und Ihr Alten, die Ihr alles so lassen wollet, wie es bis jetzt war, Ihr wisset alle nicht, was uns seHlt. Würdet Ihr dieses Selbstbewusstsein besitzen, so würdet Ihr Euch in Euer Volksthum vertiefen und aus dessen Geschichte Lehren ziehen. Ihr würdet nicht daran denken, wie man durch das Preisgeben des Jüdisch-Nationalen die Gunst der Mitbürger erwerben könne. Wenn Ihr Euch selbst erka -nt haben werdet, so werdet Ihr erfahren, dass man das Recht hat, Staatsbürger zu sein und dabei Jude zu bleiben . . ." Nach diesem Redner sollte ich sprechen. Ich verzichtete aus das Wort. Nach diesen Ausführungen hatte ich nichts mehr zu sprechen. Auch die anderen Anwesenden schwiegen: niemand hatte ihn verstanden, was er eigentlich mit seiner Anregung zur nationalen Selbsterkenntnis sagen wollte. Dieser damals — vor 40 Jahren — unklare Begriff des nationalen Bewusstseins war auch mir unverständlich, aber ich dachte später noch oft darüber nach. Ten Mann, der mich dazu anregle, sah ich nie wieder. Als, nach Verlauf von etwa 80 Jahren, 1882, der Antisemitismus austrat und uns bittere Belehrung über unsere traurige Lage gab, erhielt ich eines Tages die Brochure eines Pseudonymus unter dem Titel „Auto-Emancipation", die mich sowohl durch ihren wunderbaren Styl, als durch ihren Inhalt entzückte. Der Berliner Verleger theilte mir mir, dass der Verfasser Dr. Pinsk er aus Odessa sei und mir bald schreiben werde. Bald darauf erhielt ich ein Schreiben von Dr. P., mit dem ich in Freundschaftsbeziehungen trat, und dem ich mein in demselben Jahre erschienenes Buch .A,.;c!.uth!>.;üi-Aiui■ („Heilung meines Volkes") widmete. Seitdem giengen wir Hand in Hand. Beide Schriften verfolgen den Zweck, das Bewusstsein der jüdischen Nation zur Geltung zu bringen, beide regen den Gedanken einer jüdischen Ansiedlung an, einer geordneten Ansiedlung auf gesichertem Boden, wo der jüdischen Nation eine glückliche Zukunft erblühen soll. Dr. Pinskers «christ nennt noch nicht das heilige Land als diesen Ort der Ansiedlung: ich ergänzte ihn in diesem Sinne, und er pflichtete mir bei. Agaren wir doch beide davon überzeugt, dass der Zionismus allein imstande ist, das jüdisch-nationale Selbstbewusstsein zu heben und die Achtung unseres Volkes bei aller Welt wiederherzustellen. An dieser Idee halte ich noch jetzt fest, da ich von deren innerer Wahrheit tief überzeugt bin ..." 8. In einer der letzten Nummern der „Ethischen Cultur" publiciert unser Parteigenosse S. Lublinski einen sehr anregenden Artikel über zwei Grundtriebe „ethischer Cultur" und kommt im Laufe desselben aus den Zionismus zu sprechen. Er sagt darüber: „Für diese politische Umwandlung (nämlich „dass sich auch in der Politik das Nationalgesühl zu modernisieren und zu versittlichen beginnt"), möchte ich an dieser Stelle ein Beispiel ansühren, welches mir ganz besonders nahe liegt. Es ist das neujüdische Nationalgesühl, der Zionismus, den ich der Aufmerksamkeit solcher Ethiker empfehle, die der Entwicklung auch auf Seriensprüngen zu folgen vermögen. Wer diese Bewegung wirklich kennt und ohne bösen Willen an sie herantritt, der mag aus politischen Gründen immer noch zweifeln, ob es den Führern gelingen wird, den eristenz- und heimatlosen Juden des Ostens eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimat zu verschaffen — mehr wollen die Zionisten wirklich nicht — aber er wird sich überzeugen müssen, dass er einer eminent sittlichen und zugleich modernen Erscheinung gegenübersteht. Denn in diesen Kreisen herrscht ein leidenschaftliches Bestreben, das Volksthum zu ehren, sich seiner Abstammung nicht zu schämen und zugleich den socialen und ästhetischen Anforderungen der modernen Cultur vollauf gerecht zu werden. Ter heiße Drang aber, für sein Nationalgesühl eine Formel zu finden, welche es von der Seuche des Chauvinismus befreit, verdient die tiefste Beachtung aller Derjenigen, welche ihre Zeit wirklich verstehen und versittlichen wollen. Auch ist es den Zionisten gelungen, gegen jede specisisch jüdische Selbstbeweihräucherung eine riese Abneigung in den Reihen ihrer Anhänger zu erwecken. Indem die Zionisten dagegen Front machen, beweisen sie, dass ein Nationalgesühl, welches sich modernisiert hat, ganz etwas anderes, als Chauvinismus ist. Es ist jene neue, höhere Lebensform, welche die Zusammenfassung und Versöhnung der beiden grundlegenden Triebe der Menfchennatur bedeutet." Fcuil Ein Iudenorl. Ich begreife die Aufregung der Siebenbürger Sachsen über das Gesetz der Magparisierung aller Ortsnamen in Ungarn, denn ich fühle als Jude das Herbe dieses Gesetzes, durch welches auch ein Iudenort feinen Namen verlieren und von feiner Vergangenheit abgeschnitten werden soll. Ein Iudenort? Gibrs denn einen solchen in Ungarn, überhaupt mehr in der Welt? I C t 0 tt. Allerdings! Es ist mein Laüenbach, das wie im Wunder der Legende vom Hause Jesus, das von "Nazareth nach Loretlo versetzt wurde, von dem Judenlande mitten in diese christliche Welt gerathen zu sein scheint. Hart an der Westgrenze Ungarns, zwei Wegstunden von der alten Stadt Oedenburg entfernt, in einem Thale von den waldigen Abhängen der letzten Ausläufer der norischen Alpen eingeschlossen, ist dieser Iudenort Lackenbach gelegen. Ter Ort ist in der weiten Welt ungekannt. Er'ist in keinem Handbuche der Geographie beschrieben, auf keiner Landkarte verzeichnet, denn er zählt nicht einmal zu